Fort mit den Träumen –: er erhielt von hinten einen Stoß mit dem Gewehrkolben, weil er den Schritt verloren hatte. Auf allen Seiten rief es: Tritt fassen! Tritt fassen! Es war, als wolle sich die Ordnung des Marsches im Nu auflösen vor der Macht des Gewitters. Donnerschlag auf Donnerschlag durchdröhnte den Wald und die Luft zitterte; es war mühselig und beängstigend, taktmäßig weiter zu marschieren. Manche bittere Anspielung wurde laut, von den Unteroffizieren geflissentlich überhört; mancher Fluch drängte sich durch zusammengepreßte Zähne. Aber selbst dazu waren sie zu müd, mit ihren Gedanken bei ihrem Groll zu bleiben; vielmehr wurde die krankhaft erregte Phantasie beschäftigt von den Bildern der Rast, von den Bildern des Schlummers und einem Strohsack, von einem fetten Glas Milch und einem saftigen Stück Fleisch bei den Bauern des Quartiers. Aber der Wald wurde immer dichter und die Dämmerung nahm zu und der Regen strömte herab und rann von den Helmen auf die Riemen des Tornisters, und rauschte und trommelte in den Kronen und die Blitze erleuchteten die Tiefen des Forstes, daß es aussah, als ob eine gespenstige Rotte hinter fernen Stämmen vorbeiraste.

Frank Aschenbrenner, erregt von dem Bild der Heimat, vergaß die Vorgänge der Umgebung und wie ein Schlummernder, dessen Schlaf unterbrochen wurde, alsbald von neuem die Augen schließt, versank er beinahe hilflos und ganz selbstvergessen in eine Folge von phantastischen Vorstellungen, von wunderbaren Zufällen und Ereignissen, die von den Wünschen und von der Erwartung in uns geweckt werden. Warum empfand er im Innern seines Herzens ein bitteres Gefühl, einen Zweifel, wenn er an Veni dachte? Und gerade dies trieb ihn dazu, Luftschlösser zu bauen, die seiner bäuerischen Natur sonst ganz fremd waren.

Die Kompagnie sollte in Sankt Heinrich übernachten und den nächsten Tag, der ein Rasttag war, dort verbringen. Der Hauptmann und drei Offiziere ritten mehrere Kilometer hinter der Abteilung und dem Leutnant Baron Gerlach war die Führung während des Marsches anvertraut worden. Er war ein hübscher und sympathischer junger Mann, der es wohl zu meinen glaubte mit der Mannschaft, und der sich jene von den Vorgesetzten so wohlgelittene Schneidigkeit angeeignet hatte, die den Untergebenen gleichsam in Atem hält. Er stammte aus einer alten und angesehenen Familie, war jedoch ganz arm und besaß keine Garantien für die Zukunft als seinen Degen und seinen Ehrgeiz. Etwas von einem Träumer war in ihm. Still und in sich gekehrt, schien er mit einer wachsenden Verachtung des Lebens zu kämpfen und die Unerfüllbarkeit seiner Wünsche schien er nicht länger zu bezweifeln. Der Wald lichtete sich und die erschöpfte Kompagnie sah das Dorf vor sich liegen, eingehüllt in einen zarten, grauen Regenschleier, mit regenglänzenden Ziegeldächern, mit plumpen Schlöten, aus denen sich bläulicher Rauch langsam in die reine, kühle Luft erhob; und dahinter lag der See, matt schimmernd wie eine Eisenplatte. Alles war voll Frieden in dieser Weltabgeschiedenheit, und die Soldaten atmeten freier, und manche wurden wieder froher Laune in der Hoffnung auf ein Stück Fleisch und auf einen Tag der Ruhe. Denn bei den Bauern hatten sie es immer am besten, wenn sie nicht durch die boshafte Parteiischkeit des Quartiermachers gleich dutzendweise in den Stadel eines armen oder eines geizigen Mannes geworfen wurden.

