Abends Diner um 8 Uhr bei Consul M., – wir erscheinen »in dress« und finden die Gesellschaft (den Herrn Consulatsgerenten mit seinem Commis, den Apotheker und Frau u. s. w.) in ihren weissen leinenen Jacken! Es war zu komisch! Dann ein Whist bei mörderischer Hitze! –

ZIEGELTHURM DES WHAT SEKHET

Montag 7. Jänner.

Posttag, – wir sitzen und schmieren, dass das Wasser herunterläuft, Berichte ans Wiener Ministerium des Aeussern, Noten an das hiesige auswärtige Amt, Privatbriefe. – Mein Zimmer ist die Kanzlei, und das in Bombay leider in ungenügender Masse gekaufte blaue Papier geht aus, – in ganz Bangkok ist kein ähnliches aufzutreiben! Hol's der Teufel! Um 2 Uhr dampft unsere geliebte »Hecuba« nach Süden und auf ihr die Philadelphier Nead und ein rothhaariger amerikanischer Zeitungsscribbler, Frank G. Carpenter. – Nachmittags Besichtigung des am Menam gelegenen Wat-Tschong, wohl einer der schönsten Tempel Siams; die Höfe, die Thore, die monumentalen Gänge, besonders der in der Mitte befindliche Hauptthurm (Pratschedi), sowie die letzteren umgebenden Dutzende von kleinen Thürmen, Alles ist in den buntesten Farben und Mustern mit glasirten Ziegeln, Majolicatellern und gebrochenen chinesischen Tassen belegt. Das blitzt und glänzt in der Abendsonne wie ein Märchen. – Auf halber Höhe des Pratschedi bewundern wir die dunkelrothe Sonnenscheibe, die plötzlich, wie immer in den Tropen, verschwindet und die Stadt ohne Zwielicht im Dunkeln lässt. – Unten, in einem Tempelvorhof, spielen eine Menge junger Buben Ball, aber mit den Füssen! Unglaublich geschickt wird der Ball mit dem nackten Fusse aufgefangen und an den nächsten Spieler weitergeworfen. Siamesische Gigerln von hohem Range gehen nie allein aus, immer folgt ihnen ein Heer von Begleitern, Dienern, Sclaven. – Heute abends spielt ein junger Secretär Dewangs im »Oriental« Billard, und die Treppen, Hallen und Veranden des Hôtels sind auch von einem Schwarm seiner Leute überfüllt, die an allen Orten liegend oder sitzend ihren Herrn erwarten. – Der junge Herr ist übrigens ein Flegel, – beim Empfang bot er mir seine gehorsamsten Dienste an, jetzt grüsst er nicht einmal, warum?!

 Ins Hôtel zurückgekehrt, rauche ich gemächlich auf der Veranda eine Cigarre, als mir der Wirth die Mittheilung macht, die »Schwalbe« vom Norddeutschen Lloyd sei angekommen. – »Freut mich!« – »Ja, aber ein Oesterreicher ist darauf gewesen!« – »Freut mich!« – »Der österreichische Baron kennt Sie aber, er ist jetzt oben bei der Excellenz!« Da weicht mein Phlegma, ich laufe hinauf und finde bei Biegeleben meinen alten Bekannten Baron Richard Poche, den ich zuletzt bei einem Diner bei Hofrath v. Winterstein in Wien vor seiner Weltreise gesprochen! Ein zufälliges Zusammentreffen in Bangkok kommt kaum alle Tage vor! Poche war über Amerika, Yellow Stone, Yosemite u. s. w. nach Japan, dann über Shangai nach Peking und zur grossen Mauer gereist, hatte hierauf von Canton aus die Philippinen, Singapore und einen Theil Javas besucht; nach Singapore wieder zurückgekehrt, war sein Erstaunen gross, im dortigen Singaporeclub meine Visitkarte an der Tafel zu finden, – und so schnell als möglich folgte er uns in der »Schwalbe« und bedauerte nur lebhaft, den König nicht mehr erreicht zu haben. So haben wir denn einen neuen, wenn auch leider etwas tauben Gefährten. – Er ist ein seelensguter Kerl und ganz unempfindlich für die grossen Hitzen.
HINDU-FRAU

Dienstag 8. Jänner.

