Es wurde Mitternacht, ehe Engelhart, weit in der nördlichen Vorstadt irrend, die Straße und das Haus fand, wo sein Vater wohnte. Dann mußte er lange läuten, bis Frau Ratgeber herunterkam. Sie war sehr überrascht und schien des Ankömmlings nicht eben froh zu sein; bedrückten Herzens schlich er hinter ihr die vier Stockwerke empor, und seine scherzhafte Anspielung über die Nähe des Himmels hier oben beantwortete sie mit einem Seufzer über das harte Leben. Sie brachte willig herbei, was sie noch zu essen im Haus hatte, setzte sich ihm sodann gegenüber, blickte mit ihren scheuen Augen ängstlich-musternd in sein Gesicht und meinte vorwurfsvoll, er sehe gut aus. Ihr Antlitz war förmlich zusammengeschrumpft von den Sorgen, und die dünnen schwarzen Haarsträhnen gaben den Zügen einen zigeunerhaften Ausdruck. Der Vater sei verreist, berichtete sie, und werde erst über den andern Tag zurückkommen; und nun suchte sie ihn auszuforschen voll Angst, daß sie da einen müßigen Kostgänger zu füttern haben werde, aber es verdroß Engelhart, daß sie keine gerade Frage stellte, sondern nur so um den Brei herumging; daher schwadronierte er eine Weile von seinen Aussichten, und es wurde ihm selber gläubig zumute, bis ihm einfiel, daß er doch am Morgen seinem guten Schaffner das geliehene Geld zurückbringen müsse. Er schluckte und würgte an den Worten, endlich kam es heraus, halb Bitte, halb Forderung. Frau Ratgeber erklärte mit Entschiedenheit, daß sie keinen überflüssigen Pfennig besitze und nichts geben könne. »Es muß sein,« sagte Engelhart erbleichend. »Wenn es sein muß, so verschaff’ dir’s eben,« entgegnete sie höhnisch, »von mir bekommst du’s nicht, von deinem Vater auch nicht. Wir haben genug Trübsal mit dir gehabt, und jetzt kommst du wieder als Bettler.« Alle seine Sünden und seine ganze Schmach hielt sie ihm vor und blieb bei ihrer Weigerung, auch als er sich aufs Flehen verlegte. »Und jetzt ist es spät,« schnitt sie endlich ab, »ich habe gearbeitet, ich will schlafen.«
Für Engelhart war an Schlaf nicht zu denken. Endlose Stunden hindurch schritt er im Zimmer auf und ab. Pläne zu schmieden war er nicht der Mann, ihn peitschte es bloß von Impuls zu Impuls. Als er am Morgen die Stiefmutter zur Küche gehen hörte, eilte er hinaus und vertrat ihr den Weg. »Ich verpfände mich dir mit meinem ganzen Leben, mit meiner ganzen Zukunft,« flüsterte er, »nur gib mir diese paar Mark, sonst bin ich ehrlos.« Frau Ratgeber zuckte die Achseln und machte ein böses Gesicht, aber es war etwas in seinem Blick, wovon sie niedergezwungen wurde. Ungefähr eine Minute lang besann sie sich, dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück. Engelhart ließ sie nicht aus den Augen, als fürchte er den gewonnenen Vorteil sonst wieder einzubüßen, er begleitete sie und sah zu, wie sie die Kommode aufschloß. Stumm reichte sie ihm ein schweres silbernes Armband, in der Mitte war ein alter Reichstaler eingelötet, der ein Städtebild mit vielen Türmen zeigte. »Geh damit ins Leihamt,« sagte Frau Ratgeber, »du bist mir schon genug schuldig, jetzt auch noch das.« Engelhart erkannte das Schmuckstück, es hatte einst seiner Mutter gehört, und er betrachtete es mit düsterer Miene, hinter der er seine Wehmut versteckte. Doch ging er hin, löste Geld dafür und bezahlte seine Schuld.
