Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwül und bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschließlichen Liebe der Mutter.

Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte nicht viel in unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und Peters blieben immer dieselben. Ich fühlte seit langem alles mit Martha; aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. Er wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung und Niedergedrücktheit. Einige Jahre jünger als ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen. Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die unerhörten Mühen der Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen könne. Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich ihr keine Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; außer für ihn und für ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen — das war das ganze Unglück.

Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie kümmerte sich zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, daß sie dies nur mit dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller Spielzeuge für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener Tiere, die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, weil ihr Verlust kostspielig wäre. Sogar die Art, wie sie von den Töchtern sprach, bewies das, denn sie sagte stets: Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch finsterer.

Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. Er frug mich über alle möglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war, ohne seine Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage war ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die weiten Ausflüge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn sie wußte, daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause, da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.

Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond genügte uns dieses Gespann vollständig, bequem und schnell von einem Ort zum andern fahren zu können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die zwei und mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rücksicht auf die kalten Nächte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war außer für Tom und mich noch für zwei Hunde Platz, ebenso für reichliche Nahrungsvorräte und Brennmaterial.

Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen Strand des Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so weit, bis uns die schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte Punkt, wohin wir gelangten, war das Mare Humboltianum, eine Ebene, die ungefähr unter derselben Mondbreite gelegen wie das Mare Frigoris, manchmal von der Erde, während günstiger Librationen des Mondes, sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen auf dem rechten Segment des oberen Teiles der silbernen Scheibe.

Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem Horizont emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwöchige Nacht daselbst aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen, seit länger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben.

Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Fülle (wir befanden uns nämlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, etwas gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden hellen Linien Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heiße Sehnsucht nach diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich, hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit einer unverständigen beinah kindlichen, aber nicht zurückzuhaltenden Bewegung die Hände nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte: schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich.

Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, die dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit thronte. Überall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks.

Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er stand neben mir, eben aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte leuchtende Rund am Himmel.