Mely ahnte nichts davon. Sie vertraute allen Menschen, außer denen, die sie haßte. Was man ihr sagte, das glaubte sie, selbst die plumpen Lügen. In ihrem Schmerz befangen, hielt sie es für unmöglich, daß jemand an der Tiefe dieses Gefühls zweifeln könne. Sie setzte sich und sagte mit ihrer jetzt weichen und einschmeichelnden Stimme, die etwas Bekümmertes stets in sich hatte: „Ich wollte ja auf alles gern verzichten, wenn ich nur meine Ruhe hätte. Mit nacktem Brot nähm ich vorlieb, – nur endlich einmal ein anderes Leben. Die Aufregungen, die Quälereien, die Beleidigungen, – ich bin ganz krank.“

Und sie seufzte tief auf, wie Kinder thun, wenn sie sich ausgeweint haben. „Sie wissen nicht, was das ist, Helene,“ fuhr sie traurig fort. „Sie haben Ihre Mutter da und leben so bequem und Sorgen haben Sie keine. Aber ich bin ganz allein auf der Welt und dieser Mann darf mich mißhandeln wie er will, darf mich beschimpfen – o, ich bin ganz krank! Da hab ich wieder einen Brief, sehn Sie Helene, – da, was das ist! – Ich muß mich zu Tod schämen.“

„Was ist es denn?“

„Ach – das kann ich Ihnen ja gar nicht sagen. Es ist – er will – – nein, es ist unmöglich.“ Verwirrt und voll Scham wandte sich Mely ab. „Schon einmal hat er es verlangt,“ flüsterte sie. „Und weil ich nicht will, muß ich mich quälen lassen, um nichts, um jede Kleinigkeit.“ Sie nahm den Brief und zerfetzte ihn nervös zwischen den Fingern. Dann ging sie zum Kleiderschrank, nahm ihre Straßenrobe heraus und öffnete mit einem einzigen Riß die Knöpfe ihres Morgenrocks.

„Ja, – mögen Sie ihn denn nicht?“ fragte Helene schüchtern. „Oder wie ist das?“

„Mögen! Erschießen könnt ich ihn.“

Das kleine Mädchen lächelte verständig. Sie trat zu Mely und ergriff deren beide Hände. „Seien Sie doch ruhiger,“ sagte sie. „Ist es denn gar so schlimm? Wer weiß, vielleicht stellen Sie sichs nur so entsetzlich vor. Er ist doch oft recht nett mit Ihnen. Wie viel Schönes hat er Ihnen schon geschenkt.“

Die Trostgründe waren banal; doch auf Mely übte die stille, sichere und selbstbewußte Art dieser Frühreifen einen beruhigenden Einfluß. Sie strich mit der Hand über die Stirn und blickte unschlüssig vor sich hin.

„Was wollen Sie denn thun?“ fragte Helene ängstlich.

„Hinüber will ich. Alles will ich ihm sagen. Seinen Brief will ich ihm vor die Füße werfen!“ stieß das junge Weib hervor. Sie hatte vergessen, daß sie den Brief soeben zerrissen hatte.