Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael Herz, nämlich daß der Militärdienst auf den undisziplinierten Geist des Jünglings als eine wohltuende Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon einen Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter sagte, er ist ein echter Ratgeber, er liebt nur sich selbst. Für seine Bedürfnisse sorgte sie schlecht und recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch die Außenwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah mit Rücksicht auf die Augen der Leute, und wenn einem was vergönnt wurde, hieß es gleichsam: Na, seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist! Herr Ratgeber hatte in seinem neuen Beruf Ärger und Zurücksetzung genug erfahren müssen. Beim Antritt seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft versprochen, daß kein zweiter Inspektor neben ihm arbeiten solle; kaum aber hatte er sich bekannt gemacht und durch seinen unermüdlichen Eifer die Anstalt, der er diente, wahrhaft gefördert, als sie alle Abmachungen vergaßen und doch einen zweiten anstellten, einen sehr windigen Herrn namens Dingelfeld, der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die Kunden wegzuschnappen, und durch ein anmaßendes Wesen jeden Einspruch vergeblich machte. Dazu war dieser Dingelfeld für alles, was er war und hatte, Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst vor völligem Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten Namen gerettet hatte. Niedrige Seelen werden durch den Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht gestimmt, und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er würgte seinen Gram in sich hinein, sein lebhaftes und stolzes Auge begann unsicherer zu werden, oft, wenn er mit Engelhart allein war, machte er pessimistische Bemerkungen über die Menschen, und das war bei ihm der Ausdruck einer tiefen Verdüsterung. Mehr als das unsolide Gebaren seines Nebenbuhlers schmerzte ihn die Wortbrüchigkeit der Vorgesetzten. Sein Blut geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die er erfahren, und in jedem Brief wies er auf seine Leistungen hin und forderte Gerechtigkeit. Jene ließen sich jedoch auf persönliche Dinge nicht ein, sie suchten den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und große Versprechungen kirre zu machen oder schnitten jede Erörterung mit einer amtlichen Phrase ab, die das unwillkürliche Eingeständnis enthielt: Wir dürfen Verträge brechen, denn wir sind die Mächtigen, wir sitzen auf dem Geldsack.
Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war untersucht und trotz seiner Jugend angenommen worden. Am ersten Oktober stand er mit vielen andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den verschiedenen Kompagnien zugeteilt, dann führte ein Unteroffizier ihn und sieben oder acht Gefährten in das Bataillonsgebäude, die Monturen wurden ausgeteilt, die Räume angewiesen und man war Soldat. Alles lief schweigend ab, hatte beinahe etwas Drohendes, der Ton absoluten Befehls berührte Engelhart zunächst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs kaum fassen, und als der Feldwebel die Namen der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte nicht viel und er hätte über die Berserkerstimme des Mannes gelacht. Aber das Lachen verging ihm bald.
Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern von sich selbst, etwas seinem Wesen ungeheuer Fremdes vollbringe, und er mußte sich bisweilen besinnen, wo er war und was er davon denken sollte. Die Kaserne durfte er in den nächsten Wochen nur zu den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick der kahlen, langen, weißgetünchten Wände verursachte Frösteln. Wenn er am Fenster stand, sah er die Bauern auf dem Feld und beneidete sie um ihre Freiheit.
Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den Dienst angetreten hatten, behandelten ihn mit Kälte; einerseits war er ihnen zu jung, anderseits erregte er ihr Mißtrauen, ohne daß sie den Grund hätten bezeichnen können; das alte Mißtrauen, das Engelhart nun so oft und in so vielen Augen wahrgenommen. Um neben ihnen, die lauter vollwüchsige und robuste Burschen waren, nicht zurückzustehen, spannte er bei den körperlichen Übungen seine Willenskraft aufs äußerste an, so daß er nach dem stundenlangen Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen konnte, sondern sich am Geländer mühsam emporwinden mußte. Eines Tages befahl der Feldwebel den Einjährigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen Lebens zu verfassen und die Handschrift nach gemessener Zeit in der Kanzlei abzuliefern. Jeder verstand die Sache so, wie sie eben zu verstehen war, nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht allein seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht erforderlicher Breite, sondern auch seine Gefühle zu schildern, seiner Verfehlungen sich anzuklagen, und machte im unglückseligen Drang zu einer Beichte, was nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte. Und als er fertig war, setzte er folgende Zeilen an den Schluß, die ihm wie die Erinnerung an ein altes Lied durch den Sinn schossen:
»Die Seele, die berührst du nicht,
Die ist im Leib vergraben,
Sie weiß nicht, was die Lippe spricht,
Will’s auch nicht Kunde haben.
