An einem Abend kam Engelhart hinüber und sah Anna Wild hinter der Kellertür sitzen, ein Öllämpchen neben sich, und in die Tiefe starren. Der Knabe fragte, auf wen sie warte, sie blickte ihn flüchtig an, schüttelte den Kopf und rief nach einer kleinen Weile gegen die Wohnung hinauf: »Herr Curius! Herr Curius!« Es kam keine Antwort, das Mädchen wandte sich zu Engelhart und forderte ihn auf, sie in den Keller zu begleiten, sie fürchte sich allein. Er ging mit, sie rollte ein kleines Bierfaß aus dem Verschlag, stellte es auf die Bank, wo das Lämpchen stand, nahm den Hammer und hieb mit starken Schlägen den Keil in den Spund. Dann nahm sie den Abzugsschlauch, steckte ihn in die Öffnung und trank am andern Ende mit langen, durstigen Schlücken. Plötzlich hielt sie inne und sagte: »Du könntest mir gleich einen Kuß geben, du Kleiner.« Da er nicht antwortete, zog sie ihn am Arm heran und hieß ihn aus dem Schlauch trinken, wie sie selbst getan. »Ordentlich!« befahl sie. »Du wirst kein Mann, wenn du nicht trinken kannst.« Und ehe er sich dessen versah, ergriff sie ihn ganz wie er war, drückte seine Schulter an ihre Brust, packte mit der Hand sein Kinn und küßte ihn mitten auf den Mund. Engelhart packte sie zornig bei den Haaren und suchte ihren Kopf zurückzustemmen, ihm war, als berühre ein zuckender, kühler Fisch seine Lippen, endlich riß er sich mit aller Kraft los und stolperte die finstere Treppe hinauf. Anna Wild lachte hinter ihm drein und rief: »Wirst kein Mann, wenn du nicht küssen kannst.«

Tagelang vermied Engelhart den Blick der Menschen, und wenn ihn jemand anredete, erschrak er. Bisweilen rieb er mit den Fingern seine Lippen ab, als suche er das Gedächtnis an jenen fischhaften Druck fortzuwischen. Wenn er aus dem Schlaf erwachte, blickte er unruhig in die Finsternis, der Wind rüttelte am Fenster, und es war ihm, als laure draußen, den Raum zwischen Himmel und Erde füllend, ein ungeheures Raubtier. Vielleicht hätte er das ganze Erlebnis wieder vergessen, wenn nicht andre Dinge sich ereignet hätten, die seinem Nachdenken und seiner dumpfen Verstörtheit neue Nahrung gaben. Die Magd bei Ratgebers hatte einen Liebhaber aus der Fabrik, und es kam heraus, daß dieser sich allnächtlich in ihre Kammer schlich. Eines Nachts wachte Engelhart von wildem Schreien und Schimpfen auf. Er erhob sich und lugte durch die Türspalte. Die Magd und ihr Liebhaber standen beide im Hemd vor Herrn Ratgeber, das Weib heulte, der Liebhaber und Herr Ratgeber brüllten. Oben und unten öffneten sich Türen, verschlafene Leute erschienen, und endlich mußte das Paar, nachdem es sich angekleidet hatte, schimpflich das Haus verlassen. Darauf folgte eine angstvolle Zeit, in jeder Nacht vor Torschluß läutete die Flurglocke stürmisch, der Liebhaber und seine Kumpane standen draußen und verlangten unter unheimlichen Reden den Lohn der Magd für die nichteingehaltene Kündigungsfrist. Da nicht aufgemacht wurde, stießen sie das Glas an der Türe ein und einer warf sein Messer in den Korridor. Das ging so fort, bis die Polizei dem Treiben ein Ende machte.

Langsam und mit unerbittlicher Gewalt tauchte für Engelhart ein Warum nach dem andern aus der Tiefe des Nichtwissens empor. Er dürstete nach Wahrheit und Aufklärung und mußte unerlöst hangen zwischen Lüge und Feigheit, mußte zitternd weilen wie der Blinde, der an einen Stein stößt und sich nicht weiter wagt, trotzdem zu beiden Seiten kein andres Hindernis ist. Ja, er mußte in der Luft der Heuchelei zum Heuchler werden, so daß ihm bangte, wenn von den mysteriösen Dingen zu Hause oder unter Freunden geflüstert wurde und er sich anschickte, mit Befangenheit den Unbefangenen zu spielen. Was er auch von den Menschen und ihren Einrichtungen beurteilen lernte, erschien ihm widersinnig und grausam.

