„Sie habben abber garr keine Kälte hier,“ sagte der Pole wichtig. „In Rußland – ooh! Was für Kälte, was für Kälte! Werde ick Ihnen eine Geschichte erzählen. Vorikes Jahr fahrt ein Pfarrer russischer in ein village Umgegend von Kiew. War serr kalt, Schnee so hoch und Wind eisiker. Und wie Abbend kommt, laufen, – wie sakt man: loup, des loups? –“

„Wölfe –“

„Richtik, kommen Wölfe, heulen und laufen hinter Troika herr. Wölfen werden immer gieriker und Pfarrer – was thun? Kann sich nicht helfen, was thut, wirft seine Kinder die Wölfe vor. Eins, zwei, drei Kinder, immer in große Wekstrecke, bis am Ziel war.“ Der Pole sah sich herausfordernd um. „Das ist wahr, bei meine Seel,“ beteuerte er, als ein Gelächter, das vom Doktor ausging und alle anderen ansteckte, ihn unterbrach. Nur Mely lachte nicht.

„Was will das heißen,“ keuchte Dr. Brosam in verhaltenem Lachen. „Die Chinesen werfen ihre Kinder den Schweinen vor. Allerdings neugeboren, da sind sie zarter.“

„Nun, bei uns werden die Schweine den Kindern vorgeworfen,“ meinte Helene trocken und freute sich, als das Gelächter von neuem begann.

„Da giebt es noch viel merkwürdigere Sachen,“ hob der Doktor wieder an, und sein schönes, bleiches Gesicht wurde sehr ernst. „Ich weiß nicht, ob Sie die Geschichte von dem normannischen Fischer kennen, dessen Großmutter ins Wasser gefallen war. Als er die Leiche auffand, sah er, daß sich Krebse daran festgesetzt hatten. Seitdem benutzt er seine tote Großmutter zum Krebsfang.“

„Entsetzlich – pfui! Wie können Sie so etwas erzählen!“ stöhnte Fräulein von Erdmann.

Der Pole war wütend und empfahl sich bald. Mely entging es nicht, daß er einen glühenden, fragenden Blick auf sie gerichtet hatte und sie zog die Brauen zusammen. Schutzlos bin ich diesen Leuten preisgegeben, dachte sie.

„Was haben Sie denn,“ wandte sich Frau Bender an sie. „Sie sind so beklommen heute, so ganz abwesend, so verstört –“ Die kleine Dame hatte etwas Kindliches und Bestechendes in ihrem Wesen, das Jeden gefangen nahm.

Mely errötete tief. Sie wollte antworten, doch Dr. Brosam nahm für sie das Wort. „Ja, ich glaube, das gnädige Fräulein ist sehr launisch. Die meisten Damen sind so. Meine verstorbene Braut hatte nichts von dieser modernen Sucht, möglichst wetterwendisch zu scheinen.“