Nach dem alten Glauben, »daß Ruhe die erste Bürgerpflicht sei,« und was nicht Uniform trage, auch keinen Beruf habe, sich um militärische Angelegenheiten zu bekümmern, könnte es freilich sonderbar und anmaßend erscheinen, daß wir Bürger in die Verteidigung unsrer Stadt mit dreinreden wollten, aber bei uns in Kolberg war das anders. Von ältester Zeit her waren wir die natürlichen und gesetzlich berufenen Verteidiger unsrer Wälle und Mauern. Vormals schwur jeder seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr, und schwur zugleich, daß diese Armatur ihm eigen angehöre, schwur, daß er die Festung verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf Kompagnien verteilt, mit einem Bürger-Major an der Spitze, und wo es dann im Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienste gezogen. In Abwesenheit der Garnison, wenn diese in Friedenszeiten zur Revue ausrückte, besetzten sie die Tore und Posten; und noch immer versammelten sie sich zuweilen mit Erlaubnis des Kommandanten aus eignem Antriebe in der Maikuhle – weniger freilich zu kriegerischen Übungen, als um sich in diesem lieblich gelegenen Wäldchen zu vergnügen.

Von diesen örtlichen Verhältnissen hatte indes der Oberst v. Loucadou entweder nie einige Kenntnis genommen, oder sie waren ihm, als eine vermeintliche Nachäffung des Militärs, lächerlich und zuwider. Das erfuhr ich, als ich einige Tage nachher mich ihm vorstellte und im Namen meiner Mitbürger ihm eröffnete: »Daß wir, mit Gott, entschlossen wären, in diesen bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu bestehen. Wir ständen im Begriff, uns in ein Bataillon von sieben- bis achthundert Bürgern zu organisieren, die mit vollständiger Rüstung versehen wären, und bäten, uns vor ihm aufstellen zu dürfen, damit er Musterung über uns halte, demnächst aber uns unsre Posten anzuweisen, wir würden unsre Schuldigkeit tun.«

Ein Major v. Nimptsch, der daneben stand, ließ mich kaum ausreden, sondern fuhr auf mich ein: »Aber, Herr, was geht das Ihn an?« – wogegen der Oberst sich begnügte, den Mund zu einem satirischen Lächeln zu verziehen und mir zu erwidern: »Immerhin möchten wir uns versammeln und aufstellen.«

Das geschah alsobald. Wir traten mit unsern Offizieren armiert auf dem Markte in guter Ordnung zusammen, und nun begab ich mich abermals zum Kommandanten, um ihm anzuzeigen, daß wir bereit ständen und seine Befehle erwarteten. Seine Miene war abermals nicht von der Art, daß sie mir gefallen hätte. »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!« sagte er endlich, »geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's helfen, daß ich euch sehe?« – So hatte ich meinen Bescheid und trollte mich. Als ich aber kundbar machte, was mir geantwortet worden, ging diese unverdiente Geringschätzung jedermann so tief zu Herzen, daß alles in wilder Bewegung durcheinander murrte und sich im vollen Unmut zerstreute.

Immer aber noch nicht ganz abgeschreckt ging ich bald darauf wieder zum Obersten mit einem Antrage, von welchem ich glaubte, daß er seinem militärischen Dünkel weniger anstößig sein werde. Es sei vorauszusehen, sagte ich, daß es bei der Instandsetzung der Festung zu einer kräftigen Gegenwehr, besonders auf den Wällen, vieles zu tun geben dürfte, um das Geschütz aufzustellen, zu schanzen und die Palisaden herzustellen. Die Bürgerschaft sei gern erbötig, zu dergleichen, und was sonst vorkäme, mit Hand anzulegen, soviel in ihren Kräften stehe, und sei nur seines Winks gewärtig. – »Die Bürgerschaft! und immer wieder die Bürgerschaft!« antwortete er mir mit einer häßlichen Hohnlache, »ich will und brauche die Bürgerschaft nicht.«

Konnte es nun wohl fehlen, daß solche Äußerungen nicht nur unser Herz von dem Manne gänzlich abkehrten, sondern daß auch sogar allerlei böser Argwohn sich bei uns einfand, der durch die ganz frischen Exempel, wie unsre Festungskommandanten zu Werke gegangen waren, nur noch immer mehr genährt wurde? Wer bürgte uns vor Verräterei? vor heimlichen Unterhandlungen? vor feindlichen Briefen und Boten? – Man kam darin überein, daß es die Not erfordere, vor solcherlei Praktiken möglichst auf unsrer Hut zu sein. Zu dem Ende wählten wir in der Stille unter uns einen Ausschuß, dessen Mitglieder sich zu zweien bei Tag und Nacht an allen drei Stadttoren, je nach ein paar Stunden, ablösten, um dort auf alles, was aus- und einpassierte, ein wachsames Auge zu behalten.

Inzwischen wurden nun doch von seiten der Kommandantur einige schläfrige Anstalten getroffen, wenigstens sah man auf den Wällen die Kanonen auf Klötze legen, da es sich fand, daß die Lafetten zu sehr verfault waren, um sie tragen zu können. Auch an der Palisadierung ward hier und da gearbeitet, aber es war nichts Tüchtiges und Ganzes. Als ich jedoch wahrnehmen mußte, daß es hiermit sein Bewenden hatte und daß zur äußeren Verteidigung gar keine Hand angelegt wurde, machte ich mich nach Verabredung mit meinen Freunden abermals zum Obersten, um ihn aufmerksam darauf zu machen, welche gute Dienste uns in den früheren Belagerungen insonderheit eine Schanze auf dem Hohen Berge, etwa eine Viertelmeile von der Stadt, geleistet hätte, um den Feind nicht in Schußweite herankommen zu lassen. Noch wären die Überbleibsel derselben überall erkennbar, und wenn er nichts dawider habe, seien wir bereit, diese Verschanzung eiligst wiederherstellen.