 Zu seinem grossen Aerger wird Sapieha von mir zum Besuchmachen gepresst; auf der Barkasse suchen wir die fremden Vertreter heim, die ausnahmslos am Flussufer schöne, grosse Compounds, auch Campongs genannt, besitzen. Es sind dies Reservate, die ihnen vom Könige angewiesen sind, da Europäer sonst in der Stadt keine Häuser bauen dürfen. Das bei Weitem beste Bungalow mit grossem Amtsgebäude hat der englische Chargé d'affaires E. B. Gould (der neue Resident Jones ist aus Philippopel noch nicht eingetroffen) und dessen Viceconsul E. H. French. – Der Franzose Graf Kergaradec, von seinen Forschungsreisen den Mekong hinauf berühmt, ist mit seiner hübschen Frau leider auf Urlaub und wird nur schwach durch die Herren E. Lorgeon, F. Chalant und Charles Hardouin vertreten. – Auch der amerikanische Generalconsul Jakob J. Child ist verreist, und sein Neffe, C. J. Child, der hier die Advocatie ausübt, leitet das Amt. Dafür ist der Portugiese, Fregattencapitän Frederico Antonio Pereira, ein charmanter Mensch, der uns als einzige Merkwürdigkeit in seinem netten und kühlen Hause – Glasfenster zeigt! Wohl ein Unicum in Siam! Auch die Deutschen haben noch einen effectiven Repräsentanten, den liebenswürdigen Ministerresidenten Kempermann, nebst dem Referendar Friedrich Flügge und dem Diätär Premierleutnant E. Meissen, einem Bruder meines alten Arztes in Falkenstein a. Taunus. Alle anderen Mächte haben hier nur Honorarconsuln, so Italien, dessen Ministerresident in Shanghai wohnt, den Kaufmann H. Sigg (bei dem ich accreditirt bin), Holland einen Herrn J. C. T. Reelfs, Schweden den Holzhändler Chr. Brockmann, und wir selbst Herrn M.
 Nachmittags fährt Phya Smud den Gesandten und mich zum Wat Po, einem weitläufigen, mit vielen Höfen versehenen Tempel gegenüber dem Wat Tschong. Die prächtigen Thürflügel des Hauptgebäudes, aus Ebenholz, mit der ganzen Buddhalegende aus Perlmutter eingelegt, übertreffen an Schönheit der Zeichnung und Präcision der Ausführung alle ähnlichen europäischen Arbeiten; es sind wahre Meisterwerke. – Auch der berühmte liegende Buddha, der 160 Fuss lang, schwer vergoldet ist und Unsummen gekostet haben soll, hat die riesigen Fusssohlen mit ähnlicher Arbeit verziert, die auch prächtig, wenn auch nicht so vollendet sind wie die Thüren. – In einem grossen, mit Felsblöcken umgebenen Teiche, mitten im Tempelgarten, ist ein etwa 15 Fuss langes Krokodil – ein Wächter holt ein Stück Schweinefleisch als Köder und einen festen Strick, und bald hat der Gesandte das Unthier gefangen und zieht mit unserer Hilfe das Biest halb aus dem Wasser, wobei er fast selbst in den weitgeöffneten Rachen fällt. Ein Krokodil an der Angel zu haben ist jedenfalls originell, ebenso die zolllangen rothen Ameisen, die einen combinirten Angriff auf uns ausführen und uns sofort in die schmählichste Flucht jagen. Die Thiere beissen auch wie verrückt. – Während dieser lieblichen Episode hat Sapieha mit Poche den katholischen Bischof besucht und kehrt jeder um 30 Tikals ärmer zu uns zurück. Besonders Poche kann diese milde Spende nicht verschmerzen!
MUSME

Abends fährt Biegeleben zu Prinz Dewang, der seine Empfangsstunde von 9-10 Uhr hat (!); wir drei überfallen ein japanisches Theehaus, wo einige nette herzige Musmehs guten Thee serviren und originelle Lieder mit Guitarrebegleitung singen – leider verstehen wir kein Wort der lebhaft geführten Conversation; die Mädchen sind propre, geschmackvoll gekleidet, lachen über Alles, auch über uns, und halten uns offenbar zum Besten. – Worin die Frozzelei eigentlich besteht, ist aber für uns unergründlich!