»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht des Hofrats gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber es ist nicht Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so freudig, daß man es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.«
Diese Begründung war für den Hofrat ein Schall. Olivia war schön; das allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren häßlich; Bücher machten häßlich, Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen zu drängen, machte häßlich. Auf Sportplätzen die Glieder verrenken, die Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein unerquickliches Schauspiel. Der Schönheit floß alles zu, sie raubte der Natur nichts, sie ließ sich von ihr beschenken, Schönheit war einsam, war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen das Gesetz.
Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener.
Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwärmerei für einen genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer unter die Gilde der stadtansässigen Musiker gefahren war und das Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen über ihn erholt hatte.
Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den beiden, die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat grüßte sie und blieb stehen; er machte sie mit dem vergötterten Manne bekannt. Sie wurde blaß, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie hatte seine Stimme gehört, und diese Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttäuschen, aber auch beglücken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerührt als irgendeine zuvor.
Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia wußte die Mutter zu überreden, daß sie dort die Ferien verbrachten. An vielen Tagen, in Mondnächten wandelte sie andächtig die Pfade, auf denen er gegangen war. Seine persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn sie ihn einmal des Tages von ferne sah.
Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich unbeobachtet; bei einem Strauß beugte er sich nieder, um zu riechen. Die Zärtlichkeit der Bewegung hatte für Olivia etwas Außerordentliches. Von da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es mußten stets Blumen in ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, pflegte sie, freute sich, wenn sie blühten, und trauerte, wenn sie welkten.
Als der Musiker eines frühen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie besaß, für Blumen aus und schmückte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen noch empfänglicher gemacht.
Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenüber dem lebendigen Auf und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an Freunde sich auszuteilen, war Glück. So wurde sie vielfach in die Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen wurde mißbraucht, Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, Wahrheit in Lüge verkehrt. Aber auch dies war für Olivia ein Stück des großen Reichtums, waren angefaulte Früchte von dem Baum, der ein Übermaß der guten gab.
Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden Morgen über ihr Erwachen, über den Himmel, die Luft, das Licht, die Zeit, über alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr erwarteten, über ein Gespräch, das sie gestern geführt hatte, einen Spaziergang, den sie heute machen wollte, über ihren eigenen Körper, über jedes Ding in ihrer Stube.