Es war im Karneval, da ereignete es sich, daß unter Engelharts Mitschülern das Gerücht umlief, ein gewisser Bachmann, der dieselbe Klasse besuchte, aber zwei Jahre älter und wegen seines gewalttätigen Wesens von allen gefürchtet und gemieden war, habe seinem Vater eine große Summe Geldes entwendet und alles im Verlauf kurzer Zeit in einem öffentlichen Haus verpraßt. Die Sage kam zu den Ohren der Lehrer und des Rektors, es fand eine große Untersuchung statt, in die auch einige Schüler der oberen Klassen verwickelt wurden, und Bachmann und seine Mitschuldigen wurden dimittiert. Am Nachmittag des Faschingdienstags kehrte Engelhart mit einer Schar von Kameraden von der Turnstunde zurück. Die Turnhalle war etwas außerhalb der Stadt gelegen, und ohne daß Engelhart wußte, was im Werk war, bemerkte er plötzlich ein heimliches Raunen und aufgeregtes Tuscheln unter den Knaben, und sie zogen in eine Seitengasse, wo ein paar unscheinbare Häuser standen, deren Fenster mit grünen Läden verschlossen waren. Die Schar, es waren zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben, wurde immer stiller, einige sahen sich mit furchtsamen, fast irr glänzenden Augen um, andre lächelten scheu. Sie standen eine Weile unschlüssig, zwei oder drei rieten umzukehren, da öffnete sich im oberen Stock eines Häuschens ein Fenster, und der dicke Bachmann, der Stier, wie sein Spitzname lautete, lehnte sich über das Sims. Er hatte eine Harlekinmütze auf dem Kopf und sah wüst und verkommen aus. Hinter ihm erschienen zwei oder drei Mädchen, bis zur Brust entblößt; sie lachten und klapperten zugleich vor Kälte mit den Zähnen, die eine hielt eine Weinflasche in die Höhe, die andre stieß Lockrufe aus, wie wenn man Hunde lockt. Auch sie hatten bunte Papiermützen, mit klingenden Schellen behangen.

Unten standen die Knaben vollständig lautlos. Von denen, die rückwärts standen, schlichen einige ängstlich davon. Bachmann forderte sie auf, ins Haus zu kommen, er habe Geld genug, doch keiner antwortete. Es dunkelte schon, und nach und nach machten sich alle aus dem Staub. Engelhart trieb sich noch eine Weile in der heute mehr als sonst belebten Stadt umher; als er heimkam, sah er unten im Packraum neben dem Schreibzimmer des Vaters den Kommis Lechner. Es drängte ihn, mit irgend jemand zu sprechen. Er hatte die Gesellschaft gerade dieses Menschen bis jetzt gemieden, er war einmal dabei gewesen, als Lechner im epileptischen Krampf niedergestürzt war, Tisch und Bank mit sich reißend, in grauenhaftem Gebrüll mit allen Gliedern zuckend; seitdem war ihm seine Nähe unerträglich, und doch konnte er heute nicht anders, er gesellte sich zu ihm, begann scheinbar harmlos zu plaudern und erzählte ihm die Geschichte mit Bachmann stockend und umständlich. Gewiß merkte Lechner das Bedrückte und Fragende in Engelharts Gebaren, und er benutzte den Anlaß, um als Wissender den Unwissenden zu sticheln. Engelhart setzte sich auf eine Kiste und hörte zu wie einer, der Vorwürfe verdient. Da nahm Lechner einen mitleidig-lehrhaften und vertraulichen Ton an, lehnte sich flüsternd über den Tisch und seine Augen flackerten glimmerig. Von namenloser Scham wie gerädert, lauschte Engelhart den unverkleideten Worten des Menschen. Sein erster stechender Gedanke war: ›Und meine Mutter?‹ Es erleichterte ihn, daß er ihr nicht begegnen mußte, daß ihr Tod ihm erspart hatte, sie mit Augen voll solcher Kenntnis ansehen zu sollen. Mit einem Abscheu vor Lechner, der keines Wortes fähig war, erhob er sich und ging. Der andre, der Dankbarkeit und begieriges Eingehen erwartet hatte, war erzürnt; er haßte den Knaben von da an und verfolgte ihn bei jeder Gelegenheit mit hämischen Anspielungen. Ja, seine Tücke scheute nicht davor zurück, Herrn Ratgeber mit dem wohlgemeinten Hinweis auf Engelharts frühe und gefährliche Reife zu beunruhigen.

