Seit unserm EXODUS fünfhundertsiebzehn Mondtage ...
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Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Völkchen kam während des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses Völkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, bemerkte ich eine Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß sie wirklich geisteskrank ist. Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und halten sie für geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, — es ist furchtbar, es auszusprechen! — beteten sie zu mir, daß ich die Stürme niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende Erde beruhigen sollte! Also sie halten mich wirklich für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!
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Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek und meiner Papiere gemacht, und plötzlich überkam mich der Wunsch, alles zu verbrennen — auch dieses Tagebuch.
Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere blieben zerstreut auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand auszustrecken, um sie aufzuheben.
Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich niemand mehr anrühren ...
III.
So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nächte ... Ich glaube, daß ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu zählen, die einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt, ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ...
Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich weiß es nicht. Dort auf der Erde müssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich die Gräber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin bettete. Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren, als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese Welt kamen, und ich lebe noch immer.