Eine der gefährlichsten Erscheinungen während der Fahrt ist der Nebel, und zwar am gefährlichsten, wenn das Schiff sich in der Nähe eines Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist zwar für Schiffe ebenfalls gefährlich, jedoch kann man bei der festen, soliden Bauart der heutigen großen Dampfer und der theoretisch wie praktisch hochstehenden Ausbildung der Führer einem Sturm mit Ruhe entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas anderes ist es aber mit dem Nebel, da nützt sowohl die Festigkeit des Schiffes als auch die kunstgerechte Führung fast garnichts, denn bei dichtem Nebel kann man ja kaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des Schiffes möglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem Nebel die Gefahr für Schiff und Besatzung bei weitem größer als bei einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von einem dichten Nebel überrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als einer der gefährlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimliches und angstvolles Gefühl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff vorwärts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in einem fort geläutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertönen, um bei etwaiger Annäherung eines anderen Schiffes einen Zusammenstoß zu vermeiden, dazwischen hört man das Kommando der Offiziere. Zwar sind die stärksten elektrischen Lichter angezündet; da man sich jedoch gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, daß auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hört alles lebhafte Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nächsten steht, läßt so manches an sich im Geiste vorüberziehen, sein fernes Heim, seine lieben Angehörigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung haben. Dieser angstvolle Zustand währte etwa drei Stunden, und als dann der dichte Nebelschleier zerriß, sahen wir auf der einen Seite, nicht allzuweit von uns, einen Postdampfer vorüberfahren. Bei diesem Anblick befiel uns unwillkürlich ein Grausen. Was hätte uns zustoßen können, wenn sich der Nebel nicht aufgeklärt hätte! Durch Gottes Hilfe war diesmal ein Unglück vermieden, sonst hätten wir vielleicht hier ein nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schöne Lied von Goethe möchte ich hier anführen, worin er »die glückliche Fahrt« – freilich weniger nach gefährlichem Nebel als nach lang anhaltender Windstille – besingt:
»Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;