Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich verschwanden auch sie — und in der über die Wüste hereinbrechenden Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich, als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen Fontäne schillernden Staubes ähnelte.
Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten, umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht zurück.
Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne, — die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel — nicht flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch während des ganzen Mondtages über uns glitzerten.
Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt, erfaßt uns mit Grauen.
Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen, da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der Nadel.
Auf Mare Imbrium, 7° 45’ westlicher Länge 24° 1’ nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten Mondtages.
Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern vor Kälte.
Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht leuchtet und wärmt ...
Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden. Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen — und ich weiß nicht, was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme, weshalb ...