Frank Aschenbrenner wohnte mit zwei Kameraden bei seinen Eltern. Die beiden alten Leute standen unterm Thor und ihre Gesichter leuchteten vor Stolz. Es gab keine Redensarten und keine langen Erzählungen; nachdem die drei Soldaten sich ihres Gepäcks entledigt hatten, nahmen sie auf der Bank hinter dem riesigen Tisch Platz und der Bauer brachte Brot und sauren Rahm. Dann setzte er sich den erschöpften Männern gegenüber und sah mit breitem Lächeln zu, wie es ihnen schmeckte. Und bald fiel der Abend nieder über das Dorf. Frank, der noch nicht gewagt hatte, nach Veni zu fragen, weil ihn eine seltsame Angst daran hinderte, zog, als es schon ziemlich spät war, den frischgewaschenen Drillichrock an, setzte die Mütze auf und ging lässigen Schritts die Dorfstraße entlang. Er spähte scheu nach den Mädchen, die am Brunnen standen, doch er fand die nicht, die er suchte. Vor manchem Thor blieb er stehen und begrüßte die Freunde und die Bekannten, und oft ließ man ihn kaum weitergehen; man wollte sich etwas von ihm erzählen lassen, man sagte ihm Komplimente und alle waren stolz darauf, daß ein so schmucker Soldat ein Sohn des Dorfes war. Doch seine Sehnsucht trieb ihn gebieterisch zum Ziel, und schnell schritt er zum Haus des Bäckers Escher. Entschlossen wollte er hineingehen, da sah er sie träumerisch im Flur stehen und vor sich hinstarren. Sie blickte überrascht auf, als er ihre Hand nahm; erst schien sie nicht zu wissen, wer es sei, dann wurde sie feuerrot und stotterte eine verlegene Begrüßung. Wie verändert ist sie, dachte Frank, und er vergaß, daß er sie stürmisch in die Arme hatte schließen wollen. Da standen sie nun schweigend beisammen und wußten sich nicht ein einziges Wort zu sagen. »Bist du mir denn bös?« fragte endlich der junge Soldat. Sie schüttelte den Kopf und wollte unbefangen lächeln. Aber selbst in der Dunkelheit gewahrte er wohl, daß ihr Lächeln gezwungen war, und er fühlte, daß sie ein beklommenes Herz hatte. »Geh fort,« sagte das Mädchen plötzlich eindringlich und voll Hast, »der Leutnant kommt gleich wieder. Er braucht dich doch da nicht zu sehen; morgen wollen wir uns treffen, ich geh morgen nach Dürnbach, da wollen wir mitsammen gehn, – aber jetzt geh fort, hörst?« – »Der Leutnant?« murmelte Frank und sah bestürzt vor sich hin; er konnte noch nicht begreifen, was vorging, er wollte Veni umarmen und wollte sie zwingen, daß sie ihn küsse, aber sie entwand sich seinem Arm und huschte im dunkeln Flur lautlos dahin.

Der junge Mensch dachte nicht ans Heimgehen, obgleich kein Soldat nach zehn Uhr mehr auf der Straße sein durfte. Noch immer hatte er nichts begriffen, und er schlich ums Haus herum, die Hände in den Taschen und die Blicke an den Boden geheftet. Es roch gut nach Heu und Dünger; das Gewitter und alle Wolken hatten sich verzogen, die Sterne schimmerten am Himmel wie reine, klare Perlen, und es war wieder so schwül wie am Abend vorher.

Zwei Nachtfalter flatterten durch den Hof und über die Schultern Frank Aschenbrenners, und wie er sie mit den Augen verfolgte, sah er, daß ein Fenster oben erleuchtet war, und er wußte aus früherer Zeit, daß dies Venis Fenster war. Dann sah er zwei Schatten droben. Da in der Nähe ein alter Birnbaum stand, kletterte er rasch daran hinauf, und bald konnte er in die Kammer hineinschauen, wo der Leutnant saß und die junge Veni umschlungen hielt. Sie sträubte sich nicht, nein, sie ergab sich seiner Umarmung, sie suchte seine Umarmung, sie hatte das Gesicht an seiner Brust verborgen. Das ist aber schnell gegangen, dachte der Soldat in seinem Stumpfsinn, und der Ast, auf dem er saß, wollte schier brechen. Die reifen Früchte des Baumes schienen um ihn herumzutanzen; unten lief eine Katze über den Hof und stieß ein klagendes und sehnsüchtiges Geschrei aus; eine Fledermaus schwirrte vorbei. Jetzt löschte der Leutnant das Licht aus, und Frank starrte noch immer und wußte nicht wie lange, da auf einmal erscholl die Trommel, die die Kompagnie zum Appell rief. Oho, dachte Frank Aschenbrenner und brach zornig einen Zweig mitten durch, gönnen sie uns nicht mal die Rast? Das bedeutet Nachtübung – Brigadebefehl ... und er lachte höhnisch vor sich hin, stieg herab vom Baum, trottete nach Haus, wo die beiden Eltern mit Bangen auf ihn warteten, und begann sich marschfertig zu machen wie die andern auch.

