Jahrelang hatte sie auf ihn gewartet, ihn wiederzusehen gehofft, den Helden ihrer Backfischträume, ihren Lohengrin, ihren Gralsritter, kühn und zart zugleich, den idealschönen schlanken Jüngling mit der blutroten Narbe auf der weißen Stirn und dem weichen blondgelockten Haar, das ihm das Aussehen eines Dichters gab – und nun dieser wohlbeleibte Vierziger – dafür taxierte sie ihn – mit fast kahlem Schädel und dem lebemännisch gestutzten Prinz Heinrich-Bart – ein und derselbe – diese beiden so himmelweit verschiedenen Köpfe!
Und dennoch – wenn sie näher zusah – ja, die Augen waren noch dieselben: braun, mit einem goldig aufleuchtenden warmen Schimmer und jenem undefinierbaren Ausdruck, der sie ihr einst so lieb und unvergeßlich gemacht. Und dann die Narbe – und die Landsmannschaft!
Aber Leonie wollte ganz sicher gehen.
Nachdem der Großvater noch einiges gefragt und Dr. Erdmann beiläufig erzählt hatte, daß er in Breslau und Greifswald studiert und nach bestandenem Staatsexamen zufällig den erkrankten Landarzt in Groß-Lutschine vertreten hätte, um nach dessen Tode halb wider Willen seine Praxis zu übernehmen und so in diesem verlorensten Winkel der Mark Brandenburg hängenzubleiben. Er, dessen Wünsche und Hoffnungen eigentlich immer auf die Universitätskarriere gerichtet waren, seit Jahren nun schon hier ansässig und so eins geworden mit seinem Beruf und dem Landleben, daß er seine hochfliegenden Pläne längst verschmerzt hatte – warf Leonie heuchlerisch die Bemerkung hin: »Schade nur, daß die Gegend hier gar so flach und reizlos ist – wenn's wenigstens Hügel und Seen gäbe wie daheim! Oder Berge wie in Schlesien – Sie kennen das schlesische Gebirge wohl nicht?«
»O doch, ich kenne beides: das Riesengebirge wie die Sudeten. Einen großen Teil meiner Universitätsferien verlebte ich bei einem Jugendfreunde meines Vaters in Mittelwalde. Na ja – Berge sind ja ganz schön und nett, um drauf herumzukraxeln – aber für einen Schnauferlbesitzer und Landdoktor ist halt doch das Flachland das bequemste Terrain – und Heide und Kiefernwald haben auch ihren Reiz,« sagte er heiter, und wieder gab das Lächeln seinem stark gewordenen Gesicht mit den schlaffen Zügen etwas Jugendliches, denselben treuherzig liebenswürdigen Ausdruck von einst, dessen Leonie sich so gut, ach! so gut erinnerte.
Und wieder, wie im Lustspiel, war das richtige Stichwort gefallen: Mittelwalde.
Kein Zweifel – er war's!
Mein Gott, wie das alles lebendig wurde! Wie die alten Zeiten heraufstiegen, beschworen von dem einzigen Wort: Landsleute!
Aber nicht jetzt, während Leonie sich unterhalten und die Pflichten des Haustöchterchens wahrnehmen mußte, hatte sie Zeit, ihren Gedanken Audienz zu geben und längstvergessene Blicke und Worte aus der Tiefe ihres Erinnerns heraufzubeschwören. Erst spät in der Nacht, als das brave Füchslein »Wittkopp« den Dr. Erdmann und seine Schwester abgeholt und beide das Versprechen eines baldigen Gegenbesuches in Groß-Lutschine mitgenommen hatten – und als Leonie allein in ihrem Zimmer am Fenster stand und in die tiefe Finsternis der Märznacht hinausstarrte, zogen wie in einem Kaleidoskop die Bilder der Jugendzeit an ihr vorüber.
Damals – vor fünfzehn oder sechzehn Jahren, hatten die guten Nönnchen von Mariahilf noch ziemlich unklare Begriffe übers Reisen, kannten ein Kursbuch wohl nur vom Hörensagen, und wenn die Klostermädel in die Ferien fuhren, brachte Verondl, die alte »weltliche« und ach! so rührend weltungewandte Bonne sie zur Bahn, löste jedem ein Billett, und nun: Fahrt zu in Gottes Namen! Und legte den Ausgelassenen der guten kleinen Mater Helenens Abschiedswort noch einmal dringend ans Herz: »Daß ihr mir unterwegs aber brav den Rosenkranz betet und hübsch gesittet die Augen niederschlagt, und um Jesu und aller lieben Heiligen willen mit keinem fremden Menschen anbändelt!«