Ich schicke meiner Ferienreise noch einige Tatsachen voraus, welche beweisen, wie leicht Vorsicht – das heißt wenn ein Mensch nicht dem dummen Hamster gleichen will, der sich sogar gegen einen Mann zu Pferde auflehnt – für Feigheit gelte. Ich wünschte übrigens nur, ich könnte ebenso glücklich einen ganz anderen Vorwurf, den eines Waghalses, ablehnen, wiewohl ich doch im folgenden gute Fakta beizubringen gedenke, die ihn entkräften. 35 Bien écouter c'est presque répondre sagt Marivaux mit Recht von geselligen Zirkeln; ich dehn' es aber auch auf runde Sessions- und Kabinettstische aus, wo man referiert und der Fürst zuhört.

Was hilft der Heldenarm ohne ein Heldenauge? Jener wächst leicht stärker und nerviger, dieses aber schleift sich nicht so bald wie Gläser schärfer. Indes aber, die Verdienste der Vorsicht fallen weniger ins Auge (ja mehr ins Lächerliche) als die des Mutes. Wer mich zum Beispiel bei ganz heiterem Himmel mit einem wachstuchenen Regenschirm gehen sieht: dem komm' ich wahrscheinlich so lange lächerlich vor, als er nicht weiß, daß ich ihn als Blitzschirm führe, um nicht von einem Wetterstrahl aus blauem Himmel (wovon in der mittleren Geschichte mehr als ein Beispiel steht) getroffen zu werden. Der Blitzschirm ist nämlich ganz der Reimarussche; ich trage auf einem langen Spazierstocke das wachstuchene Sturmdach, von dessen Giebel sich eine Goldtresse als Ableitungskette niederzieht, die durch einen Schlüssel, den sie auf dem Fußsteig nachschleift, jeden möglichen 17 Das Bette der Ehren sollte man doch, da oft ganze Regimenter darauf liegen, und die letzte Ölung und vorletzte Ehre empfangen von Zeit zu Zeit weichfüllen, ausklopfen und sömmern. Blitz leicht über die ganze Erdfläche ableitet und verteilt. Mit diesem Paradonner (paratonnerre portatif) in der Hand will ich mich wochenlang ohne die geringste Gefahr unter dem blauen Himmel herumtreiben. Indes deckt diese Taucherglocke noch gegen etwas anderes – gegen Kugeln. Denn wer gibt mir im Herbste schwarz auf weiß, daß kein versteckter Narr von Jäger irgendwo, wenn ich die Natur genieße und durchstreife, seine Kugelbüchse in einem Winkel von 45 Grad so abdrückt, daß sie im Herunterfallen bloß auf meinem Scheitel aufzuschlagen braucht, damit es so gut ist, als würd' ich seitwärts ins Gehirn geschossen?

Es ist ohnehin schlimm genug, daß wir nichts gegen den Mond haben, uns zu wehren – der uns gegenwärtig beschießt mit Gestein, wie ein halber türkischer; denn dieser elende, 112 Gewisse Weltweiber benutzen in gewissen Fällen ihre körperliche Ohnmacht, wie Mohammed seine fallende Sucht – auch ist jene diese – bloß um Offenbarungen, Himmel, Eingebungen, Heiligkeit und Proselyten zu erhalten. kleine Erdtrabant und Läufer und valet de Fantaisie glaubt in diesen rebellierenden Zeiten auch anfangen zu müssen, seiner großen Landesmutter etwas zuzuschleudern aus der Davidshirtentasche. Wahrhaftig, jetzt kann ja ein junger Katechet von Gefühl nachts mit geraden Gliedern in den Mondschein hinauswandeln, um manches zu empfinden oder zu bedenken, und kann (mitten im Gefühl erwirft ihn der absurde Satellit) als zerquetschter Brei wieder nach Hause gehen. – – Bei Gott! überall Klingenproben des Muts! Hat man mühsam Donnerkeile eingeschmolzen und Kometenschwänze anglisiert: so führt der Feind neues Geschütz im Mond auf oder sonst wo im Blau!