Engelhart schlief mit seinem Bruder Abel, der jetzt neun Jahre alt war, in einem Bette. Abel war ein ganz und gar verprügeltes Kind; die steten Gefahren, von denen er umlauert war, hatten ihn tückisch und verschlagen gemacht, und da ihm jede wahre Zucht mangelte, bot sein Charakter dem Schlechten und Niedrigen immer weniger Hemmungen dar. Engelhart hatte ihn wegen kleiner Verrätereien, durch die sich Abel bei der Stiefmutter ein Stück Brot oder ein gutes Wort erkaufte, vielfach zu fürchten, doch hatte er schließlich ein Mittel gefunden, durch das er den Bruder im Zaum halten und an sich fesseln konnte: er erzählte ihm allabendlich vor dem Einschlafen Geschichten, Märchen und Abenteuer, die er gelesen hatte, und als ihm der Vorrat ausging, fing er an, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, und zwar solche, die er nicht zu Ende führte, sondern in schlauer Manier stets im spannendsten Moment mit der Zeitungsphrase abbrach: Fortsetzung folgt morgen. So entstanden nicht selten sonderbare und raffinierte Verwicklungen, deren Lösung immer weiter hinausgeschoben wurde und die an Engelharts Gedächtnis große Anforderungen stellten. Abel war ein atemloser Zuhörer, es kam vor, daß er den Bruder auch bei Tag bedrängte, weil ihm die Neugier keine Ruhe ließ.

Heute lag Engelhart schweigend neben Abel in der Dunkelheit, und so sehr ihn dieser auch um die Weitererzählung der Geschichte bestürmte, er konnte kein Wort über die Lippen bringen; das Reden schien ihm häßlich, im unverfänglichsten Worte spürte er plötzlich einen Stachel, der die Seele ritzte. Als Abel sich endlich zufrieden gegeben hatte und schlief, erhob sich Engelhart aus dem Bett und setzte sich im Hemd ans Fenster. Weite dunkle Höfe lagen vor ihm, und schwarze Dächer klebten am Gewölke, hinter dem umrißlos der gelbe Mond zerfloß. Engelhart stützte den Ellbogen auf das Sims, sein Herz badete erleichtert in der wunderbaren Nachtstille, und Tränen stürzten ihm aus den Augen.

Frau Wahrmann hatte Engelhart schon im Winter eingeladen, die Osterzeit bei ihr zu verbringen; Herr Ratgeber verweigerte seine Erlaubnis, doch, besorgt über des Knaben Fortschritte in der Schule, gab er das Versprechen, ihn zu den Sommerferien nach Gunzenhausen zu schicken, wenn er in die höhere Klasse aufsteigen dürfe. Engelhart gehörte nicht zu den Naturen, für die eine Belohnung zum inneren Ansporn wird, im Gegenteil, er fand sich durch Erwartungen, die er erregte, entschieden gelähmt; nichts ward bei ihm durch Entschluß und klar bewußtes Handeln, alles wuchs aus einem ungeheuern Druck und Trieb hervor, und das seinem Wesen Widrige nahm oft nur durch die Fügung eines guten Sterns keinen übeln Ausgang. So hatte er geringe Hoffnungen für einen Sommer, wie ihn seine Sehnsucht wollte, jetzt, wo alle Lernfreudigkeit geschwunden war und sein tiefbetrübter Geist, der Unschuld des Betrachtens entrissen, lichtscheu an den Wurzeln des Lebens nagte. Es vergingen die Monate, und er ertrug ungeduldiger als jemals die gleichmäßige Fesselung durch ehern eingeteilte Stunden, oft wurde seine Ruhelosigkeit so groß, daß ihn kein noch so geliebtes Buch zu halten vermochte, und er spürte es: wenn er diesen Sommer die Freiheit nicht bekam, und das, was er, geheimnisvoll vorauserlebend, in ihm ahnte, dann mußte er den feindseligen Gewalten erliegen, denen er keinen Namen geben konnte. Einmal, auf dem Weg zur Schule, hörte er bei einem Neubau einige Leute aufschreien und ihm zuwinken; in derselben Sekunde vernahm er ein unheimliches Klirren und Knattern, rings um ihn schwirrte es, da sah er sich mitten in dem Flügel eines großen Fensterstockes stehen, der aus der zweiten Etage herabgestürzt war. Das riesige Ding war durch den erstaunlichsten Zufall gleichsam rings um ihn herumgefallen, die Scheiben waren nach außen geflogen und auf dem Pflaster zersplittert, er stand unverletzt mitten im Rahmen, als hätte er sich hineingestellt. Wie trunken blieb er eine Weile stehen und wurde von den Zuschauern kopfschüttelnd betrachtet. Er nahm es als ein gutes Vorzeichen, er faßte wieder Vertrauen, und süße Lebenssicherheit ergriff Besitz von ihm.

