Die Sklaven gehören hier zum Grundbesitz und werden gut gehalten; ohne Vorwissen des Rajahs, d. h. ohne Urteil, darf kein Sklave gezüchtigt werden. Manche Grundherren haben 500 Sklaven. Wenn ein vornehmer Herr ausgeht, so trägt ihm ein Sklave sein Schwert nach, dessen Griff meist von Silber ist; ein zweiter trägt den Betel- und Tabaksbeutel. Der gewöhnliche Preis für einen Sklaven besteht in einem gemästeten Schwein. Die Religion dieser Leute ist, wie uns der Resident sagte, eine ungereimte Art Heidentums. Jeder wählt sich seinen eigenen Gott. Es gibt beinahe so viel Götter und Götzen als es Eingeborene auf der Insel gibt. Doch ist ihre Sittenlehre rein und verfeinert. Niemand darf mehr als eine Frau nehmen; der uneheliche Verkehr beider Geschlechter ist verpönt. Der Diebstahl ist verachtet. Beleidigungen werden ausschließlich von dem Rajah gesühnt, dessen Urteil allein entscheidend ist.
Dreizehntes Kapitel.
In Batavia. — Todesfälle. — Ungesundes Klima. — Tupia stirbt. — Die Javaner und ihre Lebensgewohnheiten. — Nationallaster. — Sklaverei. — Abreise.
Am 21. September 1770 gingen wir am frühen Morgen unter Segel und steuerten längs der Küste von Savu westwärts. Am 26. um 7 Uhr abends befanden wir uns in der Breite, in der das Vorgebirge von Java liegt. Trotzdem sah ich kein Land; ich richtete daher meinen Lauf nach Ostnordost. In der Nacht zum 1. Oktober bekamen wir ein Gewitter mit heftigem Donner und Blitz. Mitternacht, als ein fürchterlicher Blitzstrahl Himmel und Meer erhellte, sahen wir Land im Osten. Um 6 Uhr morgens lag das westliche Ende von Java nur noch fünf Seemeilen im Südosten. Am 2. Oktober früh 4 Uhr liefen wir hart an die Küste von Java hinein, sodann steuerten wir längs des Landes hin. Am Morgen schickte ich ein Boot ab, um einige Früchte für den schwer erkrankten Tupia und Heu für das Vieh einzuhandeln. Nach zwei Stunden kam es mit dem Verlangten zurück. Die Küste war so mit Bäumen bewachsen, daß es wie ein einziger Wald aussah und einen herrlichen, zauberhaft schönen Anblick gewährte. Um 11 Uhr sahen wir zwei holländische Schiffe auf der Höhe der Angerspitze liegen. Ich schickte meinen ersten Offizier Hicks aus, um Neuigkeiten aus unserm Vaterland einzuholen, von dem wir so lange nichts gehört hatten. Es war nicht viel, was er zu hören bekam.
Endlich kamen wir nach einigen Kreuzfahrten glücklich auf der Reede von Batavia vor Anker. Hier fanden wir den englischen Ostindienfahrer »Harcourt« und zwei englische Kauffahrteischiffe, dreizehn große und viele kleinere holländische Schiffe vor Anker liegen. Kaum waren wir angelangt, so wurde von einem Schiffe her, das einen Kommandowimpel führte, ein Boot an uns abgefertigt. Der Offizier, der es befehligte, befragte uns, wer wir seien und woher wir kämen, und kehrte dann mit der Antwort sofort an Bord seines Schiffes zurück; er und seine Leute sahen so blaß aus wie Gespenster: eine traurige Vorbedeutung von den Leiden, die wir in einem so ungesunden Lande ausstehen sollten! Kurz darauf sandte ich einen Leutnant an den Statthalter ab, um ihm unsre Ankunft mit dem Ausdruck des Bedauerns zu melden, daß wir ihn nicht wie üblich mit neun Kanonenschüssen begrüßt hätten. Hierauf überreichte mir der Schiffszimmermann den offiziellen Bericht über die Havarien des Schiffes, den ich einem Gesuch an den Statthalter beilegte, das Schiff in der Reede kielholen und reparieren zu dürfen; sodann gingen wir alle ans Land.
