Gegen Mittag war er in einer etwas altmodischen Kalesche vorgefahren, in Begleitung eines jungen Weibes, die er dem Tarnow gegenüber als seine Wirtschafterin bezeichnete. Er besah das Herrenhaus vom Giebel bis zum Keller, ließ sich die Ställe zeigen, ging in den Garten, auf die Äcker und in die Vorwerke, wobei ihn der Knecht Stauff begleitete. Als er zurückkam, suchte er das für ihn hergerichtete Wohnzimmer auf und ließ den Kaffee bringen, den Frau Leuthold, seine Wirtschafterin, inzwischen bereitet hatte. Während er aß, gab er seine Zufriedenheit zu erkennen. »Fanny,« sagte er unter behaglichem Schmatzen, »man wird sich hier gut einnisten. Hier ist gut sein.« Lachend tätschelte er ihre Hand.

Fanny Leuthold nickte nachdenklich.

Als er fertig war, rief der Amtmann nach Tarnow. Tarnow kam. Sein Gesicht war etwas blasser als sonst, seine Haltung etwas gebückter. Mit Augen, die fast den fragenden Augen eines Kindes glichen, sah er den Amtmann an. Truchs warf sich mit übertriebenem Behäbigthun auf seines Vorgängers alten Lehnstuhl, den man hierherein geschafft hatte, und fragte spöttisch: »Na, was machen Sie denn für ein Gesicht?«

Tarnow senkte den Kopf und lächelte schüchtern.

»Mir scheint, das Gut wurde bisher ziemlich schlecht verwaltet, wa?« sagte Truchs plötzlich mit gleichsam drohendem Ernst und auf seine Stirn legte sich eine lange, tiefe Falte wie ein Reifen.

»Wir haben nach besten Kräften gearbeitet,« erwiderte Tarnow langsam und unbefangen.

Der Amtmann brach in ein wieherndes Gelächter aus und patschte sich auf die Schenkel. »Vorzüglich, hähä! Haben Sie gehört, Fanny, – hähä –? Nach besten Kräften ist doch vor – züglich, hähähä! wa? Der Mann hat Talent. Wo haben Sie denn die Schule besucht, Tarnow?«

»In Arnstein,« sagte Tarnow mit völliger Ruhe.

Der Amtmann schien dem Ersticken nahe; sein Gewieher wurde immer dumpfer. »Vor–züglich!« ächzte er, »giebt’s da mehr von der Sorte, in Arnstein? Vor–züglich! Nach besten Kräften ist unbezahlbar!« Er klopfte sich noch ein paarmal wie beschwichtigend auf seine fleischigen Schenkel und verschnaufte dann. Plötzlich stand er auf, und sein Gesicht zeigte nun unvermittelt eine bösartige Ruhe. »Von heute ab wird das anders,« sagte er rauh. »Oder sagen wir lieber von morgen früh ab, ich will nicht tyrannisch sein. Also von morgen früh ab wird hier ein anderes Regiment sein. Jetzt können Sie sich trollen, mein lieber Tarnow aus Arnstein.«

Tarnow verließ die Stube und wie er in den langen, schmalen Flur trat, glaubte er, die getünchten Mauern hätten auf einmal eine andere Farbe erhalten. Vor dem Thor mußte er die flache Hand vor die Augen halten; denn die untergehende Sonne blendete ihn. Die Berge und der Strom waren verschwenderisch übergossen mit gelber Glut, die von Sekunde zu Sekunde tieffarbiger wurde, bis die ersten scharlachroten Streifen über einer zerfließenden Wolke im Westen hervorquollen. Alles zitterte und bebte auf den Feldern und Wiesen: die Halme der Gräser und des Getreides, das Insektengetier in den Lüften, die Dächer ferner Hütten und die Eisenschienen der Bahn glitzerten an den Kurven so sehr, als seien sie nahe daran, Feuer zu fangen. Tarnow erschrak fast vor all dem Leben in Flammen. Er dachte: nun, heuer wird man guten Wein haben.