Nachträglich bereute Frau Ratgeber ihre Schwäche, und Engelhart mußte ihren erbitterten Hader dulden. Es war ihm keine ruhige Stunde gegönnt. Sein ernster Entschluß, sich um einen Verdienst umzutun, geriet einigermaßen ins Wanken, weil ihn davor ekelte, fremden Menschen unter die Augen zu treten und ihre Gleichgültigkeit ertragen zu sollen. Indessen kam sein Vater zurück, müde von der Arbeit und erschöpft von der Hundstagshitze. Der Mann war sichtlich gealtert, an Körper und Gesicht trat eine fette Aufgeschwommenheit hervor, doch sein Anzug war höchst adrett und den ergrauenden Schnurrbart hatte er schwarz gefärbt und nach der neuesten Mode gebürstet. Die Begrüßung zwischen Vater und Sohn war beeinflußt durch das finstere Schweigen der dabeistehenden Frau, und dieses Schweigen enthielt für Herrn Ratgeber die Aufforderung zu Vorwürfen und Abrechnungen. Während Engelhart auf dem Sopha saß, ging Herr Ratgeber mit seinen kurzen Schritten im Zimmer herum und redete sich in Zorn und Schmerz. Doch beständig war auch ein Ausdruck der Verlegenheit in seinem Gesicht, und wenn Engelhart antwortete, zuckte das seltsame Schmunzeln um seine Lippen, durch das er seiner Aufregung Herr zu werden suchte.
Engelhart fragte, wie es Abel ergehe; Herr Ratgeber antwortete stolz, der bringe sich durch, der sei tüchtig und werde offenbar ein großer Mann. Doch wenige Tage darauf kam über Abel furchtbare Nachricht aus Amerika. Er hatte wieder einmal Dummheiten gemacht und war entlassen worden; dann war er irgendwohin ins Innere des Landes gefahren, hatte Schweinfurter Grün genommen und sich zum Überfluß ins Wasser gestürzt. Ein Farmer hatte ihn aufgefischt, und jetzt lag er in einem Hospital in Ohio und mußte außerdem, wie dort üblich, wegen des versuchten Selbstmords Strafe gewärtigen. Herr Ratgeber war gerade beschäftigt, sich zu rasieren, als der Unglücksbrief kam. Die Frau las ihn weinend vor, Herr Ratgeber legte zitternd das Messer beiseite und stieß, immer jenes entsetzliche Schmunzeln um den Mund, dumpf klagende Töne aus. Mit der halbbarbierten Wange setzte er sich an den Tisch und schrieb sogleich einen langen Brief. Fast feindselig beobachtete Engelhart die flink über das Papier sich bewegende Hand. ›Wenn er nur seine hochtrabenden Worte setzen kann,‹ dachte er; ›wahrscheinlich jammert er wieder über das Schicksal und die Undankbarkeit der Kinder, und nie scheint er zu ahnen, daß er bloß erntet, was er selber gesät.‹
Es half nichts, Herr Ratgeber mußte Geld nach Amerika schicken, aber von diesem Tag an war seine beste Hoffnung dahin und er wurde ein wenig stiller und schweigsamer als bisher. Zu vielem Nachdenken ließ ihm sein Beruf keine Zeit. Er war beständig auf den Beinen, gönnte sich kaum die Ausgabe für die Pferdebahn und kam oft so abgeschlagen heim, daß er sich gleich nach der Mahlzeit zum Schlafen hinlegte. Die Gesellschaft, für die er arbeitete, wußte ihm wenig Dank und glaubte wie die schlechten Erzieher, durch Aufmunterung ihren Vorteil zu versäumen. Es war nur ein beständiges Hetzen und Stacheln, um jede gerechte Entschädigung mußte er feilschen, und in seinem Ärger über solche Unbill konnte sein Auge einen irren und hilflosen Ausdruck annehmen. Seine Sprache gegenüber Engelhart war bitter und gereizt; er schämte sich vor seinen Bekannten, daß er einen erwachsenen Sohn zu Hause sitzen hatte, der nichts war, kein Amt bekleidete und es darauf anzulegen schien, den Seinen zur Last zu fallen. Vergeblich suchte er ein Unterkommen für ihn, und so oft er Engelhart