Von Tag zu Tag wurde Frau Agnes kränker. Erst war der Doktor jeden zweiten und dritten Tag gekommen, nach einer Woche schon kam er täglich. Und Tag und Nacht saß Tante Regina an ihrem Bett, oder sie sah in der Küche nach, schaffte Ruhe und Ordnung im Haus, und dabei wurde sie immer wortkarger und mürrischer. Zu Ende des Mai wurde nach einem Professor von der Universität telegraphiert. Als Peter dies hörte, berichtete er es atemlos, jedoch ohne Arg, seiner kleinen Kameradin und die beiden freuten sich, einmal einen Professor mit eigenen Augen sehen zu können.
Kein Laut durfte im Haus hörbar werden. Jetzt begann es auch zu regnen, und es regnete unaufhörlich, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Da gingen Peter und Lizzi in den Flur, setzten sich ans Fenster und lasen Märchen. Und es war sehr still. Die beiden kleineren Geschwister waren schon gestern zu einer entfernten Verwandten geschafft worden, da sie immer großen Lärm verübten.
»Du, ich möchte eigentlich wissen, wie das ist, wenn man tot ist,« unterbrach plötzlich die kleine Lizzi die Lektüre.
»Da hat man kein Herz und kein Gehirn mehr«, erwiderte Peter. »Ja, eigentlich möcht ich auch wissen, wie das ist,« fügte er nach einer Weile träumerisch hinzu. »Tot .... tot .... was für ein dummes Wort: t, o, t ...«
»Was ist mehr: tot oder maustot?« fragte Lizzi. »Du, – glaubst du das vom Himmel und von der Hölle?«
»Von der Hölle, – nein! aber einen Himmel muß es doch geben.«
»Ja, aber die Räuber und die, –?«
Lizzi nagte beklommen an ihrer Unterlippe.
»Ich habe schon einmal geträumt, ich wäre tot,« erzählte Peter, der seiner Kameradin imponieren wollte. »Aber da bin ich wieder aufgewacht. Möchtest du sterben?«
Das Mädchen schüttelte langsam den Kopf, und sie flüsterte geheimnisvoll: »Weißt du, wo der liebe Gott wohnt? Ich weiß es. Neben dem Leichenhaus wohnt er, auf dem alten Kirchhof .... Ja, das ist wahr, das hat meine Freundin gesagt und der hat’s ihr Bruder gesagt.«