Endlich kam die Entscheidung, und sie fiel günstig aus. Anfangs August durfte er reisen. Des Abends langte er an, herzlich begrüßt, und lag bald darauf wieder im selben Bett wie vor sechs Jahren, hörte die dröhnenden, langsamen Stundenschläge der Blasturmglocke, den mahnenden Gesang des Nachtwächters, die Eisenbahnzüge im Tal draußen, wie auf einer Brücke durch den Weltraum rollend. In der Frühe fragte ihn Frau Wahrmann über die Verhältnisse daheim aus; sie war eine gute und gerechte Frau und geriet beinahe außer sich über seine Erzählungen, in denen er zudem alles ihn selbst Demütigende verschwieg.

Im Hause der Frau Wahrmann hatte sich wenig geändert. Helene war nun ein heiratsfähiges Mädchen, aber sie machte sich wenig Gedanken darüber, und ihre Hauptsorge war auf ein harmloses Amüsement gerichtet; die zweite, die Gottsucherin, ergrübelte sich ein Leben voll eingelernter Idealismen, und ihr Los war schon jetzt die beständig seufzende Trauer darüber, daß das Lebendig-Seiende mit dem sehnsüchtig Erdachten so wenig übereinstimmte. In Esmee zeigte sich die Unbefangenheit einer kräftig auf Form und Erscheinung gerichteten Natur, und sie war immer wieder die Versöhnerin zwischen der spöttisch-überlegenen Helene und der hadernd-unzufriedenen Jette; sie ließ alles Unangenehme an sich herankommen und wurde dann spielend damit fertig. So sehr sie noch Kind war, so hatte ihr Herz schon für immer gewählt, einen jungen Studenten, Spiel- und Schulkameraden. Dies zu wissen war für Engelhart schmerzlich, nicht als ob seine Gedanken jemals wünschevoll um Esmees Bild gewebt hätten, aber sie schon in Besitz genommen zu wissen, das erregte seinen Unwillen. Es war etwas Gehemmtes und Zelotisches in seinem Blick, wenn er ihre naiv koketten Künste beobachtete, er suchte Streit mit dem Mädchen wie mit dem hübschen Gymnasiasten, der ihr Freund war. Schien es nicht, als ob Lechners Enthüllungen das Liebestreiben der Menschen für ihn zu einem epileptischen Krampf gemacht hätten? Oft geschah es, daß er sich absonderte, wenn die Mädchen und Knaben hinaus in die Wiesen wanderten, doch er ging dann nicht seine eignen Wege, sondern folgte jenen wie ein Spion, verbarg sich hinter Gebüsch, wenn sie rasteten, beobachtete argwöhnisch und erregt ihr Treiben und wandte das Auge nicht von Esmee und ihrem Anbeter. Und wie schimpflich, wie erniedrigt erschien er sich dabei, ausgestoßen von dem Kreis fröhlicher Beziehungen, untötbaren Neid in der Brust.