Tarnow schwieg.
Der Organist platzte mit Lachen heraus. Der Prediger, ein noch junger Mann, der unter widerwärtigem Schlürfen seine Suppe aß, nickte etwas stupid vor sich hin. Der Amtmann stieß während der ganzen Dauer der Mahlzeit beleidigende und kränkende Worte gegen Tarnow aus, machte sogar zotenhafte Witze, bei denen der Prediger errötete und wie beschwörend die Hand erhob, während der Organist krampfhaft Brotrinden zerbiß. »Na, Leutholdin,« sagte dann der Amtmann jedesmal und warf der Schaffnerin funkelnde Blicke zu, »meinen Sie nicht auch?« Die junge Frau lächelte dann, – aber mit welch einem rätselhaften Lächeln! Ihr Gesicht erhielt dadurch fast gar keine Veränderung, außer daß der Mund sich in die Länge zog.
Tarnow schwieg zu allem.
Es war schon zehn Uhr vorbei, als der Amtmann mit seinen Gästen aufbrach, um sie zu begleiten. Die Nacht war finster. Ein stürmischer Wind ging und die Fensterscheiben klapperten in ihrer Einfassung.
Zum erstenmal wieder befand sich Tarnow mit der Schaffnerin allein. Er hatte gezittert vor diesem Alleinsein und hatte es doch auch gewünscht. Sie saßen lange Zeit, ohne etwas zu sagen und hörten der schaurigen Windmusik zu. Im Haus selbst war es ganz still. Tarnow glaubte bisweilen, er höre eine Glocke läuten. Es war nur ein ganz dumpfes, hinsterbendes Geräusch, das sich seinen Sinnen darstellte, nicht als ob es die Stille, sondern nur die Finsternis durchbreche, die sich draußen um die Mauern schmiegte. Und wieder glaubte er dann seinen Namen von irgend einem Unsichtbaren gerufen und lauschte voll Angst.
»Fanny, was haben Sie mit dem Amtmann gehabt?« fragte er endlich ohne weitere Überlegung.
Sie schüttelte den Kopf und sagte nichts. Es quälte ihn, daß sie schwieg, aber er wiederholte seine Frage nicht.
Da reichte sie ihm einen Zettel. Er nahm ihn und las mit Bleistift geschriebene Worte: Ich darf nichts reden, wenn ich Ruhe haben will. Heiraten werd ich ihn nicht, nein. Ich werd mich nicht mit dir auseinanderbringen lassen, Tarnow. Eher zieh ich fort.
Der Umstand, daß sie dies geschrieben hatte und offenbar schon lange vorher geschrieben, und daß sie nicht redete, machte einen furchtbaren Eindruck auf Tarnow. Flüsternd, als könne selbst die Stille sie belauschen, fragte er: »Warum sprechen Sie denn nichts, Fanny?«
Sie sah ihn an und blickte dann deutend nach den Fenstern, nach der Thüre, als sei sie gewiß, daß des Amtmanns Ohr eifersüchtig daran gepreßt sei, oder als sei sie gewiß, daß die Luft, in die sie ihre Worte hauchte, ihm den Schall zutragen müßte. Das erfüllte Tarnow mit Schrecken, und er schwieg gleichfalls, obwohl er wußte, daß Truchs in Wirklichkeit mit den beiden Männern fortgegangen war, da er sie selbst bis zur Hausthür begleitet und noch von ferne das dröhnende Lachen des Amtmanns gehört hatte.