Eine andre Not tat sich uns auf in dem Mangel klingender Scheidemünze, wodurch der tägliche Verkehr, besonders des gemeinen Soldaten mit der Bürgerschaft, sehr erschwert und die regelmäßige Zahlung der Löhnungen beinahe unmöglich gemacht wurde. Das Gouvernement, nachdem es die Bürger vergeblich zu einer baren Anleihe aufgefordert (wozu zwar die Armen ihr Scherflein willig darbrachten, während die großen Kapitalisten dermalen nicht zu Hause waren), dachte auf einige Abhilfe durch Einführung einer eignen Not- und Belagerungsmünze, wozu das Metall einer zersprungenen großen metallenen Kanone angewandt werden sollte. Allein es verstand sich niemand in der Stadt aufs Prägen, und es war auch nicht die geringste Vorrichtung dazu vorhanden. Da erinnerte ich mich, daß ich vormals im holländischen Amerika eine Art von Papiergeld, zur Erleichterung des kleinen Verkehrs unter den Pflanzern, im Gange gefunden hatte; und ich fand es zweckmäßig, die Einführung ähnlicher, obrigkeitlich gestempelter Münzzettel zu einem bestimmten Werte zu empfehlen. Der Vorschlag wurde beachtet und durch eine aus Seglerhaus-Verwandten und Bürger-Repräsentanten zusammengesetzte Kommission wirklich ausgeführt. Die Billets, von zwei, vier und acht Groschen im Werte, und auf der Rückseite durch den Stempel des königlichen Gouvernementssiegels autorisiert, fanden willigen Eingang, wurden in der Folge eingelöst und viele, als Denkzeichen der überstandenen Drangsale, innebehalten oder, selbst über ihren Nennwert, als Seltenheiten an zu uns hereingekommene sächsische Offiziere und andre Fremde verkauft.

Vom 5. Juni an ward es immer unverkennbarer, daß dem Wolfsberge ein regelmäßiger Angriff drohte, indem die feindlichen Laufgräben sich diesem Außenwerke allnächtlich mehr zu nähern suchten. Schon mit dem Abend dieses Tages begann diese fortgesetzte Arbeit mit einem solchen Eifer, daß unserseits die volle Kraft aufgeboten werden mußte, dies Vorrücken zu verhindern. Es kam daher von allen Werken und Schanzen im Bereich jenes Postens zu einer gegenseitigen Kanonade, welche die ganze Nacht durch anhielt, stärker war, als wir sie in aller Zeit bisher gehört hatten, und sowohl uns als dem Feinde viele Menschen kostete.

Dennoch schien man französischerseits nur die Vollendung einer neuen, uns ziemlich auf den Leib gerückten Batterie am sogenannten »Hasenwied« erwartet zu haben (welche, trotz dem schrecklichsten Regenwetter, am 10. Juni zustandekam), als auch sofort in aller Frühe des nächsten Morgens das gefürchtete Ungewitter gegen die Wolfsschanze wirklich losbrach. In Zeit von einer Stunde zählte man dreihunderteinundsechzig Schüsse, die gegen diesen einzigen Punkt gerichtet waren. Dann aber begannen auch alle übrigen Batterien der Reihe nach, bis zur Altstadt hinauf, ein mörderisches Kanonen- und Bombenfeuer gegen die Stadt und ihre Wälle auszusprühen. Überall regnete es Kugeln und Granaten; Schaden und Unglück waren beträchtlich. Dreimal schlug das Feuer vormittags und einmal nachmittags in lichten Flammen bei uns auf, die jedoch immer bald wieder unterdrückt wurden. Bei diesem Ernste des Feindes wurden denn auch neue Maßregeln der Vorsicht nötig, und durch Trommelschlag erging der Befehl an die Hausbesitzer, vor den Türen und auf den Böden gefüllte Wasserfässer zum Löschen bereit zu halten.

Indem nun die Belagerer uns auf solche Weise zu tun gaben, erreichten sie ihre Absicht, uns, wiewohl wir unaufhörlich mit Kanonenkugeln in ihre Kolonnen schossen, eine kräftigere Unterstützung der Wolfsschanze zu wehren. Die Besatzung mußte ihrer eignen Tapferkeit und dem freilich nicht zureichenden Schutze der schwedischen Fregatte, welche sich dem Strande wieder nähergelegt hatte, überlassen bleiben. Bis um fünf Uhr nachmittags hielt sie sich mit rühmlicher Entschlossenheit, dann aber waren ihre Verteidigungsmittel erschöpft, und mit harter Betrübnis sahen wir sie die weiße Fahne aufstecken, nachdem bereits eine starke Bresche geschossen worden und der Ausgang eines Sturmes nicht mehr zweifelhaft war. Ein fünfzehnstündiger Waffenstillstand und demnächst eine Kapitulation für dies Werk ward abgeschlossen, vermöge deren dasselbe dem Feinde eingeräumt werden sollte, die preußische Besatzung aber, zusamt ihrem Geschütze, freien Abzug in die Festung erhielt.

Der Verlust dieses Postens konnte von entscheidenden Folgen für unser Schicksal werden, weshalb der Kommandant für notwendig hielt, schleunigst Bericht an den König zu erstatten. Der Schiffer Stechow lag eben auf der Reede zum Absegeln nach Memel fertig, und ich erhielt den Auftrag, seine Abfahrt so lange zu verzögern, bis die neuen Depeschen für ihn fertig geworden. Als ich mich eben auf dem Rückwege zur Stadt befand, erhob sich mir zur Seite plötzlich ein furchtbares Kanonen- und Bombenfeuer von unsern Wällen herab, das sämtlich gegen die kaum verlassene Wolfsschanze gerichtet war, und wenige Minuten später ward es auch aus den feindlichen Werken jener Gegend mit einem Ungestüm erwidert, daß mir Hören und Sehen verging und ich mich wacker zu sputen hatte, um nicht in die Schußlinie zu geraten. Der Erdboden unter mir bebte und die Schüsse fielen mit einer Schnelle, daß sie kaum mehr zu zählen waren.

Was konnte dies zu bedeuten haben? War doch bis zum nächsten Morgen ein Waffenstillstand in Kraft! – Doch eben diesen hatte der Feind, wie ich nun erst vom Kommandanten erfuhr, gebrochen, indem er die Ausbesserung der eroberten Schanze begonnen und darin durch unser Geschütz hatte gestört werden müssen. Mich selbst erwartete daheim ein unlieblicher Anblick. Eine Bombe war in der Nähe meines Hauses niedergefahren und beim Zerspringen derselben nicht nur meine Haustür in Trümmer gegangen, sondern auch dicht dahinter auf der Flur eine Bauersfrau getötet worden.

Indes fuhren die Belagerer fort, sich in der Wolfsschanze immer fester zu setzen, ja sie gänzlich umzuwandeln und Schießscharten nach unsrer Seite hin zu eröffnen, während sie sich auch andrer Orten in ihren Schanzarbeiten nicht minder fleißig erwiesen. Sie unterstützten diese Operationen durch ein anhaltendes Feuer auf unsre Wälle, die denn auch nicht säumig waren, diese Grüße nach Kräften zu erwidern.

Was wir an Kanonen und Mörsern besaßen, war reiner Ausschuß und das Eisen von einer so spröden Gußmasse, daß gewöhnlich nach neun oder zehn schnellen Schüssen das Springen des Stückes befürchtet werden mußte. Wirklich traf nur zu viele derselben dies Schicksal, welches zugleich einer größeren Menge von Artilleristen auf den Wällen das Leben kostete, als durch feindliche Kugeln hingerafft wurden.