antrieb, daß er selber etwas tun solle, setzte ihm dieser eine unbegreifliche Verstocktheit entgegen. »Ich kann dich nicht ernähren,« sagte Herr Ratgeber dann, und dunkler Zorn machte sein Auge wild; Engelhart aber hörte nur: ich will dir nicht helfen. Ein Wort gab das andre, und schließlich forderte der Vater mit leidenschaftlicher Heftigkeit jene fünfzig Mark zurück, die er damals nach Freiburg geschickt. Er forderte sie in einem Ton zurück, als wolle er sagen: gib mir die Träume wieder, die Erwartungen, die ich einst von dir gehegt. Engelhart war erstaunt und entgegnete verzweifelt, ob man ihm denn das Fleisch aus dem Leibe zu schneiden gedenke. Er redete mit wunderlicher Glut von der Zukunft, so wie Leute sprechen, die mit den eignen Worten ihre Zweifel ersticken wollen, aber Herr Ratgeber antwortete mit einem höhnischen Lachen. »Du bist nur da, um Herzen zu zertreten,« sagte er zitternd. »Ein Prahler warst du von je; was soll dies Nichtstun bedeuten? Glaubst du denn, wenn du in der Nacht vor deinem Schreibpapier sitzest und sinnloses Zeug malst, glaubst du denn, daß du damit je einen Bissen Brot erwirbst? Es ist ein Betrug an dir und an uns.« Und Engelhart erwiderte unbesonnen: »Ja, Vater, warum hast du mich denn auf die Welt gesetzt?« Da schwieg Herr Ratgeber und war, ohne daß er es zeigte, im Tiefsten beleidigt und verwundet; ›ein Kind, das seinen Vater schlägt,‹ dachte er. Doch immer fing der böse Streit über jene fünfzig Mark von neuem an, so daß Engelhart keine größere Sehnsucht kannte, als dies Geld zu besitzen, es ihnen vor die Füße zu werfen und ihnen Liebe und Achtung zu kündigen für immer. Eine stille und unaufhörlich wachsende Erregung ergriff wie eine geheimnisvolle Krankheit Geist und Leib. Nun kam es aber bisweilen vor, daß Herr Ratgeber von dem Verlangen gepeinigt wurde, den Grund dieses zerstückten und schwelenden Wesens zu erforschen; nicht selten stand er des Nachts an der Kammertür und lauschte, was Engelhart wohl drinnen treiben mochte; offen zu fragen getraute er sich nicht, glaubte auch seinen Stolz und seine Autorität dadurch zu gefährden; bei Tisch geschah es, daß er einen schüchtern fragenden Blick auf den Sohn warf, wenn er annahm, daß seine Frau es nicht bemerken konnte. Oder er begann von den Männern des Geistes zu reden, denen er noch immer einen ungeschmälerten, beinahe abergläubischen Respekt entgegenbrachte; von denen, die im öffentlichen Leben standen, von denen, die es so weit gebracht hatten, daß eine Zeitung ihre Feder in Dienst nahm. Er erzählte, wie schon so oft, daß er im Jahre siebzig an der Wirtstafel eines thüringischen Städtchens neben dem großen Karl Gutzkow gesessen sei, und fügte hinzu: »Ja, das waren eben lauter hochstudierte Männer.« Engelhart schwieg. Sein Sinn war verhärtet und voll Hohn. Wähnte er doch weit über den Götzen zu stehen, die seines Vaters Ehrfurcht genossen. Und er haßte die Schrift, die schamlose Entblößung der Seele durch die Schrift, fürchtete jenes Siegel zu brechen, mit dem der Schöpfer das Mysterium des Schaffens versiegelt hat. Es war ihm noch alles Leben, bloßes, einfaches Leben, angefüllt mit unentweihten Gesichten, grenzenlosen Möglichkeiten. Scham hätte seine Lippen verbrannt, wenn sie davon gesprochen hätten. So mag es Adam in der ersten Paradiesesnacht zumute gewesen sein; der Baum, der Fels, die Wolke, die Dunkelheit selbst, nichts war ihm Wirklichkeit, alles Symbole seiner Angst, seines Zagens und seiner Hoffnung, und mehr als Weib und Schlange brachte ihn der Tag zu Fall.
