Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen. »Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er, »so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen ne sait rien du tout des affaires. Wenn du es nicht recht anfangen wirst und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe über dich lachen.«
Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern, Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen. Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde, widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von Katechismo noltenii repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst.
Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren, das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte, behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte, schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn, warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben, Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!«
Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten, ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten, drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme: »Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel. Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet. Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne Notwendigkeit.
Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee, bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer, Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und Gesandten.
Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener, auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling.
Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß, recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben. Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter, mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde.
In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab. Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister, »man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn cum voto sessionis anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer im ganzen Land übertragen«.
Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen. Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen. Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen.
Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten« eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen. Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König, die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu. Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen, warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing; Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit geben, daß er noch lebte.