Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784 schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr, daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.«
Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich, besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft. Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen, und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger langen Weile zum voraus verschmachten.«
Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar 1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.«
Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin, daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte, glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau übel begegnet hat.«
Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach; sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei, besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt. Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen, für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken. Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland, ihre Ausbildung genossen hatte.
Karl August hatte auch für die Literatur der Ars amandi viel übrig und legte sich eine Bibliotheca erotica an, welche die seltensten Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach interessierte.
Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ... Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen, zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden. Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und macht wieder Verse.«
Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, le comte du Nord, schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland. Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.«
Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten. Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu haben.«
Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig, kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener, der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach, abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander. Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag legte.