Dieser Ausfall sollte wiederum von der schwedischen Fregatte unterstützt werden, und da sich's gezeigt hatte, daß diese aus Unkenntnis der Reede die rechte Stellung zu einem kräftigen Feuer nicht hatte finden können, so entschloß ich mich gern, an Bord des Schiffes zu gehen und ihm für diesmal als Pilot zu dienen. Ich führte die Fregatte, soweit es irgend die Tiefe erlaubte, der feindlichen Schanze nahe. Ihr Geschütz begann zu donnern, und nicht weniger als einhundertsiebenundfünfzig Schüsse wurden in Zeit von einer Stunde gegen diesen Punkt gerichtet, während auch die Artillerie der Festung gegen ihn ein gleich lebhaftes Feuer unterhielt. Unter dem Schutze beider rückten unsre Bataillone entschlossen zum Sturme an und immer noch herrschte in der Schanze eine Totenstille. Erst als jene fast unter die Palisaden vorgedrungen waren, wurden sie mit einem Kartätschenfeuer empfangen, dessen Wirkungen gräßlich waren. Dennoch verloren die Angreifenden den Mut ebensowenig, wie die Angegriffenen die Besonnenheit zur nachdrücklichsten Gegenwehr. Man kam auf der Brustwehr selbst zum lebhaften Handgemenge und Wunder der Tapferkeit geschahen von beiden Seiten. Allein den Feind in seinem vorteilhaften Posten zu überwältigen, ward trotz der beispiellosesten Anstrengungen mit jedem Augenblicke unmöglicher befunden. Mehr als vierhundert der Unsern lagen auf dem Platze, und von den Grenadieren, deren Zahl bereits durch frühere Verluste ansehnlich geschmolzen war, stand nur noch ein geringes Häuflein übrig. Mit bitterem Schmerze mußte man sich entschließen, den Rückzug anzutreten, und das edelste Blut war fruchtlos vergossen!

Nicht geringer war unsre Betrübnis, die wir an Bord der Fregatte waren und unsre Leute endlich weichen sahen. Sobald sie sich indes eine kleine Strecke unverfolgt entfernt hatten, erneuerte auf mein Zutun unser Schiff sein Feuer, und so wurden noch fast zweihundert Kugeln auf die Schanze geschleudert. Während dieser Kanonade verhielten sich die Franzosen wiederum mäuschenstille. Wir empfingen nicht einen einzigen Schuß zurück, bis ich endlich, da nichts weiter auszurichten war, die Fregatte auf ihre alte Ankerstelle vor dem Hafen zurückbrachte.

Am andern Tage gab es ein vielfältiges Parlamentieren um die Vergünstigung, unsre Toten abzuholen und zu begraben; allein man mute mir nicht zu, eine Beschreibung von diesem über alles erbarmenswürdigen Anblicke zu geben. Denke sich jeder selbst, wie es auf einem Platze von kaum zweihundert Schritten aussehen mußte, wo zwischen vierhundert und fünfhundert Leichname neben- und aufeinander, und zum Teil aufs gräßlichste verstümmelt und zerrissen, umherlagen.

So blieb denn der Wolfsberg fortan für uns verloren, der unter den geschäftigen Händen der Belagerer, trotz unsrer Artillerie und ihrer zerstörenden Wirkungen täglich eine verstärkte Festigkeit erhielt. Sie nannten die Schanze jetzt »das Fort Loison«, zu Ehren des französischen Divisionsgenerals, der als Oberbefehlshaber in Teulliés Stelle getreten war, und ihre Kerntruppen rückten dort zur Besatzung ein. Wir an unsrer Seite waren jedoch nicht minder beflissen, dem Platze und dem Hafen gegen diese Seite eine neue Deckung zu geben, indem wir die Ziegelschanze (dicht hinter der Vorstadt Stubbenhagen nordöstlich gelegen) möglichst verstärkten und darin auch, obwohl in unsern Arbeiten durch jenes feindliche Werk nicht wenig belästigt, glücklich zustandekamen.

Von hier ab bis zum 30. Juni nahm unser Geschick eine immer ernstlichere Wendung. Frische Truppenabteilungen verstärkten das Belagerungsheer und errichteten neue Lager unter unsern Augen. In eben dem Maße auch wurden die Schanzen ringsumher an Mannschaften lebendiger, neue Werke stiegen empor, die Laufgräben näherten sich und schnürten uns auf einen immer engeren Raum zusammen. Die Beschießung des Platzes, täglich fortgesetzt, zeigte sich auch täglich zerstörender in ihren Wirkungen. Besonders diente die große Marienkirche bei ihrer Lage mitten in der Stadt und als der hervorragendste Gegenstand allen feindlichen Geschützen zum Zielpunkte und litt außerordentlich. Loucadou hatte diese, wie andre Kirchen, zu Stroh- und Heumagazinen ausgezeichnet, bis sein Nachfolger, von einem besseren Geiste beseelt, das Gebäude sofort der öffentlichen Gottesverehrung zurückgab und jene gefährlichen Brennstoffe am Glacis vor dem Münder Tore in abgeänderte Haufen aufschichten ließ. Nunmehr aber war eine dringendere Notwendigkeit eingetreten, diesen weiten und luftigen Raum der täglich wachsenden Zahl der Kranken und Verwundeten von der Garnison einzuräumen. Da nun die Kirche vollgestopft von solchen Unglücklichen lag, so mag man sich das Elend vorstellen, welches hier herrschte, indem die Kugeln durch alle Teile des Gebäudes hindurchfuhren. Ein Flügel desselben bewahrte nahe an hundert französische Kriegsgefangene auf, allein ihre Landsleute nahmen hierauf, unsrer Hoffnung entgegen, keine Rücksicht und beharrten auf ihrem Werke der Zerstörung.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni stand ich auf dem Walle an der Brustwehr der Bastion Preußen und in einer Unterredung mit dem Kommandanten begriffen, als eine feindliche Bombe kaum fünfzehn oder zwanzig Schritte von uns niederfuhr, in der Erde wühlte und brummte. Hastig ergriff ich meinen Nachbar bei der Hand, zog ihn etwas seitwärts und rief: »Fort! fort! Hier ist nicht gut sein!« – Gneisenau aber, kaltblütig stehen bleibend, erwiderte: »Nicht doch, die tut uns nichts!« – In dem nämlichen Augenblicke auch platzte die Bombe, ohne uns weiteren Schaden zuzufügen, als daß sie uns über und über mit der aufgewühlten Erde bedeckte.

Des folgenden Tages gelang es mir abermals, mit Hilfe des Lotsen Faßholz, ein englisches Schiff, das uns neue Vorräte von Kanonen, Bombenkesseln und Bomben zuführte, aus dem Bereiche des feindlichen Geschützes in den Hafen zu führen.

Am folgenden Tage war es, daß unser Kommandant mich mit einer Sendung in das feindliche Hauptquartier nach Tramm beauftragte. Er gab mir dazu sein Pferd und ein offenes Schreiben an den General Loison, worin nur mit wenig Worten bemerkt war, daß mir für mein Anbringen voller Glauben beizumessen sein werde. Als ich damit bei den französischen Vorposten anlangte, wurden mir die Augen verbunden und das Pferd von zwei Begleitern am Zügel geführt, während zwei andre, mit Gewehr versehen, mir zur Seite gingen. So kam ich endlich in Tramm an und hier ward mir auch das Tuch wieder von den Augen genommen.

Gleich darauf ward ich zum General Loison geführt und brachte meinen Auftrag zur Sprache, der darin bestand, daß das feindliche Geschütz fernerhin nicht mehr auf denjenigen Teil der großen Kirche gerichtet werden möchte, wo die verwundeten und gefangenen Franzosen untergebracht worden. Das Verlangen fand nicht nur eine willige Aufnahme, sondern ein Offizier begleitete mich auch auf eine Anhöhe, damit ich ihm von dort den Flügel des Gebäudes noch näher bezeichnete, wo seine Landsleute lägen.