Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung zum Bau der Baracken.

Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.

Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig. Es war für sie ein Fall unter vielen.

Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.

»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige Weg, für dich der Irrweg.«

»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie mir gezeigt hast,« antwortete sie.

»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«

»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«

»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon verzeihen, Olivia.«

Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s nicht sein.«