Während ich hier lag, kam der Friede mit Rußland zustande. Die Konjunkturen benutzend, machte ich schnell hintereinander eine Reihe glücklicher Fahrten: von Stettin nach Kolberg mit Salz, woran es dort nach der dritten Belagerung und bei den zerstörten Salzkoten dringend fehlte; von hier mit einer Ladung Wein nach Königsberg und wiederum dahin zurück mit Roggen. Auf dieser letzteren Reise kreuzte ich bei widrigem Winde unter der Halbinsel Hela vor Danzig, und hier sah ich ein großes russisches Schiff auf dem Strande stehen, an dessen Bord es einen gewaltigen Lärm gab. Da das Wetter gut war, kam mich die Lust an, mein Boot auszusetzen und näher heranzufahren. Man ließ mich aber sogar das Verdeck betreten, ohne meine Anwesenheit gewahr zu werden oder zu beachten. Alles lief darauf verwirrt durcheinander und das nur um so mehr, je ärger der russische Landoffizier, der hier das Kommando zu führen schien, drauf losschlug und wetterte. Seeleute und Soldaten waren gleichfalls Nationalrussen, und was und wie sie es angriffen, um das Schiff wieder abzubringen, war durchaus verkehrte und törichte Arbeit.

Wenig erbaut durch dieses Schauspiel, warf ich noch einige Blicke durch die offene Luke in den Raum und sah, daß das Schiff mit metallenen Kanonen, Bomben, Kugeln und dergl. geladen war. Es stand mit dem Vorderteil hoch auf dem abschüssigen Strande, während das Hinterteil noch tief im Wasser lag. Ich stieg nun in mein Boot zurück, um die Tiefe dicht am Schiffe noch genauer auszumessen, und ging dann abermals an Bord, indem ich dem Gedanken nachhing: ob es nicht tunlich sein sollte, die schwere, aber wenig Raum füllende Ladung ganz in den hintersten Raum zu bringen, das Schiff solchergestalt vorn zu erleichtern, zugleich einen Anker nach hinten in die See hinauszubringen und durch vereinte Arbeit an der Ankerwinde dem Fahrzeuge einen Schuß nach hinten in die Tiefe zu verschaffen, wo es dann leicht wieder flott werden dürfte.

Diesen Vorschlag setzte ich nunmehr einem russischen Sergeanten auseinander, der etwas Deutsch konnte und sich an mich gewandt hatte, nunmehr aber den Offizier in seiner Prügelei, womit derselbe noch immer wie rasend fortfuhr, unterbrach und ihm meine Meinung mitteilte. Je mehr der Mensch vorher den Kopf verloren hatte, um so gewisser erschien ich ihm jetzt als ein Engel vom Himmel. Er war von meinem Vorschlage ganz wie elektrisiert, fiel mir um den Hals und drang mir sogar seinen Stock auf, mit der Bitte, alles zu kommandieren und anzuordnen, wie ich es für das beste erachten würde. Mit so voller Gewalt bekleidet, griff ich auch sofort mein Werk mit Feuer an. Der Anker ward ausgebracht, während alles, was eine Hand rühren konnte, die Bomben, Kugeln usw. möglichst nach hinten transportieren mußte. Dadurch senkte sich das Schiff hier wirklich auch so tief, daß das Wasser fast bis an die Kajütenfenster stieg, ohne daß gleichwohl der Kiel hier den Grund erreichte. Jetzt ließ ich mit Gewalt den Anker aufwinden, und – siehe da! nach zwei oder drei Stunden Arbeit lief das Schiff gleichsam wie vom Stapel und war glücklich wieder flott geworden.

Nie habe ich einen erfreuteren Menschen gesehen, als diesen Offizier, sobald mein Stück Arbeit gelungen war. Er herzte und küßte mich, ich mußte ihm meinen Namen sagen, den er sich in seine Schreibtafel zeichnete, und zugleich schrieb er ein russisches Billet an den General Romanzow, der damals in Kolberg befehligte, und das er mir zur treuen Abgabe bei meiner Ankunft anempfahl. Als ich mich endlich wieder entfernen wollte, ließ er mir das Boot von seinem Vorrate an Hirse, Mehl und Grütze dergestalt voll laden, daß ich im Ernste zu sinken fürchtete, und da kein Weigern und Verbitten etwas fruchten wollte, zuletzt nur über Hals und Kopf auf meine Abfahrt denken mußte. So erreichte ich denn wieder mein Schiff, welches inzwischen in einiger Entfernung Anker geworfen hatte.