An das alte höhnische Gesicht, das er hierzu machte, war ich nun schon gewöhnt und ließ es mich auch nicht irren. Desto merkwürdiger aber kam mir die Antwort vor, die ich endlich erhielt. »Was außerhalb der Stadt geschieht,« ließ er sich vernehmen, »kümmert mich nicht. Die Festung innerlich werde ich zu verteidigen wissen. Meinetwegen mögt ihr draußen schanzen, wie und wo ihr wollt. Das geht mich nichts an!« – Demnach taten wir nun, was uns unverboten geblieben, und taten es mit allgemeiner Lust und Freude. Nicht nur, was Bürger hieß, zog nach der Bergschanze aus, sondern auch Gesellen, Lehrjungen und Dienstmägde waren in ihrem Gefolge. Da ich einst noch das alte Werk gesehen hatte, so gab ich an, wie bei der Arbeit verfahren werden sollte, verteilte und ordnete die Schanzgräber und zog selbst mit einem Hohlkarren und der Schaufel voraus, um ein ermunterndes Beispiel zu geben. Als mir jedoch alles immer noch viel zu langsam ging, eilte ich zurück nach der Lauenburger Vorstadt, um der Arbeiter noch mehrere, teils durch gütliches Zureden, teils durch bare Bezahlung aus meiner Tasche, herbeizuführen. So gelang es uns denn, ein Werk auszuführen, das sich schon durfte sehen lassen und dem für diesen Augenblick nur die Besatzung fehlte. Mangelte es uns aber dermalen auch an Truppen, so war doch gewisse Hoffnung vorhanden, daß die Garnison verstärkt werden würde und daß dann allstündlich ein Bataillon hier einrücken könne.

Eine andre Sorge, die den Verständigeren unter der Bürgerschaft gar sehr am Herzen lag, war die frühzeitige und ausreichende Anschaffung von Lebensvorräten für den Fall einer feindlichen Einschließung oder Belagerung, denn bis jetzt waren Dreiviertel der Einwohner gewohnt, von einem Markttage zum andern zu zehren. Und wovon wollte die Besatzung leben? Ich hielt es also für wohlgetan, und hatte auch in meinem Amte als Bürger-Repräsentant den Beruf dazu, Haus bei Haus in der Stadt umzugehen und die Bestände an Korn und Viktualien, zumal bei den Bäckern, Brauern und Branntweinbrennern, sowie auch die Vorräte der letzteren an Branntwein aufzunehmen. Ebenso begab ich mich auf die nächst umhergelegenen Dörfer, und unter dem Vorwande, als sei ich gesonnen, Korn und Schlachtvieh aufzukaufen, wie beides mein Gewerbe mit sich brachte, erfuhr ich, was jeden Orts in dieser Gattung vorhanden war. Alles dieses brachte ich in ein Verzeichnis und überzeugte mich solchergestalt, daß wir nur würden zugreifen dürfen, um für Mund und Magen auf eine lange Zeit hinaus genug zu haben.

Aber dies Zugreifen konnte nicht von seiten der städtischen Behörden, sondern mußte von der Kommandantur ausgehen und auf militärischem Fuß betrieben werden. Ich nahm also meine Verzeichnisse in die Hand, ging zu Loucadou, legte ihm ein Papier nach dem andern vor und bat ihn, schleunige Anstalten zu treffen, daß diese Vorräte gegen Erteilung von Empfangsscheinen in die Festung geschafft würden. Denn wenn der Feind sich über kurz oder lang näherte und diese Ortschaften besetzte, so würde ohnehin alles von ihm geraubt und sein Unterhalt dadurch erleichtert werden. Auf diese gutgemeinte Vorstellung ward ich jedoch von dem Herrn Obersten hart angelassen, und er erklärte mir kurzweg: »Zu dergleichen Gewaltschritten sei er nicht autorisiert. Jeder möge für sich selbst sorgen. Was seine Soldaten anbeträfe, so wäre Mehl zu Brot in den Magazinen vorhanden.« – »Aber,« wandte ich ihm ein, »der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ihr Mehl liegt in Fachwerksspeichern, und die Magazine stehen alle an einer Stelle zusammengehäuft und dem feindlichen Geschütze ausgesetzt. Die erste Granate, die hineinfällt, kann ihr Untergang werden. Wäre es nicht sicherer, diese Vorräte in andre und mehrere Gebäude zu verteilen?« – »Pah! pah!« war seine Antwort, »die Bürgerschaft macht sich große Sorge um meinetwillen.« – Vergebens bat ich ihn nun noch, sich wenigstens meine Papiere anzusehen und sie in genauere Erwägung zu ziehen. Er aber, als hätte die Pest an denselben geklebt, raffte sie eilfertig zusammen, drückte sie mir wieder in die Hände und versicherte: Er brauche all den Plunder nicht, und damit Gott befohlen!