Im stillen träumt und blüht sie hin,
Läßt Leid und Glück verfluten
Und ziehet ewigen Gewinn
Vom Bösen und vom Guten.«
Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann gerufen, einem dicken asthmatischen Herrn, der völlig unter dem Einfluß des Feldwebels stand und außerdem in beständiger Höllenangst vor allen Vorgesetzten lebte. Der Mann stellte sich ganz rabiat wie über eine angetane Schmach, warf Engelhart die beschriebenen Bögen zerrissen vor die Füße und forderte den Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen Menschen zu haben. Die Sache wurde auch weiterhin ruchbar und erregte den Hohn der Mannschaft und die Entrüstung der andern Einjährigen. Gefühle zu äußern war ein schimpflicher Verstoß gegen den allgemeinen Geist der Truppe, jedes andre Vergehen wäre ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah es zu spät ein. Er lernte die Zähne zusammenbeißen. Es ging nicht an, sich von jedem Tropf über die Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm an äußerer Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen seines Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich an die Roheit des herrschenden Tons und an die ausgesuchte Perfidie und Lust zu quälen gewöhnt hatte, die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein unstillbarer Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle Kräfte zusammen, um sich nichts merken zu lassen. Immerhin blieb sein Gesicht verdächtig und sein still beobachtender Blick unbequem.
Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der für ein bestimmtes Wochengeld seine Kleider und Ausrüstungsstücke instand zu halten hatte. Es war ein Soldat im dritten Jahr namens Söhnlein, ein unansehnlicher Mensch mit krebsrotem, immer fettglänzendem Gesicht und einem halb blöden, halb furchtsamen Lächeln. War es Zufall oder Übelwollen oder berechnete Bosheit, jedenfalls war dieser Söhnlein der verachtetste Mensch in der Kompagnie, ja im ganzen Regiment. Er konnte nicht unangefochten durch ein Zimmer gehen, er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas schief ging, hieß es: der Söhnlein, wenn die Kompagnie schlecht exerziert hatte, mußte es zumeist der Unglückliche büßen, und er war bisweilen in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und entsetzlich mißhandelt worden. Einmal sah Engelhart den Schrank des Soldaten offen und an der Innenfläche der Türe eine zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was dies bedeuten sollte, und Söhnlein verriet ihm schüchtern und mit aufleuchtendem Blick, daß er noch so viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes Geschäft, wieder einen Kreidestrich auszuwischen. Offenbar hatte mit diesem Burschen noch niemand so geredet, wie man mit einem Menschen spricht, denn er bezeigte Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete, eine so leidenschaftliche Dankbarkeit und Anhänglichkeit, daß dieser sich kaum erwehren konnte und, um häßlichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug war, auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu werfen, wenn die andern Steine warfen. Und als ob Söhnlein in seinem dumpfen Gemüt solchen äußeren Zwang zu ahnen vermöchte, wurde seine Zuneigung für Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie taub, wenn dieser gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen.
Einst im November wurden sämtliche Mannschaften des Regiments um vier Uhr morgens aus dem Schlaf geweckt. Die Strohsäcke wurden in den Hof geschafft, um frische Füllung zu erhalten. Es war eine eiskalte, aber klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat, verschwand seine betäubende Schlafsucht, und er blickte überrascht zum Himmel empor; so hatte er die Sterne noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und dicht gesät. Er wusch beim Brunnen das Gesicht, und wie er zum Tor zurückkehren wollte, sah er einige Leute um einen schon halbgeleerten Sack versammelt, auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war Söhnlein, der versicherte, daß er sich krank fühle. Die Soldaten lachten, und der Zimmerälteste befahl ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder zurück. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an jeder Ecke, hoben ihn samt dem Daraufliegenden empor und schleuderten ihn fünf- oder sechsmal in die Luft, wobei sie das ängstliche Schreien des Mannes nicht achteten.
Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte über den weiten dämmerigen Raum des Hofes, der sich wie eine Sandwüste vor ihm dehnte, bevölkert von schwärzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er mit wilden Tieren zusammengekettet wäre. Alle verzehrten sich in der Sehnsucht nach Freiheit, alle waren von Haß erglüht gegen die Bändiger, aber wenn der Bändiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so hielten sie den Atem an. Es war ein ungeheures Gebäude gegenseitiger Verantwortung, begründet auf Furcht und Heuchelei, und Brüder verleugneten einander, wenn der eine fürchtete, für den andern verantwortlich zu werden. Es ward Engelhart unheimlich in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter den Menschen.
Die Soldaten hatten den Söhnlein inzwischen losgelassen, weil ein Unteroffizier hinzugetreten war. Söhnlein taumelte diesem über die Strohbüschel entgegen und stieß ein paar unartikulierte Laute hervor. »Er stellt sich krank,« sagte einer von der Schneiderwerkstätte. Dem Korporal kam dies sehr ungelegen, denn er war für den Gesundheitsstand seiner Abteilung in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing an, in der unflätigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen, und hob schließlich, rasend und berauscht von dem Zustand des Zorns, den er genoß wie jeden andern Rausch, die Arme zum Schlag. Söhnlein muckste nicht, denn er wußte, wenn er nur die Miene der Widersetzlichkeit annahm, würde er so bald keinen Kreidestrich mehr von seiner Schranktür löschen können. So lächelte er eben in seiner albernen und bestürzten Weise vor sich hin.