Ein paar Tage später langte ich in Kolberg an, wo ich nicht säumte, mich dem General Romanzow vorzustellen und mein Billet zu überreichen. Es war kein Uriasbrief gewesen: denn der edle Mann hatte es kaum gelesen, als er mir unter herzlichem Händedrucke dankte, daß ich seinem Monarchen Schiff und Ladung erhalten hätte. Er wollte wissen, wie er mir wieder dienen könne, und nahm auf das erste leise Wort nicht nur meinem Vater die damals über alle Maßen drückende Einquartierung ab, sondern erteilte mir auch die nicht minder bedeutende Vergünstigung, bei der Maikühle und Bleiche anlegen und dort meine Ladung löschen zu dürfen. Da in jenem Zeitpunkte der Hafen von Schiffen vollgepfropft lag, so daß von der Seemündung an bis hinauf zu dem Einflusse des Holzgrabens in die Persante Bord an Bord sich drängte und die in der Mitte des Stromes nicht ans Bollwerk kommen konnten, um ihre Fracht zu löschen, so mußten manche wohl etliche Wochen warten, ehe sie dazu gelangten. Ich hingegen ward, vermöge jener besonderen Erlaubnis, binnen zwei Tagen ledig.

Außer der erforderlichen Portion Ballast, die ich hier einnahm, bestand meine Rückfracht nach Königsberg in etwa sechzig Passagieren – den Frauen, Jungen, Mädchen und kleinen Kindern eines preußischen Bataillons, das nach der Einnahme von Kolberg nach Preußen abgeführt worden war, und wohin nun diese sich begaben, um ihre Gatten und Väter wieder aufzusuchen – eine bunte, aber nicht eben angenehme Ladung!

Als ich mich in segelfertigem Stande befand, gab es einen Sturm aus West-Süd-West, der mich auf meinem Wege trefflich gefördert und den ich darum auf hoher See gar nicht gescheut haben würde, nur galt es die Kunst, mit demselben zum Hafen hinauszukommen. Der Lotse, den ich aufforderte, mich in See zu bringen, erklärte dies für geradezu unmöglich, falls ich nicht mein Schiff stark beschädigen oder rechts am Hafendamme gar sitzen bleiben und in Trümmer gehen wolle. Der Mann hatte recht; ich aber verließ mich auf mein gutes und festes Schiff, das wie ein Fisch wohl auch unter der höchsten und wildesten Brandung durchschlüpfen würde. Diese Versicherungen, mein erklärter Vorsatz, das Abenteuer allenfalls auch ohne ihn auf meine eigene Gefahr zu wagen, und vornehmlich wohl fünf Silberrubel, die ich ihm entgegenspielen ließ, ermutigten ihn endlich, sich meinem Verlangen zu fügen.

Kaum hatte ich ihn vom westlichen Hafendamme an Bord genommen und er das Steuer ergriffen, während ich die Segel aufzog, so warf uns auch in der nächsten Minute, trotz unserer vereinten Bemühungen, die erste hohe Woge, die uns traf, mit wildem Ungestüm auf die entgegengesetzte Seite an das östliche Bollwerk. Zwar hob die nächste Welle das Schiff von neuem, aber danach faßten die hervorragenden Pfahlköpfe unter die gleichfalls am Steuerbord vorstehenden Barkhölzer, daß die Trümmer davon hoch in die Luft flogen; und da zugleich auch der Sturm uns jagte, so schoß mein Fahrzeug längs dem Damme hin, schnitt sich an dessen äußersten Spitze haarscharf gegen die Brandung ab und kroch solchergestalt mit fliegender Fahrt unter zwei oder drei hochgetürmten Sturzwellen durch, daß die Verdecke schwammen und mir selbst die Haare zu Berge standen.