24. November.

Brindisi. – Der gute »Poseidon« liegt hier gemüthlich im engen Hafen, wenige Schritte vom Landungsplatze, dem Hôtel gerade gegenüber, darüber blinkt die einsame korinthische Säule, der letzte Rest des alten Brundusium – ans Land zu gehen ist kaum der Mühe wert, nur Fuchs unternimmt es, uns Whistkarten zu kaufen, da wir keine auf dem Schiffe auftreiben können. Am Ufer stehen schon die längste Zeit zwei Damen und schauen den Dampfer an, wir beobachten sie unsererseits mit Feldstechern; kommen sie mit oder nicht? Grosse Aufregung, – während wir alle bei Tische sind, erscheinen die interessanten Frauenzimmer endlich, – also neue Gefährtinnen. Es ist eine Mrs. Mackenzie, Frau des Collector of Berar in Central-Indien, Colonel M. und ihre bildsaubere 17jährige Tochter Rose, sehr nette Leute. – Um 2 Uhr dampfen wir langsam ins Ionische Meer hinaus: Mar Morte, heftiges Rollen! Das machen die sieben Missionarii!
RÖM. SÄULE BRINDISI

26. November.

Gestern hatte sich das Meer wieder geglättet, in der Frühe kamen schon die griechischen Berge in Sicht mit ihren wundervollen Farbentönen; ein Einblick in den Golf von Korinth und auf die südlich davon gelegene Clarenza, die einstige Residenz der burgundischen Villehardouin, wo ich mit Exners am Wege nach Olympia übernachtet, wecken alte Erinnerungen an meine erste Orientreise, wir gleiten an Kephalonia und Zante vorüber, dem köstlichen »Fior di Levante«. Ithaka bleibt leider dieses Mal verdeckt; dafür fahren wir nachmittags kaum einen Büchsenschuss entfernt an Navarino und Sphakteria vorbei, wo der kleine Leuchtthurm an Stelle eines türkischen Castells ein neues Wahrzeichen bildet; spät am Abend erscheint im Osten Cap Matapan, und bald leuchten die Feuer von Candia herüber. – Ein kleines Cayenne mit Biegeleben, Goracucchi und Pertile hat brillanten Erfolg und beschliesst würdig diesen schönen Tag! Heute, welcher Contrast! Lange, heftige Wellen rollen südlich von Kreta gegen die syrische Küste zu, und der gute »Poseidon« hat seine gewohnte Ruhe gegen die Bewegungen einer Prima Ballerina vertauscht: er springt, tanzt, stampft, schüttelt seine Schraube aus dem Wasser, stöhnt und kracht! Wie ruhig würde die norddeutsche »Saale«, welche ich vor drei Monaten von New-York nach Bremen benützte, in diesen verhältnismässig stillen Gewässern sein? Die meisten Genossen sind auch krank, alle Damen sind unsichtbar, ebenso Biegeleben, Pertile, Vuccino e tutti quanti. – Beim Speisen erscheinen nebst dem Commandanten und mir blos die beiden Consuln! Und auch ich werde mich freuen, wenn wir die Rollerei los sind! Gestern überreichte Biegeleben dem dicken, gesprächigen Pertile eine reizende silberne Cigarettendose, sowie ein Zündetui vom Erzherzog Carl Ludwig, als Dank für die den Bardi's erwiesenen Freundlichkeiten. – Der Gesandte hatte die Geschenke nach Singapore bringen sollen, da wir ihn aber mit am Bord haben, so gab er sie ihm schon hier. – Heute kein Whist, manque de partenaires! Hoffentlich morgen! O, diese Missionarii!!

I. GOZZO

27. November.

 Der Wind hat sich so ziemlich gelegt, dasThermometer steht auf 19°C., und aus allenEcken kriechen die tapferen Passagiere heraus,um sich zu sonnen und für den gestrigen Tagzu entschädigen. – Abends spät sollen wirin Port Saïd eintreffen; hoffentlich erst morgen,denn bei dem Lärm des Kohlens könntenwir ja doch nicht schlafen. Goracucchiund Frau sind über die bevorstehende Ankunftnicht sonderlich entzückt; denn nunheisst es wieder zwei volle Jahre in dem trostlosenOrte aushalten. – Signor Pertile vertrautmir seine geschäftlichen Leiden an:sein Vater Professor in Padua, sein OnkelChlumecky, seine Vettern Brandis in Mähren,sein Verhältnis zu Brand in Singapore undseine bevorstehende Etablirung dortselbstmit einem Herrn van der Pals! Zwei geschlageneStunden dauert die Erzählung!Ich habe ihm ja nichts zu Leide gethan!Abends wieder Whist: nun haben sich aberdie Blätter gewendet, ich verliere alle Rubber,und der Patzer Pertile gewinnt. – Mme. deGoracucchi, deren Mann ganz ausgesäckeltwird, ist ganz unglücklich!
MENZALE-SEE

