Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange, hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen, Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und eine lange, rote Feder auf dem Hut.
Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren. Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig, aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.
Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab, solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den Oberbefehl übernahm.
Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke. Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür, und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder, die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten, um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder, die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem Geld.
Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins forderte.
| Wallenstein, |
| nach einem Stich von Peter de Jode. |
Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen. Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.
Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte, was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen, und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler seien als Rebellen.
Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren. Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen. Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen.
Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen, der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser, so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen. Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es, Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie einen größeren Triumph gefeiert.