Das ganze Dorf war in Bewegung. Die Korporalschaften ordneten sich, und in den Gesichtern der Mannschaft lag ein düsterer Verdruß. Schwer und schleppend setzten sich die Züge in Bewegung, um sich zu sammeln und der Mond stieg groß und glühend über der Landschaft auf, eine halbvollendete Scheibe. Der Hauptmann ritt vor die Front und feuerte in einer pathetischen Ansprache die Soldaten an. In kurzen Zügen gab er dann den Plan des nächtlichen Manövers kund. Die Ordre ging vom Armeekorps aus: die dritte Brigade sollte den Waldrand von Heumödern besetzen und die Position bis Tagesanbruch zu halten versuchen. Die Offiziere orientierten sich auf ihren Karten und die Korporäle machten sich Notizen, weniger weil es notwendig war, als um ihr waches und unermüdetes Interesse deutlich zu zeigen. Während all dem standen die Dorfbewohner schweigend um die Kompagnie und beobachteten neugierig das fremdartige Thun. Die Nacht war voll von einer bedrückenden Schwülnis, über den Feldern lagerte ein seltsamer Dunst, und heimliche Lichter schienen oft aufzublitzen unter dem schweren Mantel der Nacht. Endlich wurde der Marschbefehl erteilt, und dumpf und echolos ertönten die gleichmäßigen Schritte der Kolonne auf der Dorfstraße. Hinter ihnen lag der See; stumm und langen Schleiern gleich glitten zarte Nebel über die glatte Fläche. Es war wie eine geheime Empörung unter den Leuten, die aus ihrer Nachtruhe aufgescheucht, neuen Müdigkeiten und Erschöpfungen preisgegeben waren. Die Vorgesetzten fühlten es, daß hier ein Geist der Widersetzlichkeit zu Gast war, jener stumme Unwille, der wie ein mühsam eingedämmtes Feuer weiterlodert und weiterlodert, bis er alle ergriffen hat und der vernünftigen Zurückhaltung unfähig macht. Weithin glänzte die Landschaft in der Nacht und der zitternde, dämmerige Mondschein beleuchtete etwas gespenstisch die bewegliche Schlange, die auf der Chaussee fortschlich, langsam und anscheinend ohne Ziel, wie eine seltsame Maschinerie. Die Gewehrläufe und die Knöpfe der Uniformen blitzten sanft, und keiner in der Kolonne hatte Lust zu plaudern. Nur wenn einer im Marsch nachließ und den Schritt verlor, wurde ein boshaftes Murren laut und die ganze stille Empörung der Gequälten kehrte sich gegen den frühzeitig ermatteten Kameraden. Viele hatten sich offenbar schon die Füße wund gelaufen, denn ihr Gang war zag und vorsichtig; sie traten nur noch mit der Sohle des Stiefels auf, und manche waren wund zwischen den Schenkeln und schritten mit gespreizten Beinen dahin.

Auf dem langen Marsch bis zum Wald von Heumödern vereinigten sich die zwölf Kompagnien des Regiments; kurz vor Erreichung des Zieles traf das andere Regiment ein, und die Brigade konnte nun plangemäß das Terrain besetzen. Lautlos ging all dies vor sich, der Mond stieg immer höher und ein schwüler, leichter Wind kam von der Seegegend her. Gedämpfte Kommandorufe: ausschwärmen! langsam! hinlegen! zurück! u. s. w. störten den Nachtfrieden des Waldes. Und Frank Aschenbrenner wollte sich eben niederlegen, beglückt, daß er nun endlich ruhen könne und unfähig, an etwas anderes zu denken als an diese zerstörende Müdigkeit, die den Körper förmlich aushöhlte; da vernahm er, wie man ihn und zwei Kameraden dazu bestimmte, mit dem Leutnant von Gerlach einen Patrouillengang anzutreten. Er dachte nicht mehr an seine Erschöpfung. Er hätte lachen mögen, und die Begierde, jemandem seine Befriedigung mitzuteilen, überkam ihn; die seltsame Fügung des Zufalls, die gerade ihn mit dem Leutnant auf einen einsamen Wachtposten stellte, veranlaßte ihn nicht einmal zum Nachdenken, sondern machte ihn nur froh und erwartungsvoll.

