Der Literat
Geschrieben 1909
Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur begreift, ein Werk des Literaten ist.
Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen.
Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog, oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan, ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante, reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen.
Der Literat als Dilettant
Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes, welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht, das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen, gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen sucht.
Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes, sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden. Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln.
Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen, sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.