Noch eine Geschichte sei genug, um zu beweisen, wie lächerlich gerade die ernsthafteste 120 Mancher wird ein freier Diogenes, nicht wenn er in dem Fasse, sondern wenn dieses in ihm wohnt; und die gewaltige Hebkraft des Flaschenzugs in der Mechanik spürt er fast von einem Flaschenzuge anderer Art beim Flaschenkeller wiederholt und gut bewährt. Vorsicht bei allem inneren Mute oft außen dem Pöbel erscheint. Reiter kennen die Gefahren auf einem durchgehenden Pferde längst. Mein Unstern wollte, daß ich in Wien auf ein Mietspferd zu sitzen kam, das zwar ein schöner Honigschimmel war, aber alt und hartmäulig wie der Satan, so daß die Bestie in der nächsten Gasse mit mir durchging und zwar – leider bloß im Schritte. Kein Halten, kein Lenken schlug an; ich tat endlich auf dem Selbststreitroß Notschuß nach Notschuß und schrie: »Haltet auf, ihr Leute, um Gottes Willen aufgehalten, mein Gaul geht durch!« Aber da die einfältigen Menschen das Pferd so langsam gehen sahen wie den Reichshofratsprozeß und den ordinären Postwagen: so konnten sie sich durchaus nicht in die Sache finden, bis ich in heftigster Bewegung wie besessen schrie: »Haltet doch auf, ihr Pinsel und Pensel, seht ihr denn nicht, daß ich die Mähre nicht mehr halten kann?« Jetzt kam 2 Die Kultur machte ganze Länder, z. B. Deutschland, Gallien usw. physisch wärmer, aber geistig kälter. den Faulpelzen ein hartmäuliges, schrittlings ausziehendes Pferd lächerlich vor. – Halb Wien bekam ich dadurch wie einen Bartsternschwanz hinter meinem Roßschweif und Zopf nach. – Fürst Kaunitz, sonst der beste Reiter des Jahrhunderts (des vorigen), hielt an, um mir zu folgen. – Ich selber saß und schwamm als aufrechtes Treibeis auf dem Honigschimmel, der in einem fort Schritt für Stritt durchging. – Ein vieleckiger, rockschößiger Briefträger gab rechts und links seine Briefe in den Stockwerken ab und kam mir stets mit satirischen Gesichtszügen wieder nach, weil der Schimmel zu langsam auszog. – Der Schwanzschleuderer (bekanntlich der Mann, der mit einer zweispännigen Wassertonne 99 Gleichwohl hab' ich bei allem meinen Grimm über Nachdruck doch nie den Ankauf eines Privilegiums gegen Nachdruck für etwas anderes oder schlechteres gehalten als für die Abgabe, die bisher alle christlichen Seemächte an die barbarischen Staaten erlegten, damit sie nicht beraubt wurden. Nur Frankreich hat eben der Ähnlichkeit wegen sowohl das Nachdrucks-Privilegium als die barbarische Abgabe abgeschafft. über die Straßen fährt und sie mit einem drei Ellen langen Schlauch aus einem blechernen Trichter benetzt) fuhr ungemein bequem den Hinterbacken meines Pferdes nach und feuchtete während seiner Pflicht jene und mich selber kühlend an, ob ich gleich kalten Schweiß genug hatte, um keines frischeren zu bedürfen. – Ich geriet auf meinem höllischen, trojanischen Pferd (nur war ich selber das untergehende Troja, das ritt) nach Matzleinsdorf (einer Wiener Vorstadt), oder waren's für meine gepeinigten Sinne ganz andere Gassen. – Endlich mußte ich abends spät nach dem Reträteschuß des Praters im letzteren zu meinem Abscheu und gegen alle Polizeigesetze auf dem gesetzlosen Honigschimmel noch herumreiten, und ich hätte vielleicht gar auf ihm übernachtet, wenn nicht mein Schwager, der Dragoner, mich gesehen und noch fest auf dem durchgegangenen Gaule gefunden hätte. Er machte keine Umstände – fing das Vieh 1 Je mehr Schwäche, je mehr Lüge; die Kraft geht gerade; jede Kanonenkugel, die Höhlen oder Gruben hat, geht krumm. – tat die lustige Frage: warum ich nicht voltigiert hätte, ob er gleich recht gut weiß, daß dazu ein hölzerner Gaul gehört, der steht – und holte mich herab – und so kamen alle berittenen Wesen unberitten und unbeschädigt nach Hause.