Indessen verging die Zeit, und Engelhart mußte allgemach auf irgendeine Verbesserung seiner Lage sinnen. Es schmeckte ihm der Bissen nicht mehr, mit dem sie seinen Hunger stillten. Zwischen ihm und der Stiefmutter wuchs die Erbitterung bis ins Maßlose. Kaum daß er ihr des Morgens unter die Augen getreten war, begann sie sein Ohr mit Anklagen und Vorwürfen zu füllen, und sie verstand es, mit vergifteten Pfeilen die empfindlichsten Stellen zu treffen. »Von je warst du ein Taugenichts,« hieß es, »schon in der Schule hast du nicht lernen wollen; geh nur mit deinen Luftschlössern, es sind lauter Lügen, du bist ja ein geborener Lügner; natürlich, davon willst du nichts wissen, aber seit ich dich kenne, lügst und betrügst du; damals mit den Äpfeln, was war das doch für eine Niedertracht, und später hast du mich beim Vater verleumdet, du wirst’s noch weit bringen, du wirst deinen Vater ins Grab bringen;« in solchem Ton steigerte sich die Rede, und Engelharts Blut lief schwer und brennend durch die Adern. Die endlosen Beleidigungen verursachten ihm körperliche Übelkeit und Ermattung, er verlor den Schlaf und sann in seinem schlechten Bett mit beklommenem Herzen vor sich hin. An einem heißen Mittag im August kam er, nach mancherlei fruchtlosen Gängen aufs tiefste entmutigt, aus der Stadt zurück und setzte sich in Erwartung des Mittagbrotes an den schmalen Tisch in der Küche. Der Vater war in Geschäften nach Landshut gefahren und sollte drei Tage fortbleiben. Nachdem er eine Weile gesessen und in den düstern und schwülen Lichthof gestarrt hatte, sagte Frau Ratgeber, heute habe sie nichts gekocht, und damit warf sie ihm ein Stück Brot hin. »Wie? ist dir’s vielleicht nicht recht?« fuhr sie auf, als er die Lippen verzog. Sein Schweigen reizte sie, wie jede Antwort sie gereizt hätte. »So ein Lump,« grollte sie vor sich hin, »will nicht arbeiten, stiehlt dem Herrgott die Tage und seinem Vater den letzten Groschen.« Engelhart stand auf und wiederholte mit zitternden Lippen: »Lump?« Die Frau stellte sich ihm gegenüber, und ihre glanzlosen Brombeeraugen drehten sich konvulsivisch: »Ja!« fauchte sie, »Lump! Lump! Lump! Glaubst du, wir wissen nicht, was du für schlechte Streiche in Freiburg gemacht hast? Steh nur da wie ein Herr, glaubst du, man weiß nicht, daß du ins Zuchthaus gehörst?« Engelhart schrie auf; der ganze Raum verschwand und nichts blieb übrig als ein großes blankes Küchenmesser, das am Herdrande lag. Dorthin griff er, schwang die Klinge in die Luft, schrie abermals, die Frau stürzte mit vors Gesicht geschlagenen Händen zurück, er folgte ihr, aber dann kam die Hemmung, jenes unbegreifliche Etwas, das den Menschen solcher Art zu keiner sich selbst vollendenden Handlung gelangen läßt, das in die dunkelste Nacht ihrer Leidenschaft wie ein Funke fällt oder wie eine unüberhörbare Stimme tönt. Er verlor das Bewußtsein und fiel nieder. Als er erwachte, wusch ihm Frau Ratgeber das Gesicht mit Essig. Sie weinte, war aufgelöst in Tränen. Nach einigen Minuten hatte er sich so weit erholt, daß er aufstehen und sich zum Fortgehen anschicken konnte. Die Frau erbot sich, Kaffee zu bereiten, er schüttelte den Kopf und verließ die Wohnung.