Wir begaben uns sofort zu Herrn Leith, einem angesehenen Engländer, um ihn um Rat zu fragen. Herr Leith empfing uns sehr höflich und behielt uns zu Tisch bei sich. Wir fragten ihn, wo wir am besten in der Stadt wohnen könnten. Er teilte uns mit, daß es einen Gasthof in Batavia gebe, in dem alle fremden Kaufleute wohnen müßten; da wir jedoch einem königlichen Schiffe angehörten, so bezweifle er nicht, daß uns der Statthalter erlauben würde nach freier Wahl zu wohnen. Herr Leith meinte, wir könnten uns besser und billiger einrichten, wenn wir in der Stadt ein Haus mieteten und uns zur Bedienung einige Leute vom Schiff aussuchten. Da wir aber niemand an Bord hatten, der sich mit den Eingeborenen wegen des Einkaufs von Lebensmitteln hätte verständigen können, so zogen es unsre Freunde vor, im Hotel zu wohnen. Um 5 Uhr des Nachmittags wurde ich dem Statthalter vorgestellt und mit Auszeichnung empfangen. Er sagte mir, daß ich alles erhalten würde, dessen ich bedürfte; die Petition aber werde er dem Staatsrat unterbreiten, dem er mich vorstellen würde. Um 9 Uhr des Abends brach ein fürchterliches Gewitter mit Sturm, Donner und Blitz über uns herein. Der Blitz spaltete den großen Mast eines holländischen Schiffes, das in unsrer Nähe lag, und schleuderte ihn über Verdeck. Wir würden das nämliche Schicksal erlitten haben, wenn wir nicht kurz vorher eine elektrische Kette aufgehängt hätten, in die der Strahl schlug. Der Blitz fuhr jedoch die Kette entlang ins Wasser, ohne das Schiff zu beschädigen. Wir empfanden nur einen gewaltigen Stoß. Die Kette sprühte Funken, und einer Schildwache, die in diesem Augenblick ihr Gewehr lud, wurde dieses aus der Hand geschleudert und der Ladestock zerschmettert. Von dem Staatsrat erhielt ich am nächsten Morgen persönlich die Zusicherung, daß ich alles, was ich nötig hätte, erhalten sollte.
Da es Herrn Banks im Gasthof zu unruhig war, so mietete er nebenan für sich und seine Freunde ein Privathaus; sobald er sich darin eingerichtet hatte, ließ er den kranken Tupia von Bord holen, dem er nebst Tayeto hier ein Zimmer anwies. Als Tupia die Stadt sah, lebte er wieder auf; er promenierte gern und viel in den Straßen und sah sich alles mit dem größten Interesse an. Als er wahrnahm, daß hier jedermann in seiner Landestracht erscheint, so ging er nur noch in der seinigen aus und wurde deshalb vielfach für Otourou gehalten, den Insulaner, den Herr von Bougainville seinerzeit aus Otahiti mit sich nach Frankreich nahm.
Die Kosten, die die Ausbesserung und die Ausrüstung des Schiffes erforderten, nötigten mich Gelder aufzunehmen. Der Generalstatthalter streckte mir die Summe, die ich brauchte, aus der Kasse der Kompanie vor, worauf ich das Schiff auf die Werft brachte. Unterdessen machte sich das mörderische Klima über uns her. Der erste, der schwer erkrankte, war Tupia; Tayeto bekam eine Lungenentzündung; zwei Bediente des Herrn Banks wurden bettlägerig, und bei den Herren Banks und Dr. Solander stellten sich schwere Fiebererscheinungen ein. Nach wenigen Tagen war fast jedermann von uns krank. Dies rührte ohne Zweifel von der niedrigen, sumpfigen Lage des Ortes und von den unzähligen, unreinen Kanälen her, die die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehen. Tupia war der erste, der sich wieder nach der reineren Seeluft sehnte. Herr Banks ging mit ihm nach dem Kuyporeiland und errichtete ihm bei der Schiffswerft ein Zelt. Auch pflegte er ihn so lange, bis er selbst so schwach wurde, daß er kaum mehr gehen konnte. Dr. Solander brach ebenfalls zusammen, und unser Schiffsarzt Monkhouse konnte das Bett nicht mehr verlassen. Am 5. November, an dem Tage, wo das Schiff umgelegt wurde, starb der arme Monkhouse, ein einsichtsvoller Arzt und uns allen ein treuer Freund. Ein furchtbarer Schlag für uns. Herr Banks war so schwach, daß er nicht einmal dem Leichenbegängnis beiwohnen konnte. Der Tod kam uns allen sichtbar näher, und wir konnten ihm nicht entfliehen. Am 9. November starb Tayeto, dessen Tod unsern armen Tupia so furchtbar hart traf, daß wir an seinem Aufkommen zu zweifeln begannen.