Neben meinen Berufsgeschäften machte ich mir von Zeit zu Zeit auch noch andre Sorgen, die ich mir wohl hätte sparen können, wenn ich sie nicht als meine Spielpuppe betrachtet hätte. Man wird sich erinnern, daß zu Anfang des Jahres 1773 unser Sklavenschiff, eines empfangenen Lecks wegen, genötigt gewesen, in den Fluß Kormantin, zwischen Surinam und Berbice, einzulaufen, und wie ich damals dort eine ungemein fruchtbare, aber noch von keiner europäischen Macht in Besitz genommene Landschaft vorgefunden. Flugs wirbelte mir auch dieser letztere Umstand im Kopfe herum, der preußische Patriotismus ward in mir lebendig und ich sann und sann, warum denn nicht mein König hier ebensogut wie England und Frankreich seine Kolonie haben und Zucker, Kaffee und andre Kolonialwaren eben wie jene anbauen lassen sollte? Je länger ich mir das Projekt ansah, desto mehr verliebte ich mich darein, und zugleich meinte ich, daß ich selbst wohl der Mann sein könnte, Herz und Hand zur Ausführung daranzugeben.

Darum ließ mir's auch, als ich nach Kolberg zurückgekehrt war, keine Ruhe, bis ich meinen Plan umständlich zu Papier gebracht hatte. Ich dachte, wer ihn läse und nur irgend zu Herzen nähme, müßte mir auch in meinen Vorschlägen beipflichten, und so packte ich ihn mit einer alleruntertänigsten Vorstellung zusammen und schickte mein Schoßkind unmittelbar an den alten Friedrich ein, der zuletzt doch immer das Beste bei der Sache tun mußte. Hatte ich jedoch geglaubt, da vor die rechte Schmiede zu kommen, so war ich gleichwohl arg betrogen, denn meine Eingabe blieb ohne Antwort und so ließ sich wohl daraus schließen, daß der König das Ding nicht mit meinen Augen angesehen und weiter auf ihn nicht zu rechnen sein werde. Also war ich auch gescheit genug, ihm weiter keinen Molest damit zu machen.

Nur mir selbst wollte die schöne preußische Kolonie am Kormantin noch immer nicht aus Sinn und Gedanken weichen! Ich putzte mir das Luftschloß noch immer vollständiger im einzelnen aus, und da ich wohl erwog, daß der Anbau des Landes ohne Negersklaven nicht zu bewerkstelligen sein werde, so verband ich damit zugleich die Idee einer Niederlassung an der Küste von Guinea, wo ja schon hundert Jahre früher der große Kurfürst und seine Brandenburger festen Fuß gefaßt gehabt und von wo die neue Kolonie mit schwarzen Arbeitern hinreichend versorgt werden könnte. So wurde mir mein Projekt von Tag zu Tag lieber, obgleich ich meine Gedanken für mich behielt und auf künftige bessere Zeiten rechnete; denn was der königliche Greis von der Hand gewiesen hatte, das konnte ja leicht bei seinem Nachfolger einst eine günstigere Aufnahme finden.

Als daher Friedrich der Einzige die Augen geschlossen und Friedrich Wilhelm auf seinem Wege zur Huldigung in Königsberg durch Pommern zog, nahm ich flugs meinen alten Plan wieder vor und paßte es so ab, daß ich dem Könige in Körlin unter die Augen kam und ihm mein Memorial überreichte. Kaum liefen einige Wochen ins Land, so hatte ich meinen Bescheid, des Inhalts: »Daß Se. Majestät für den entworfenen Plan zu einer Seehandlung nach Afrika und Amerika auf Höchstdero eigne Rechnung zwar nicht entrieren möge, inzwischen die gemachten Vorschläge der Seehandlungs-Sozietät zugefertigt und derselben überlassen habe, ob sie darauf sich einzulassen ratsam finde.«

Das ließ sich hören, die Herren von der Seehandlung konnten ja vielleicht geneigt sein, Vernunft anzunehmen. Aber was geschah? – In noch kürzerer Frist ging, nicht von jener Sozietät, sondern von dem Königlich Preußisch-Pommerschen Kriegs- und Domänenkammerdeputationskollegium zu Köslin die Resolution bei mir ein: »Da Se. Königl. Majestät geruht hätten, auf jene Vorschläge nicht zu reflektieren, so könne auch besagtes Kollegium sich auf das weit aussehende Handelsprojekt nicht einlassen.« Späterhin habe ich in Erfahrung gebracht, daß die Engländer am Flusse Kormantin eine Niederlassung mit dem gedeihlichsten Erfolge gegründet haben.

