Der Himmel war klar und die Sterne funkelten in erhabener Pracht und Ruhe. Über einem fernen Schneefeld herauf bog sich die Milchstraße über das dunkelblaue Gewölbe wie erstarrter Rauch. Zwischen zwei mächtigen Felszacken glitzerte grünlich das Eis, gähnten ungeheure Spalten. Bisweilen kam ein schneidend kalter Windstoß und wirbelte den Schnee zu dünnen leuchtenden Säulen empor. Es herrschte ein Schweigen, welches den Atem stocken ließ.
Im unsicheren Licht gewahrte Jan Dalaunes die Herrin. Sie saß auf einem niedrigen Holzblock, hatte die Arme um die Kniee geschlungen und starrte mit gefrorenem Blick in die gewaltige Stille. Sie schien die Kälte nicht zu spüren. Eine Pferdedecke umhüllte ihre Schultern.
»Ihr müsset krank werden, edle Donna,« sagte Jan Dalaunes, indem er sich näherte. Die Infantin antwortete nicht.
Der Falkner ging ins Haus zurück und klaubte Späne und Reisig zusammen. Dann kam er wieder und machte auf einer schneefreien Stelle Feuer an. Das Mitleiden mit der Herrin würgte ihm die Kehle und während er immer neues Holz in die aufprasselnden Flammen warf, war sein bärtiges Gesicht vom Kummer förmlich verwüstet. Es drängten sich Worte auf seine Lippen: Verse, die er einmal gehört oder gelesen oder geträumt.
»Was sprecht Ihr da?« hörte er auf einmal die dunkle Stimme der Herrin. Ihr Gesicht hatte sich auf der schneebewehten Decke fremd und düster wie das Antlitz einer Sphinx ihm zugedreht. Er schüttelte befangen den Kopf und kniete vor dem Feuer hin. Nach einer Weile kehrten die seltsamen Worte traumhaft wallend wieder.
Wo des Nebels Silberbogen
über eine Gletscherwand
groß und feierlich gezogen,
dort liegt meiner Sehnsucht Land.
Sah ich eisige Gestalten,
schaudernd im gefrornen Strahl
grünkristallne Kerzen halten,
tanzen in dem weißen Saal.
Sah ich eine, die beklommen
nur des Mantels Saum bewegt,
und ihr Herz vom Tisch genommen,
der den ganzen Himmel trägt.
Wie im Schlaf hält sie die schwere
Purpurkugel sanft empor,
und es öffnet sich die Sphäre,
Gottes Arm streckt sich hervor.
Er empfängt des Lebens Schale,
jene aber steht beglückt,
schaut hinunter zu dem Tale,
wo ein Knabe Blumen pflückt.