Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur gegenwärtigen Stunde Deutschland ist.

Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht überraschend für mich.

Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben.

Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig anbiß.

Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort war die Zentralhexenküche.

Es ist nicht meines Amtes.

Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.

Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer.

Juden sind die Jakobiner der Epoche.

Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären. Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat, man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt.