Am andern Morgen, es war ein Samstag, erhielt Mely ein Billet vom Oberst. Mit zitternden Händen erbrach sie das Couvert. „Liebe Melusine,“ schrieb er. „Ich bitte Dich heute zum Abendessen, da ich mittags durch den Direktor Skolny verhindert bin. Ich erwarte von Dir, daß Du auch weiterhin ein gutes Kind sein wirst. Beifolgendes Epheublatt erhielt ich einst aus Genf. Erinnerst Du Dich? Herzlichen Gruß. Wolfgang.“

Der Regen fiel in Strömen, und in den Zimmern hatte man zum ersten Mal geheizt. Als um elf Uhr die kleine Dele, Frau Benders sechsjähriges Töchterchen, aus der Schule kam, hatte sie Wangen rot wie Kirschen.

„Na, du siehst schön zerzaust aus,“ sagte Mely, nahm sie bei den Armen und küßte sie ab.

„Ja, die dummen Buben laufen uns immer nach und lassen uns net in Ruh’,“ entgegnete das Kind und schob die Unterlippe noch weiter heraus, als sie von Natur schon vorhing. „Ich werd’s jetzt meiner Lehrerin sagen.“

„Recht so, Schatz,“ pflichtete Mely bei, die mit dem Mädchen völlig zum Kind wurde. Dele sagte auch du zu ihr.

„Ich möchte nur wissen, was sie von uns wollen,“ fuhr die Kleine fort. Sie runzelte klug die Stirn. „Du,“ sprang sie plötzlich ab, „heut früh hat die Puzzi Junge bekommen, hast es gesehen?“

Mely verneinte. Dele zog einen Zettel aus der Tasche, der mit den steilen, zurückgebogenen Schriftzügen Helenes beschrieben war. Es stand darauf: Die Geburt von vier gesunden Jungen zeigen hocherfreut an: Frau Puzzi, Kater Jonas. Mely lachte.

„Wundernette Katzerln sind’s,“ sagte Dele und setzte sich der großen Kameradin auf den Schoß. „Viere. Ich war dabei. Ich hab’s ganz genau gesehn.“ Sie kicherte geheimnisvoll und fragte dann flüsternd: „Du (sie begann fast triumphirend jeden Satz mit diesem du), kommt zu den Katzen auch der Storch?“

„Natürlich,“ gab Mely zur Antwort.

„Gell, zu denen kommt der Katzenstorch?“