Ich, samt meinem Bruder und dem Sohne meines Oheims – wir waren die letzten, die, um den Röchelnden her, mit den Armen fest verschlungen, dies alles vom Kajütendeck mit ansahen, aber uns nicht entschließen konnten, dies teure Jammerbild zurückzulassen. Wir schrien, wir wimmerten, und wußten nicht, was wir mit demselben anfangen sollten. Vom Strande her ward uns durch ein Sprachrohr unaufhörlich zugeschrien: »Springt über Bord! Springt über Bord! Wächst das Wasser mit der Flut wieder an, so seid ihr verloren! – Springt! Springt!«

Angefeuert und beängstigt zugleich durch dies Rufen, zogen wir endlich unseren Leidenden, dessen Bewußtsein völlig geschwunden war, hart an den Bord des Schiffes und nahmen eine besonders mächtige Sturzwelle in acht, mit welcher wir ihn in Gottes Namen dahinfahren ließen. Zu unserer unaussprechlichen Freude sahen wir, wie er mit derselben im Fluge dem Lande zugeführt wurde, und wie dort die guten Leute ihn auffingen, ehe er noch von der See wieder zurückgespült werden konnte. Jetzt trieb ich meinen Bruder, den entscheidenden Sprung zu wagen, dann den Sohn meines Oheims; und ein Stein nach dem andern fiel mir vom Herzen, da ich sie alsobald gerettet und in Sicherheit erblickte. Nun warf ich mich gleichfalls, als der letzte, wohlgemut in die rollenden Wogen, und in der nächsten Minute umfingen mich auch bereits hilfreiche Arme, die mich den Strand hinauf ins Trockene trugen.

Es ergab sich, daß die Mehrzahl unserer menschenfreundlichen Retter aus österreichischen Soldaten bestand, welche hier, seitdem ihre Kaiserin, Maria Theresia, sich auch mit England im Kriege befand, zur Deckung der Küste postiert standen und etwa alle zweitausend Schritte ein Wachthaus am Strande hatten. In ein solches Gebäude ward nun auch unser armer zerschmetterter Oheim von uns, mit Hilfe der Soldaten, an Armen und Beinen getragen, und man deckte ihn mit allem, was sich an trockenen Kleidungsstücken vorfand, sorgfältig zu, um ihn wieder zu erwärmen. Neben ihm, zu beiden Seiten, lagen sein Sohn und ich, hielten ihn umfaßt und nahmen ihm von Zeit zu Zeit das geronnene Blut aus dem Munde.

So mochte er etwa eine Stunde gelegen haben, als er zum erstenmal wieder nach seinem unglücklichen Falle den Mund zu der hervorgestöhnten Frage öffnete: »O Gott! Ist mir noch zu helfen?« – Das war Musik in meinen Ohren! Mit freudiger Hast erwiderte ich ihm: »Ja, ja, lieber Vatersbruder! Gott kann – Gott wird Euch noch wieder helfen. Wir sind am Lande.« – »So bringt mich denn zu einem Doktor!« war seine kaum verständliche Antwort, und ich konnte ihn damit trösten, daß bereits nach einem geschickt sei.

Dem war wirklich also: denn sofort nach unserer Landung war auch an die nächste Garnison in Veurne, welches dreiviertel Meilen entfernt lag, eine Meldung geschehen und um ärztliche Hilfe gebeten worden. Zugleich erfuhren wir von den Soldaten, daß wir uns hier drei Meilen von Nieuport und zwei Meilen von Dünkirchen befänden. Der Grund und Boden unter uns war österreichisch, aber die französische Grenze, nach letzterem Orte hinwärts, nur eine Viertelmeile entfernt. Als man uns (wie sofort geschah) über unser Woher und Wohin befragte, so erklärten wir uns, der früheren Abrede eingedenk, für Schwedisch-Pommern aus Greifswalde, die eine Ladung Balken nach Lissabon hätten bringen wollen.

