Tokio–Berlin.
Am 6. April des vorvergangenen Jahres trat ich die langersehnte Fahrt nach Europa und damit meine erste große Seereise an. Mit Tagesanbruch stand ich auf, verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr dann in Begleitung meiner Verwandten und Freunde nach dem Bahnhof Shinbashi. Kopf an Kopf stand dort die Schar meiner Freunde und Schüler. »Gute Reise!« »Frohe Fahrt!« »Glückliche Wiederkehr!« – so umbrauste es mich von allen Seiten. Das Verabschieden wollte fast kein Ende nehmen, bis ich mich durch die spalierbildenden Reihen meiner lieben Schüler durchdrängte und den Waggon bestieg. Da schlug es halb sieben, ein schriller Pfiff ertönte, und unter den lebhaften Abschiedsgrüßen der Zurückbleibenden setzte sich der Zug in Bewegung. Lange noch lehnte ich aus dem Fenster meines Coupés und schwenkte meinen Hut, bis ich niemand mehr erkennen konnte.
Nach dreiviertel Stunden kam ich in Yokohama an, wohin mir ein großer Teil meiner Tokioer Freunde das Geleit gab. Auch dort auf dem Bahnhof dieselben herzlichen Auftritte wie in Shinbashi – hier wie dort Schüler und Freunde versammelt. Und nun ging's in hellen Scharen nach dem Hafen, wo der Reichspostdampfer »König Albert« vor Anker lag. Auf der mehrere tausend Fuß ins Meer hineingebauten Landungsbrücke stand dichtgedrängt eine große Menschenmenge, durchweg Leute, die ihren nach Europa reisenden Lieben ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Außer mir fuhren noch acht Landsleute mit: Herr Dr. Shiratori, Prof. an der Kaiserlichen Adelsschule, Herr Dr. Omori, praktischer Arzt vom Japanischen Roten Kreuz, Herr Musiklehrer Taki, Herr Takahashi, Prof. an der höheren Normalschule, Herr Tanaka, Prof. an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Tokio, die Herren Studenten Saionji, Miyajima und Kato. Da alle uns bis in die Kajüte begleiten wollten, so herrschte auf der kaum einen Meter breiten Schiffstreppe solches Gedränge, daß schließlich der Eingang abgesperrt werden mußte. Ein Offizier mit zwei Matrosen stand am Fuße der Treppe Posten und ließ nur die Mitfahrenden durch. Mit dem Schlage neun wurden die Anker gelichtet. Rasselnd gingen die Ketten in die Höhe, im Tauwerke schwirrte und knarrte es, Kommandorufe der Offiziere ertönten, die Matrosen nahmen ihre Plätze ein, und unter den Klängen einer deutschen Weise glitt der mächtig dampfende Koloß langsam über die Fluten hin.
In diesem Augenblick tönte von der Brücke her das dreimalige brausende >Banzai< ich stehe am Geländer und überschaue ernsten Auges und bewegten Herzens die rufende Menge. Ich schwinge meinen Hut und grüße zum letzten Male. Größer und größer wird die Entfernung zwischen dem Schiff und dem Land; noch kann ich die Gesichter unterscheiden, noch die Stimmen vernehmen, schon aber klingt das vom Winde herübergetragene >Hurra< wie das leise Summen der Mücken, schwächer, immer schwächer und schwächer wird es, bis es schließlich ganz verschwindet. Die Gestalten der Menschen auf dem Gestade verkleinern sich mehr und mehr, ihre Umrisse werden nach und nach undeutlicher, bis sie sich in das Blaue des Meeres verlieren.
Blick auf den Hafen von Yokohama.