Manchmal machte er kleine Spaziergänge im Park, dann nahm er Olivia mit und führte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schöne Kind. Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach dem Vater sahen, der so nachdenklich und voll Würde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn.

Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Fräulein im Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld verraten. In der Entrüstung darüber forderte die Mutter, daß sie zur Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher Leidenschaft, daß die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals stürzen, war für Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich so krampfhaft an den Vater, daß der erschrockene Mann alle Mühe hatte, sie zu beruhigen.

Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und starb eines plötzlichen Todes.

Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt, viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten weinten, Olivia begriff es nicht. Für sie war der Vater immer noch verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod.

Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von der Mutter und von Ferdinand, sprach von ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen, von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber keine Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, – so lange, bis sie endlich begriff.

Die großen Einnahmen des Professors waren von dem luxuriösen Haushalt verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital übrig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen.

Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten und des neuen Lebens war es Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands Erziehung übte er einen entscheidenden Einfluß, während er Olivias Tun und Lassen gleichmütiger zu betrachten schien.

Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn zurückgelegt, die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte beneidete Auszeichnungen erhalten und genoß als juristischer Schriftsteller den Ruf einer Autorität.

Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nämlich eine Sache, die er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen.

Von früh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose und derbe Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte immer ein herzliches Wort für sie. Während er mit der Mutter sprach, stand sie in seiner Nähe; lächelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte sich an seine Schulter.