Aber nun endlich einmal an meine Reise!

Reise nach Flätz.

Ihr wißt, Freunde, daß ich die Reise nach Flätz gerade unter den Ferien machen mußte, nicht nur, weil Viehmarkt und folglich der Minister und General von Schabacker da war, sondern vornehmlich, weil er (wie ich von geheimer Hand sicher hatte) jährlich den 23. Juli am Abend vor dem Markttage um fünf Uhr 32 Unser Zeitalter – von einigen papiernes genannt, als sei es aus Lumpen eines besser Bekleideten gemacht – bessert sich schon halb, da es die Lumpen jetzt mehr zu Scharpien als zu Papieren zerzupft, wiewohl oder weil der Lumpenhacker (oder auch der Holländer) eben nicht ausruht; indes, wenn gelehrte Köpfe sich in Bücher verwandeln, so können sich auch gekrönte in Staatspapiere verwandeln und ummünzen; – in Norwegen hat man nach dem Allg. soviel Gaudium und Gnade sich ausließ, daß er die meisten Menschen weniger anschnauzte als anhörte und – erhörte. Die Gaudiumsursache vertrau ich ungern dem Papier. Kurz, ich konnte ihm meine Bittschrift, mich als unschuldig vertriebener Feldprediger durch eine katechetische Professur zu entschädigen und zu besolden in keiner besseren Jahres- und Tageszeit überreichen, als abends um fünf Uhr Hundstagsanfang. Ich setzte mein Bittschreiben in drei Tagen auf. Da ich weder Konzepte, noch Abschriften desselben schonte und zählte: so war ich bald so weit, daß ich das relativ Beste ganz vollendet vor mir hatte, als ich erschrocken bemerkte, daß ich darin über dreißig Gedankenstriche in Gedanken hingeschrieben Anzeiger sogar Häuser von Papier, und in manchen guten deutschen Staaten – hält das Kammerkollegium (das Justizkollegium ohnehin) seine eigenen Papiermühlen, um Düten genug für das Mehl seiner Windmühlen zu haben. Ich wünschte aber, unsere Kollegien nähmen sich jene Glasschneiderei in Madrid zum Muster, in welcher (nach Baumgärtner) zwar neunzehn Schreiber angestellt waren, aber doch auch eilf Arbeiter. hatte. Leider schießen diese Stacheln heutzutage wie aus Wespensteißen, unwillkürlich aus gebildeten Federn hervor. Ich warf es zwar lange in mir hin und her, ob ein Privatgelehrter sich einem Minister mit Gedankenstrichen nähern dürfe – so sehr auch dieses ebene Unterstreichen der Gedanken, diese wagerechten Taktstriche poetischer Tonstücke und diese Treppenstricke oder Achillessehnen philosophischer Sehstücke jetzt ebenso allgemein als nötig sind – allein ich mußte doch am Ende (da Ausschaben Standespersonen beleidigt) das beste Probstück wieder umschreiben und mich wieder eine halbe Stunde am Namen Attila Schmelzle quälen, weil ich immer 39 Epiktet rät an zu reisen, weil die alten Bekanntschaften uns durch Scham und Einfluß vom Übergange zur hohen Tugend abhalten – so wie man etwa seine Provinzialmundart schamhaft lieber außer Lands ablegt und dann völlig geläutert zu seinen Landsleuten zurückkommt; noch jetzt befolgen Leute von Stand und Tugend diesen Rat, obwohl umgekehrt, und reisen, weil die alten Bekanntschaften sie durch Scham zu sehr von neuen Sünden abschrecken. glaube, diesen sowie die Briefadresse, die beiden Kardinalgegenden und Punkte der Briefe, nie leserlich genug zu schreiben.

Erste Station, von Neusattel nach Vierstädten.