Am 3. Dezember, mit dem frühen Morgen, erschien ein Fuhrwerk, mit Stroh gefüllt und einer Leinwanddecke versehen, welches angewiesen war, unsern armen Oheim in das Lazarett nach Nieuport zu schaffen. Dieser Ort war mir, aus Furcht einer möglichen Entdeckung unserer wahren Herkunft, nicht recht gemütlich; dagegen vermeinte ich unserem Elende in Dünkirchen vielleicht besseren Rat zu schaffen, wo ich vor ein paar Jahren bereits gewesen war und einigermaßen des Ortes Gelegenheit kannte. Ich schlug daher unserem Führer vor, seinen Kranken lieber nach der französischen Grenzstadt zu bringen; und hierzu ließ er sich auch um so bereitwilliger finden, da er eine Meile am Wege ersparte.

Mit schwerer Mühe ward der Oheim auf den Wagen gehoben. Ich und sein Sohn legten uns zu beiden Seiten neben ihn und hielten ihn möglichst sanft in unseren Armen, während mein Bruder den Wagen begleitete, welcher den ebenen Weg längs dem Seestrande einschlug. Gott weiß aber, daß ich wohl nie mehr geweint und gejammert habe, als auf dieser Fahrt. Der geringste Anstoß des Wagens verursachte dem Kranken die peinlichsten Schmerzen, daß er kläglich winselte und zugleich an den Stücken geronnenen Blutes im Munde und Halse zu ersticken drohte, wie sehr ich auch bemüht war, ihm Luft zu verschaffen.

So kamen wir endlich nachmittags (es war an einem Sonntage) in Dünkirchen an. Ich ließ den Fuhrmann vor einem Wirtshause halten, welches das Schild »zum roten Löwen« führte, denn hier hatte ich bei meiner früheren Anwesenheit zuweilen ein Glas Bier getrunken und rechnete mich also in meinem Sinne zu den Bekannten des Hauses. Das hinderte jedoch nicht, daß ich hier mit meiner unerwünschten Begleitung geradezu ab- und nach dem Klosterhospital hingewiesen wurde, wo der rechte Ort für fremde Kranke und Gebrechliche sei. Wirklich auch waren wir dort kaum angelangt und mein Oheim vom Wagen gehoben, so sahen wir ihn auch von einem Schwarm katholischer Ordensgeistlicher umzingelt, die ihn in Empfang nahmen und zuvörderst auf einen langen und breiten Tisch ausstreckten, wo er bis auf die nackte Haut entkleidet wurde.

Hiernächst fand sich eine Anzahl von Doktoren und Chirurgen ein, welche nun zu einer genaueren Untersuchung seiner Verletzungen schritten. Die erste Operation geschah durch Lösung des Tuches, welches ich dem Armen gleich nach seinem unglücklichen Falle um das Auge gebunden. Jetzt war dieses mit dem geronnenen Blute an dem Verbande festgetrocknet und zog sich mit demselben weit aus dem Kopfe hervor. Da es nur noch durch einen dünnen Nervenstrang in der Augenhöhle befestigt hing, so war es freilich rettungslos verloren, ward kurzweg abgeschnitten und auf eine Teetasse hingelegt.

Bei weiterer Untersuchung ergab sich's, daß das linke Bein, oberhalb dem Knie, im dicken Fleische gebrochen war; doch am bedenklichsten blieb die Zerschmetterung eines Rückenwirbels, dicht unterm Kreuz, und die dem armen Manne auch wohl die empfindlichsten Schmerzen verursachen mochte; denn während man ihn nach der Kunst behandelte und die Gliedmaßen bald so, bald anders reckte und dehnte, hörte er nicht auf zu winseln und zu ächzen. Uns drei Jungen, die wir Zeugen von dem allem waren, schnitt jeder Klageton tief durchs Herz; und wir heulten und lamentierten mit ihm in die Wette, so daß man sich genötigt sah, uns aus dem Gemache fortzuweisen.