In einer nahegelegenen Straße wanderte er von einem Eck zum andern bis gegen Abend beständig hin und zurück. Dann war er einigermaßen gesammelt, las die Vermietezettel vor den Haustoren, stieg in einem weitläufigen Gebäude bis unter das Dach, mietete die ausgeschriebene Mansarde und schickte sich gleich an, die Nacht hier zu verbringen. Am andern Morgen überlegte er lange hin und her, wie er zu seinen Habseligkeiten kommen könne; endlich entschloß er sich doch, selbst in die väterliche Wohnung zu gehen. Glücklicherweise war Frau Ratgeber auf dem Markt, und eine Zuspringerin, welche die Böden fegte, behütete das Haus. Er packte eilig seine Sachen in den Koffer und stellte Betrachtungen darüber an, was er von all dem verkaufen könne, um sich ein wenig Geld zu verschaffen. Es war nichts, er besaß lauter ärmliches Zeug, das ihm noch dazu unentbehrlich war. Da fiel sein Blick auf das Bücherregal des Vaters; die Bände standen noch immer in derselben Reihenfolge wie vor vielen Jahren, als ob keine Hand inzwischen sie berührt hätte. Er suchte drei oder vier Bände heraus, von deren Erlös er sich etwas versprechen konnte, schrieb einen Zettel an den Vater, worin er die Tat bekannte, fügte seine Adresse bei und legte den Zettel an eine Stelle, wo ihn der Vater, und nur er allein, finden mußte, nämlich in die Schublade, wo sich das Rasiergeräte befand. Die Bücher verkaufte er am selben Tag und erhielt zwei Mark dafür.
Das war an einem Donnerstag. Am Samstag in der Frühe erhielt er einen Brief vom Vater. »Lieber Engelhart,« begann das Schreiben, »zwischen uns ist von heute an jedes Band zerschnitten. Über den Vorfall mit der Mutter will ich kein Wort verlieren, darüber zu sprechen, verbietet sich von selbst. Gott verzeihe mir, daß ich Dich nicht zu einem besseren Sohn und brauchbaren Menschen herangebildet habe. Außerdem hast Du, um es ganz frei herauszusagen, ordinär gegen mich gehandelt, indem Du hinter meinem Rücken die Bücher verkauft hast, für die Du doch nur ein paar elende Pfennige erhalten konntest. Es fehlt mir mein französisches Wörterbuch, dann das Werk ›Kraft und Stoff‹ und Freytags ›Verlorne Handschrift‹. Ich hatte diese Bücher lieb, sie waren mir wie Freunde, sie haben mich über den größten Teil meines Lebensweges treulich begleitet, und ich misse sie mit schwerem Herzen. Handelt man so gegen den Vater, der es doch stets gut mit Dir gemeint hat? Das hätte ich nie und nimmer von Dir gedacht, und zur Erklärung kann ich nur annehmen, daß Dein sittliches Gefühl getrübt ist. Doch genug, ich habe mich über die Geschichte so alteriert, daß ich es nicht in Worte bringen kann, und deshalb lege ich auch die Angelegenheit ad acta.«
So weit der Brief. Aber es war auch eine kleine Nachschrift dabei, ein unerwartetes und rührendes Anhängsel: »Hierbei schicke ich Dir, obwohl ich es hart entbehre, fünf Mark in Briefmarken, damit Du nicht hungern mußt.« Und wie ein bunt kariertes Fähnchen hingen die angeklebten Marken vom Rand des Briefblattes herab. ›Er will sich einschmeicheln,‹ dachte Engelhart, und sein Sinn blieb starr.