Der 22. Juli, oder Mittwochs nachmittag um fünf Uhr, war von der Postkarte der ordentlichen fahrenden Post selber zu meiner Abreise unwiderruflich anberaumt. Ich hatte also etwa einen halben Tag Zeit, mein Haus zu bestellen, welchem jetzt zwei Nächte und drittehalb Tage hindurch meine Brust als Brustwehr, der Verhack mit meinem Ich abgehen sollte. Sogar mein gutes Weib Bergelchen, wie ich meine Teutoberga nenne, reiste mir unaufhaltsam den 24. oder Freitags darauf nach, um den Jahrmarkt zu beschauen und zu benutzen; ja sie wollte schon sogleich mit mir ausreisen, die treue Gattin. Ich versammelte daher meine kleine Bedientenstube 2 Ein Soldat huldigt und gehorcht in seinem Fürsten zugleich seinem Fürsten und seinem Generalissimus; der Zivilist bloß seinem Fürsten. und publizierte ihr die Hausgesetze und Reichsabschiede, die sie nach meinem Abschiede den Tag und die Nacht erstlich vor der Abreise meiner Frau und zweitens nach derselben auf das pünktlichste zu befolgen hatten, und alles, was ihnen besonders bei Feuersbrünsten, Diebeseinbrüchen, Donnerwettern und Durchmärschen vorzukehren oblag. Meiner Frau übergab ich ein Sachregister des Besten in unserem kleinen Registerschiffe, was sie, im Falle es in Rauch aufginge, zu retten hätte. – Ich befahl ihr, in stürmischer Nacht (dem eigentlichen Diebswetter) unsere Windharfe ans Fenster zu stellen, damit jeder schlechte Strauchdieb sich einbildete, ich phantasierte harmonisch und wachte; desgleichen den Kettenhund am Tage ins Zimmer zu nehmen, damit er ausschliefe, um nachts munterer zu sein. Ich riet ferner, auf jeden Brennpunkt der Glasscheiben im Stalle, ja auf jedes hingestellte Glas Wasser ihr Auge zu haben, da ich ihr schon öfter die Beispiele erzählt, daß 29 Und wieviel ist nicht in der Jurisprudenz Jurisimprudenz, ausgenommen bei Unrechtsgelehrten. durch solche zufällige Brenngläser die Sonne ganze Häuser in Brand gesteckt. – Auch gab ich ihr die Morgenstunde, wo sie Freitags ab- und mir nachreisen sollte, sowie die Haustafeln schärfer an, die sie vorher dem Gesinde einzuschärfen hätte. Meine liebe, kerngesunde, blühende Honigwöchnerin Berga antwortete ihrem Flitterwöchner, wie es schien, sehr ernsthaft: »Geh nur Alterchen, es soll alles ganz scharmant geschehen. – Wärest du nur erst voraus, so könnte man doch nach! Das währt ja aber Ewigkeiten.« – Ihr Bruder, mein Schwager, der Dragoner, für den ich aus Gefälligkeit das Passagiergeld trug, um auf dem Postkissen einen an sich tapferen Degen und Hauinsfeld, sozusagen als körperlichen und geistigen Verwandten und Spillmagen vor mir zu haben, dieser zog über meine Verordnungen (was ich leicht dem Hage- und Kriegsstolzen vergab) sein braunes Gesicht 39 »Die größere Hälfte« ist ein so meßwidriger Ausdruck, daß ihn kein Meßkünstler anders als von der Ehe, ja sogar nur von der seinigen gebrauchen könnte. ansehnlich ins Spöttische und sagte zuletzt: »Schwester, an deiner Stelle täte ich, was mir beliebte; und dann guckte ich nach, was er auf seinem Reglementszettel hätte haben wollen.« – »O,« versetzte ich, »Unglück kann sich wie ein Skorpion in jede Ecke verkriechen; ich möchte sagen, wir sind den Kindern gleich, die am schön bemalten Kästchen schnell den Schieber aufreißen und – heraus fährt eine Maus, die hackt« – »Maus, Maus, Raus, Raus!«, versetzte er auf- und niedertrabend. »Herr Schwager, aber es ist fünf Uhr; und Sie werden schon finden, wenn Sie wiederkommen, daß alles so aussieht wie heute, die Hunde wie die Hunde, und meine Schwester wie eine hübsche Frau: allons donc!« – Er war eigentlich schuld, daß ich aus Besorgnis seines Mißdeutens nicht vorher eine Art von Testament gemacht.