Ich hatte aber Gelegenheit genug in der Nähe, wo ich zum Guten raten und mich ums allgemeine Beste einigermaßen verdient machen konnte. So war es etwa gleich ein Jahr nachher (1787), daß die Kolberger Kaufmannschaft mir die Ehre antat, mich zum Verwandten des Seglerhauses aufzunehmen. Es ist dies nämlich ein städtisches Kollegium, welches aus fünf Kaufleuten und drei der angesehensten Schiffer besteht und das Seegericht bildet, vor welchem alle Schiffahrtssachen, sowohl nach dem Preußischen Seerecht als nach den Usanzen, in erster Instanz entschieden werden. Diese Auszeichnung konnte ich nicht zurückweisen, und so geschah es dann, daß gleich in der zweiten oder dritten Session ein Schiffer, vom Kolberger Deep gebürtig, und ein Steuermann ebendaher, aufgefordert wurden, ein Protokoll zu unterzeichnen. Der Schiffer kratzte seinen Namen mit Not und Mühe auf das Papier, sein Gefährte aber erklärte, daß er des Schreibens völlig unkundig sei, und begnügte sich, seine drei Kreuze hinzumalen, wobei ihm die große Brotschnitte, die er zu seiner Beköstigung zu sich gesteckt, beinahe aus dem Busen entfallen wäre.

Ich kann nicht leugnen, daß ich mich hierbei tief in die Seele dieser ehemaligen Standesgenossen schämte. Wes das Herz voll war, des ging auch der Mund über, und so bat ich meine Herren Beisitzer, es doch reiflich zu Herzen zu nehmen, wie schlechte Ehre wir Preußen einlegten, wenn so oft Landsleute von diesem Schnitte vor einem auswärtigen Seegerichte ständen, und was für Gedanken Holländer und Engländer wohl von unserm Seewesen fassen möchten? Das Wenigste wäre, daß fremde Handelsleute sich auf alle Weise hüten würden, solchen unwissenden Menschen Schiffe und Ladungen anzuvertrauen, und daß darüber die ganze preußische Reederei in Mißkredit und Verachtung geraten könnte. Andrer Orten würde kein Steuermann oder Schiffer zugelassen, bevor er in einem Steuermannsexamen erwiesen hätte, daß er seiner Kunst und Wissenschaft vollständig mächtig geworden. Sie wüßten auch, daß ich noch immer fortführe, mich mit dem Unterrichte junger Seeleute zu beschäftigen, und so läge mir denn daran, daß sie die Güte hätten, mit nächstem einer Prüfung meiner Lehrlinge beizuwohnen und sich von ihren Fortschritten in der Steuermannskunst zu überzeugen.

Das geschah auch wirklich und die Herren fanden ein solches Wohlgefallen an der Sache, daß auf der Stelle beschlossen wurde, es solle fortan auf hiesigem Platze kein Schiffer oder Steuermann angenommen und vereidet werden, bevor er nicht seine Tüchtigkeit durch ein wohlbestandenes Examen nachgewiesen. Und so ist es seitdem auch fortdauernd hier gehalten worden.

Um die nämliche Zeit etwa befand sich das hiesige Königliche Lizentamt in einiger Verlegenheit wegen eines hinreichend tüchtigen Schiffsvermessers, der sich auf die Berechnung der Tragkraft der Fahrzeuge verstände und wieviel Lasten sie laden und über See führen könnten. Denn bisher hatten ein paar subalterne Lizentbeamte dieses Geschäft versehen, aber so unwissend und ungeschickt, daß die von ihnen vermessenen Fahrzeuge stets zu groß oder zu klein befunden wurden, woher es denn auch an Streitigkeiten zwischen dem Lizent und den Schiffern nie abriß. Zufällig mochte es nun bekannt geworden sein, daß ich mich auf dieses Geschäft verstände, und so geschah mir von der oberen Zollbehörde der Antrag, mich solcher Verrichtung anzunehmen. Mehr der Ehre als des kleinen Nutzens wegen ließ ich mich dazu willig finden, legte hier im Hafen an einigen Schiffen, die bereits in Danzig und Königsberg vermessen waren, meine Probe ab und ward demnächst von der Königlichen Regierung zu Stettin in Pflicht genommen und bestätigt, ohne mir träumen zu lassen, daß ich dadurch den Groll meiner beiden Vorgänger in diesem Amte erregt haben könnte.