»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.«
»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu – moralisch, liebe Freundin. Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.«
»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele ...«
»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel, ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es jemals der Fall war.«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals. Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert. Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen Ideal und Wirklichkeit?«
»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man herrlich weit!«
»Zu einem Mittel des Verzichtes, – ja. Aber nicht im Geist der Askese, sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender, Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art. Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung, sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft, im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.«
»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein, inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie, und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun dies Wunderbare –? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor jedem Jäger aus dem Staub.«
»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.«