Port Saïd. – Ein alter Bekannter, in dem ich 1884 mit Thömmel und Leo Karo eine unvergessliche Nacht mit ungezählten Wanzen zugebracht: der »Poseidon« liegt gerade beim New Hotel verankert, ich stürze auf Deck und ans Land, um Gewehrpatronen zu kaufen; hélas, es sind keine aufzutreiben; ganz Port Saïd wird abgelaufen, doch umsonst; so muss ich denn den Gesandten als unbewaffneter Führer begleiten: was nutzt das Gewehr, wenn es nicht gerollt ist! Wie ich wieder am Bord bin, fällt mir Borheck, unser Legationssecretär in Cairo, in die Arme; er war herübergefahren, um den ihm aus Persien befreundeten Fuchs zu begrüssen; von meiner Anwesenheit wusste er natürlich nichts. – Schnell wurden de part et d'autre Fragen über alte Freunde gestellt und beantwortet, er erzählt von Cairo und den dortigen Insassen, – das mir so lieb gewordene Egypten ist wieder da, oder besser »ich bin wieder dort«! Indes wartet schon ein schönes, neu lackirtes Boot mit 8 Matrosen, um uns (Biegeleben und mich) nach dem Menzalehsee zu führen: der Hafenadmiral Privilegio Pascha, ein früherer Lloydcapitän, hat sich eingefunden, um den Gesandten zu begrüssen und ihm seine »Gig« zur Verfügung zu stellen. – Mit kräftigen Ruderschlägen führen uns die in weisse Uniformen gekleideten Schwarzen eine Meile ungefähr den Canal hinein, hier wird festgemacht und durch den Sand über einen schmalen Hügelrücken gewatet, um dann auf einer elenden Fischerbarke eine vis-à-vis liegende kleine Insel zu erreichen. Doch scheint mein Jagdpech den Gesandten angesteckt zu haben: von den vielen Reihern, Wildgänsen und Flamingos fällt keines, – ich strecke mich im Sande und träume von den vielen in Egypten verlebten schönen Tagen; mit den Matrosen suche ich meine paar Brocken Arabisch zu verwerten und so die Rückkehr des Chefs abzuwarten. Endlich kommt er wieder, und wir segeln und rudern zum Dampfer zurück. – Es ist spät, ein Besuch bei Goracucchi's ist nicht mehr möglich, denn um 3 Uhr dampfen wir langsam in den Canal, – Sand, Wasser, Menzalehseen, Ballahseen; Tausende von rosafarbigen Flamingos, Riesenschwärme von Pelikanen, ungezählte Enten! Dabei muss man ruhig zusehen! Bei einbrechender Dunkelheit wird am Bug eine grosse elektrische Lampe angezündet, und so fahren wir auch die Nacht fort. Diese Lampen werden sammt den dazugehörigen Maschinisten den einzelnen Dampfern um wenige Pfunde vermiethet, und kommt dies den Letzteren ebenso zu statten wie den Besitzern der Lampen. Bei El-Kantara halten wir, um einen Zug entgegenkommender Schiffe, P. & O., Niederländer, Deutsche, vorbeizulassen, – die Wüste, die elektrischen Lichtstreifen, das glänzende Band des Canales bieten einen merkwürdigen Anblick. Vor vier Jahren fuhren wir in entgegengesetzter Richtung auf der kleinen egyptischen Postbarkasse bei Vollmond – es war wohl weniger interessant, aber viel stimmungsvoller. Der Lloydagent Terenzio aus Port Saïd fährt mit grosser Familie nach Suez mit. – Der Salon war dadurch überfüllt, und wir mussten auf Deck, was heute nicht gerade angenehm war, da ein eiskalter Wind aus der Wüste daherstrich; trotzdem haben Borheck, Fuchs und ich mehrere Flaschen dem alten Lesseps geopfert.

29. November.