Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst in seinen Dienst gezogen.

Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten; er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane, Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben und in der Retorte Menschen zu erzeugen.

Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino. Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold. In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es, der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im Gefängnis.

Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen Hermes trismegistos, und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in Ziegelsteinform gegossen waren.

Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe, Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein fundamentales Werk »nova astronomia de stella martis« in die Welt sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.

Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu mildern versuche:

Kaiser Rudolf II.,
nach einem Stich von A. Wierx.

»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt, deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt, freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint, die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen, aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt, hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«

Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien; die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr. Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte, erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall; er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.

Daniel L’Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden. Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten weißen Hose ein spanisches Wams.«