Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, une belle âme, aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester, gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen, die Musik war ihm geradezu unleidlich.

In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt. Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein so guter Christ er auch war.

Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem Sohn Friedrich angedeihen ließ.

Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline heiratete später den englischen Georg.

In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet und lebhaft, ehrgeizig und stolz.

Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände, und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ, anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt. Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie, deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so hätte ich ihn verhaften lassen.«

Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.

Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten. Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern, das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte, rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.

Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte, ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.

Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen. Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt, gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch, was er an ihm besaß.