Von seiner Mansarde aus konnte er über die meisten Häuser der Umgebung hinwegblicken, und bei Nacht hatte er ein großes Stück Sternenhimmel vor sich, während aus den Höfen die beleuchteten Fenster heraufglühten und mit dem Vorrücken der Stunden nach und nach erloschen. In den ersten Tagen war der Morgen eine goldene Zeit, denn die Sonne schien geradeswegs ins Fenster, keine unwirsche Hand drohte an die Tür zu klopfen und zur Tätigkeit zu mahnen, und die Gewißheit, daß die bösen Träume der Nacht etwas Bestandloses und Unwirkliches waren, genoß sich wie eine herrliche Speise. Der jähe Frieden inmitten einer bewegten Stadt hatte etwas seltsam Betäubendes. Zunächst galt es, das winzige Kapital möglichst praktisch auszunutzen, es gleichsam dünn und breit zu schlagen. Von der Vermieterin verschaffte er sich einen Kochtopf und einen Spiritusapparat, dann kaufte er einen kleinen Sack Äpfel, ferner einen Vorrat von Käse, Kaffee und Zucker. Die Äpfel schälte er und kochte sie zu Mus, und das gab eine Mittagsmahlzeit, morgens und abends nahm er den eigengebrauten Kaffee zu sich und hatte bald die Kunst entdeckt, wie man ihn auf die einfachste Weise schwarz und stark werden läßt. Aber die zwei Taler waren bald dahin, und die Vorräte im Schrank dauerten auch nicht gar lange. Was war zu tun, um dem schmerzhaften Hunger zu entgehen? Engelhart studierte die Stellenangebote in den Zeitungen, und da er das teure Geld nicht für Briefmarken ausgeben konnte, lief er selber überall hin und stand oft in der Frühe mit hundert andern vor dem Ausgabeort der Zeitungen. Dann fing das Marschieren an, straßauf, straßunter, immer mit einem Keimchen von Hoffnung in der Brust; schüchtern trat man vor irgendeinen Herrn hin, der in einem muffigen Schreibzimmer saß wie eine Spinne im Mauerwinkel, aber jedesmal war schon ein andrer dagewesen, der es wahrscheinlich noch billiger machte und auch einschmeichelndere Manieren gezeigt hatte. Mit heiß und kaltem Körper schlich dann der Bittsteller demütig wieder heimwärts und kaufte für das letzte Restchen Mammon ein paar Gramm Tabak. Es war ein Glück, daß sich der Herbst mit schönem Wetter anließ, da brauchte man wenigstens keinen Regenschirm, und die defekt gewordenen Stiefel schluckten statt Wasser bloß Staub. Einmal nun hatte Engelhart einen wunderbaren Einfall. In einer Stadt, sagte er sich, wo so viel hunderttausend Menschen leben und unter ihnen so viel reiche Menschen, zugereiste Fremde, ja sogar Fürstlichkeiten und der königliche Hof, in einer solchen Stadt muß doch notwendigerweise auch einiges Geld auf der Straße verloren werden; wenn also einer es unternimmt, zu suchen, geschickt zu suchen, und besitzt Instinkt zu dergleichen, so kann es am Erfolg nicht mangeln; angenommen, ich entdeckte auf solche Manier einen Brillantschmuck im Werte von soundsoviel tausend Mark, so steht mir als Finderlohn der zehnte Teil zu, und ich bin aus der Patsche. Die Logik dieser Überlegungen entzückte ihn in so hohem Maß, daß er sich ungesäumt ans Werk begab. Mit gesenktem Kopf und aufmerksam auf das Pflaster gerichtetem Blick strich er langsam durch die Hauptstraßen und die vornehmen Quartiere. Vor den Gasthöfen, wo die Fremden abstiegen, stand er wie ein Wachtposten, blickte in kein Gesicht, sondern starr und begehrlich zu Boden. Sah er von fern etwas schimmern, so eilte er mit klopfender Brust darauf zu und erblaßte, wenn es nur ein Fetzen Stanniolpapier oder ein Messingknopf war. Stundenlang ging er in der Bahnhofshalle umher, dachte sehnsüchtig an das viele Geld, das dort an den Schaltern ausgewechselt wurde, und wünschte sich nur ein Tröpfchen von dem Überfluß. Er wurde zornig, wenn seine Gedanken abschweifen wollten von der Erde, wenn sie in der Luft suchten, was doch zweifellos unten im Schmutze lag, aber es half alles nichts, er fand nie auch bloß eine Kupfermünze, viel weniger den besagten Brillantschmuck.