Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein Gesicht war käseweiß. »Was – Jude?« stammelte er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte er vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verließ er das Zimmer. Engelhart legte die Feder weg und schaute, nichts Böses vermutend, doch überaus peinlich berührt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor ihm lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zurück. Er wischte sich mit dem blendend weißen Taschentuch die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf und ließ folgende kleine Rede vom Stapel: »Ich habe selbstverständlich nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß Sie Jude sind. Nur, verzeihen Sie, kommt mir die Sache insofern überraschend, als ich nie die Absicht gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte – um es kurz zu sagen, meine religiösen und menschlichen Überzeugungen wurzeln in ganz anderm Boden, und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, daß man sich irren kann, es steht zu wünschen, daß Sie die löbliche Ausnahme bilden, sprechen wir also nicht mehr davon.«

Engelhart schwieg. Ihn ekelte.

Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine eiserne Geldkassette zum Vorschein, in deren einzelnen Fächern sich Silber- und Nickelmünzen befanden, ungefähr an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies sei die kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe, daß sein Vertrauen unerschüttert sei, überlasse er sie ihm zur Verwaltung. Bei diesen Worten erbleichte Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig. In Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger Triumph, den zu verbergen er sich keine Mühe gab. Seine Augen sagten: ›Wagst du es, dich an diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine Herkunft lassen solches vermuten, dann wehe!‹ Denselben Ausdruck des Triumphes hatten seine Augen von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn er ihn auf einer Vergeßlichkeit ertappte, wenn die Akten auf einem falschen Platz lagen. Er pflegte seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn ihn Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung eines Wortes bat, wurde Herr Lutterott scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl auf und sagte alles, Silbe für Silbe, noch einmal mit scharfer, bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein Blick grünlich funkelte. War ein einziger Satz eines langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit stilisiert, so zerriß er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht, sondern machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung und verließ das Zimmer mit einem leichten Hüsteln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so beliebte es Herrn Lutterott, Engelhart mit einer niederträchtigen Zumutung zu demütigen, etwa, er solle dem Herrn den Rockärmel abbürsten oder er solle die Tür vor ihm öffnen, oder er schrie ihn an, wenn seine Feder kratzte, und dergleichen mehr.

Engelhart erkannte wohl, daß dies Ranküne war, aber er trug es, weil er es tragen wollte. Er biß die Zähne zusammen und dachte, stärker zu sein als der Schmerz, den er über die unendlichen Beleidigungen empfand. Einst saß er während der Mittagstunde drunten in der Weinwirtschaft, als Herr Lutterott eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen älteren Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich hinüber, in seinen Gedanken stellte er sich vor, daß dieser Lutterott doch schließlich ein Mensch sei und daß es vielleicht nur der rechten Worte bedürfe, um ihn auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Plötzlich nahm Lutterott ein Kärtchen aus seiner Brieftasche, schrieb etwas auf, rief die Kellnerin, und diese trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene. Er las: »Es ziemt sich nicht für den Untergebenen, seinem Chef frech ins Gesicht zu stieren.« Da stand er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn, aber er beherrschte sich und ging.

Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besaß Engelhart kein Geld mehr zum Notwendigsten des Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um Vorschuß zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche Not dazu. Er hatte es bis zur letzten Stunde des Nachmittags aufgespart. Kurz vor sieben Uhr brachte er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte, betrachtete die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe den Geldschrank schon geschlossen, Engelhart müsse sich bis zum andern Morgen gedulden. Damit entfernte er sich rasch und überließ dem jungen Mann wie alltäglich das Schließen der Räume. Engelhart, der Hunger hatte und nicht wußte, wie er ihn stillen sollte, entschloß sich in seiner Hilflosigkeit, bis zum andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen Spesenkasse aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung stand, steckte ein Zweimarkstück zu sich, ging hin und aß sich satt. Gleich in der Frühe erinnerte er Herrn Lutterott an den erbetenen Vorschuß, da er vor allem den entnommenen Betrag wieder zurücklegen wollte. Doch Herr Lutterott erwiderte, während seine Züge sich verkniffen wie bei jemand, der in die Sonne blickt: »Gern, aber vorher möchte ich Ihre Kasse revidieren.« Engelhart wurde es kalt und heiß, denn er durchschaute nun die Infamie völlig. In einem Ton, dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte er, daß er zwei Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott lächelte unendlich vornehm und runzelte die Stirn. Er entgegnete, er wundere sich, daß ein so aufgeweckter Kopf sich nicht klar gewesen sei über die Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen Begriff zu bezeichnen ihm Engelhart wohl erlasse. Daß nach einem solchen Vergehen von einem weiteren Verbleiben im Dienste der »Minerva« keine Rede sein könne, verstehe sich von selbst. »Sie haben zwanzig Mark Vorschuß, hier haben Sie noch zehn Mark, mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert,« schloß Herr Lutterott seine Rede, »und somit sind Sie ein freier Mann.«

Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine halbe Minute die Türklinke an und ging. Jeder andre hätte gesprochen, wäre aufgebraust, hätte versucht, seine Würde zurückzuerkämpfen, ihm waren die Lippen versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt als erbittert.

Jetzt sollte er die für seine Verhältnisse ziemlich hohe Miete seines Zimmers bezahlen, er sollte essen, trinken, leben, aber womit? Er schrieb an Schildknecht und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so geduldig geschluckt, beichten zu müssen, hätte seinen Stolz verletzt. Sonderbarerweise verspürte er auch jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den schändlichen Mann, eine naive Wehmut umdämmerte seine Sinne, und er war neugierig, wie all dies enden würde. Stundenlang wanderte er durch die schönen Villenstraßen dieser reichen und glänzenden Stadt, las die Namenschilder an den Pforten und beschäftigte sich mit den Träumen von Wohlhabenheit, Glück und Ehre. Es erschien ihm wahrscheinlich, daß unter diesen ruhig Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und liebende Hilfe gewährt hätte, nur kannte er ihn eben nicht, jedenfalls sah er sich jedes der schmucken Häuser mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam an.

Schildknecht antwortete in einem langen, bestürzten, heißatmigen Brief; auch seine eigne Existenz sei dort in der löblichen Schweiz, kaum neu aufgerichtet, wieder zertrümmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm unbekannt, doch seien die Erinnyen fühlbar hinter ihm her. Er sagte, daß er nach Engelharts Gesellschaft Begierde trage, wie wenn er seit Jahrzehnten unter Hottentotten lebte, gleichwohl dürfe er ihn nicht ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber glühend unter den Füßen. Wie stets, kam er in verhüllten Wendungen auf die Pläne zu sprechen, die in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die er als goldene Verheißung hinter den Gewittern erblickte. Engelhart war erwärmt und getröstet durch dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber geholfen war ihm damit natürlich nicht. Schon lebte er in Schulden, schon betrachteten ihn die Leute scheu und finster, schon stieg das Wasser bis zum Hals. Von einer Stunde zur andern gebieterischer bedrängt, eilte er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am Äußersten, Unerhörtes sei vorgefallen, der Vater möge ihm fünfzig Mark senden. Diese absichtlich aufgepeitschte Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam, es war fast, wie wenn ein von Räubern Angefallener mechanisch die Börse zieht. Doch ein paar Stunden später erhielt Engelhart auch einen Brief des Vaters.

»Du weißt, daß ich selbst mit mir zu kämpfen habe,« schrieb Herr Ratgeber, »und daß ich mich ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es ist ein himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese Weise mit Geldforderungen zu belästigen. Ein junger Mann in Deinem Alter muß verdienen, was er braucht, und wenn nicht, muß er sich nach der Decke strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du mich nur durch Schrecken zwingen, Dir zu helfen? Wo hast Du die achthundert Mark Deines Erbteils hingebracht? Ich schinde mich wie ein Taglöhner, nein, ein Taglöhner hat Ruhe, wenn er gearbeitet hat, ich aber nicht, meine Frau gönnt sich keinen guten Bissen, wir gönnen uns keinerlei Vergnügen, und Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu holen. Dabei nagt noch der Wurm in mir über Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen; wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, daß Du nur einen Vater kennst, wenn Du etwas von ihm haben willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur in ordentliche Bahnen lenkst; laß doch endlich die Ideale und werde ein praktischer, brauchbarer Mensch.«

Zum Schluß hieß es: »Es grüßt Dich Dein Dich liebender Vater«; aber dies erschien Engelhart als bloße Floskel. Er antwortete dankend, besänftigend, ausführlich, doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater für geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas Selbstverständliches hin.