Der Leutnant hatte die wichtige Aufgabe erhalten, die Stellung des Feindes an seinem linken Flügel auszukundschaften und marschierte nun mit seinen drei Leuten am Wald entlang und dann gegen die Ebene hinüber. Er verfolgte eine Zeitlang den Lauf des Zonhofer Baches, streifte das herzogliche Jagdrevier Birkenfeld und dann breitete sich ein weites flaches Land vor der müdhinschleichenden Patrouille aus. Durch Wiesenwege gings und durch den Rain der Felder, und bald war es so einsam rings, daß kein Baum und kein Strauch mehr zu sehen war. Und im Osten zogen weißliche, dünne Wolken empor, gefärbt vom Licht des Mondes; oft huschte ein scheuer Nachtvogel vorbei und die Grillen wurden laut und lauter: ein wechselloser Rhythmus, gleichsam die Melodie des Schweigens; dabei fielen den Soldaten ganz alte, fast vergessene Volkslieder ein und Jürg Kohlmann summte sogar die »stille Wacht« vor sich hin. Unfern von Obermödern war ein Kreuzweg, und am Wegweiser dort teilte Leutnant von Gerlach seine Patrouille: Jürg Kohlmann und Stephan Weyh sollten langsam und mit großer Vorsicht bis zur Staatsstraße vordringen, er selbst wollte mit Frank Aschenbrenner in nördlicher Richtung rekognoscieren. Frank lachte heiser, fast unhörbar vor sich hin. In seltsamer Glut starrten die Herbstzeitlosen aus den Wiesen, und der Mond wurde schon rot und neigte sich dem Horizonte zu. Die nachttaunassen Gräser feuchteten die Stiefel; die Sterne schienen mit den beiden Einsamen zu wandeln. Die Ebene schien gar kein Ende nehmen zu wollen: in sanften Linien malte sich der Horizont vom schwarzblauen Himmel ab, und bisweilen ragte ein Baum auf, die Dunkelheit wie ein Schwert durchschneidend. Plötzlich lachte Frank Aschenbrenner mit einem sonderbar glucksenden Lachen: der Leutnant blieb stehen und sah ihn an; es war ein unsicherer Blick, voll Schuldbewußtsein und Unmut. Frank erwiderte ihn furchtlos, ja, er bohrte seine Augen tief in die seines Leutnants; er preßte die Lippen zusammen und rührte sich nicht von der Stelle, bis der Leutnant sich umkehrte und wortlos weitermarschierte. Aber es war von diesem Augenblick an, wie wenn der junge Offizier die düsteren und haßerfüllten Augen seines Soldaten beständig auf sich ruhen gefühlt hätte, als ob er dabei einen körperlichen Schmerz empfände. Und dies Unbehagen nahm zu. Frank Aschenbrenner, todmüde und so erschöpft wie er noch nie im Leben gewesen war, kam gleichwohl nicht eigentlich zum Bewußtsein dieser Müdigkeit, sondern sein Kopf war ausgefüllt von einem einzigen Gedanken, der ihn weit über alles leibliche Ungemach hinwegtrug. Als der Leutnant vor einem mageren Weidengebüsch Halt machte, nahm Frank das Gewehr ab und hörte wie im Traum, daß ihm der Offizier befahl, niederzuknien und hinüberzuspähen nach der Chaussee, während er selbst sein Taschenbuch zog und sich anschickte, Notizen zu machen. Aber Frank gehorchte dem Befehl nicht, und der Leutnant that, als habe er es nicht bemerkt. Er schien vertieft in seine Beobachtungen; in Wirklichkeit empfand er eine unbestimmte, aber intensive Angst. Diese stille Nacht, der starke und heißblütige, von glühenden Instinkten erregte Mensch hinter ihm ließen ihn gar nicht zur Klarheit über seine wichtige militärische Mission kommen. Nicht als ob er sich gefürchtet hätte, aber es herrschte eine fremdartige Verwirrung in seinem Innern, die ihm nicht einmal zu einem bestimmten Befehl für den stummen Untergebenen Mut verlieh.

Die Landstraße erstreckte sich drüben, ein ein graues, dünnes Band, und jetzt sah der Leutnant eine feindliche Patrouille sich auf das ferne Dorf zu bewegen. »Wir müssen in die Schonung hinein,« sagte er mit leiser Stimme und deutete mit der Hand auf einen kleinen Fichtenhain, der sich hinter einer hügeligen Erhebung der nahen Wiesen ausbreitete. Wieder sah er dem Soldaten starr ins Gesicht, und diesmal zuckte er zusammen und drehte krampfhaft an seinem dünnen Bart. Frank folgte ihm: Vergangene Jahre blühten plötzlich auf in seiner Phantasie, das Liebesglück stiller Jugendzeit und das Glück, das selbst im Abschied lag, und seine Augen wurden nun groß; gleichsam verlangend sah er in die Nacht, voll Rachedurst und voll Durst nach Freiheit, die er so lange entbehrt hatte und deren Entbehrung ihm erst jetzt bewußt wurde. Er heftete den Blick, von Haß und Wildheit erfüllt auf den jungen Offizier, der es immer stärker empfand, welche Gefahr ihm drohte, als hätte der tiefe Friede und die lautlose Nacht seine Nerven bis ins feinste verschärft.