Ein paar Tage darauf kamen wir ins Gesicht von Dünamünde, und da der Wind nach Osten umging, legten wir uns auf der Reede vor Anker. Das stand indes meinem Schiffskommandanten nicht an, der augenblicklich in den Hafen gebracht sein wollte und, da ich ihm die Unmöglichkeit vorstellte, aller früheren Höflichkeit vergaß und mich für einen Pfuscher in meinem Handwerke erklärte. Eine schnöde Antwort blieb nicht aus, und die endliche Folge war der Versuch zu einer tätlichen Mißhandlung, der ich für den Augenblick ein ruhiges Schweigen entgegensetzte. Aber zu gleicher Zeit steckte ich auch eine Notflagge auf, deren Bedeutung mein Widersacher nicht ahnte. Nicht lange, so kam der Lotsenkommandeur mit seinen Leuten mir auf die Seite. Anstatt jedoch seine verwunderten Fragen zu beantworten, sprang ich zu ihm ins Boot und verlangte, zu dem Militärkommandanten in Buller-Aa geführt zu werden, wo ich dann meine Klage gegen den Livländer anbrachte und bat, entweder diesen vom Schiffe zu entfernen oder einen andern Schiffer an Bord zu setzen, der es nach Riga führe. Ersteres ward auch ohne Anstand bewilligt und der unruhige Gast auf der Stelle durch einen andern Offizier ersetzt und ans Land geführt.
Niemand war mit diesem Wechsel unzufrieden, als Madame W., die jetzt ein zungenfertiges Geschnatter anhub und mir eine Reihe von Ehrentiteln gab, welche ich hier nachzuschreiben nicht Lust habe. Ich bat sie, sich zu menagieren, wenn sie nicht etwa wolle, daß ich sie durch meine Leute beim Kopfe kriegen, ins Boot werfen, am nächsten Strande aussetzen und in die dickste Wildnis laufen ließe. Diese unbehagliche Aussicht, an deren augenblicklicher Erfüllung mein Ernst nicht zweifeln ließ, brach ihren kindischen Trotz. Sie griff nunmehr nach einem Gesangbuche, das sie schwerlich mit Absicht eingepackt hatte, begann Bußlieder zu singen und badete ihr Antlitz in Tränen. Da ihr das nun nicht schaden konnte, so ließ ich sie gewähren.
Des anderen Tages um Mittag kam ich die Düna hinauf nach Riga, meldete mich beim Kommandanten und bat um baldigsten Befehl zur Ablieferung der geladenen Effekten; mit abermaliger Vorwendung der, unter meinen Umständen wohl verzeihlichen Notlüge, daß mein Schiff leck und ich in Gefahr sei, hier noch am Bollwerke zu sinken. Man hatte keinen Grund, meine Aussage zu bezweifeln, mochte sogar wohl für die Ladung fürchten, und so erschien denn bereits in nächster Stunde ein unzählbarer Schwarm abgeschickter Soldaten, die, nach der schon beschriebenen russischen Manier, auch wieder bei mir aufräumten. Ihr Gedränge um die Schiffsluken her gestattete ihnen kaum Zeit und Raum, sich ihre zehn Paar Stiefel und darüber über die Schultern zu schlagen, und damit fort wie die Ameisen! Abends um sieben Uhr war mein Schiff ledig, wie mit Besen gefegt.
Da mir, kaum fünfzehn oder zwanzig Schritte entfernt, am Bollwerke ein Berg Ballast vor der Nase lag, so legte ich nun augenblicklich mein Schiff hart daran, dung acht russische Soldaten zu einem halben Rubel, mir diesen Sand über Bord hineinzuschaufeln, und nachdem ich an den Vor- und Hintersteven mit Kreide bezeichnet hatte, wie tief geladen werden sollte, ließ ich sie, unter Aufsicht meiner Leute, tapfer fortarbeiten, während ich selbst mich ruhig aufs Ohr legte. Am Morgen war alles getan, und ich hätte in dem nämlichen Augenblicke wieder absegeln können, wenn nur meine Papiere schon wieder in Ordnung gewesen wären. Zu dieser Besorgung hatte ich mir noch keine Zeit gelassen. Jetzt aber ging ich zu den Herren Zietze und Colbert, an welche ich mich, für alle möglichen Fälle, von Königsberg aus hatte adressieren lassen, besorgte vormittags meine Ein- und nachmittags meine Ausklarierung und konnte nunmehr gehen wohin ich wollte.
Indem ich nun die Anstalten zur Abreise eifrigst besorgte, weil ich immer noch den russischen Behörden nicht recht traute und darum gerne je eher je lieber außer ihrem Bereiche gewesen wäre, – trat ich auch von ungefähr in die Kajüte. Siehe da! Die Königsberger Schöne saß da und rang die Hände und wollte vergehen in Angst und Wehmut, denn ihr Vielgetreuer war noch nicht wieder zum Vorschein gekommen! Ich tat ihr den wohlmeinenden Vorschlag, sie sollte mit mir in ihre Heimat zurückkehren und es auf ihres schwer beleidigten Mannes Edelmut ankommen lassen, ob er ihr verzeihen und sie wieder auf- und annehmen wolle, wo denn leicht ein Schleier über ihre leichtsinnige Tat zu werfen sein werde. Doch dies war keine Musik in ihrem Ohre. Lieber, versicherte sie, wolle sie es auf das äußerste ankommen lassen und hinter irgendeinem Zaune sterben und begraben werden. Schwerlich dachte das unglückliche Geschöpf, daß in diesem Augenblicke ein prophetischer Geist aus ihr spräche, wie die Folgezeit erwiesen hat.
So blieb ihr denn nur übrig, ihr Bündel zu schnüren. Meine Leute griffen zu und halfen die Bagage aus dem Schiffe ans Bollwerk bringen, wo sie sich trostlos und verlassen oben drauf setzte. Die Segel wurden angezogen, die Taue gelöst und so ging es von dannen! Während ich ihr noch meinen Abschied nachrief, begann sich bereits ein Kreis von Menschen um sie her zu versammeln.
Statt ihrer hatte ich einen herrenlosen Schiffer aus Pillau, der aber in diesen Gewässern wohl bekannt war, als Passagier an Bord genommen, und da mir noch immer der Boden unter den Füßen brannte, so ließ ich mir seinen Vorschlag gefallen, ohne irgendeinen weiteren Aufenthalt die offene See zu suchen, wobei er selbst mir als Lotse dienen wollte. Das geschah und geriet glücklicher, als meine Keckheit es verdiente. Denn niemand hielt mich an, und des dritten Tages nachher warf ich bereits wieder in Pillau den Anker. Weil jedoch mein Schiff in der Bordingszunft zu Königsberg eingeschrieben war, so blieb ich hier noch liegen, um eine Bordingsfracht den Pregel hinauf zu erwarten.
Zwei Tage darauf erschien Schiffer Kummerow mit jenem nämlichen Schiffe, worauf im vorigen Jahre der gute Christian verunglückte, auf der Reede und steuerte, trotz einem fliegenden Sturme, mutig in den Hafen. Sobald er vor Anker gekommen, war ich mit meinen braven Landsleuten, den Schiffern Paul Todt und Johann Henke zu dem Neuangekommenen, der gleichfalls ein ehrlicher Kolberger war, an Bord gefahren. Beim Eintritte in seine Kajüte sahen wir, daß ihm die Brandung beim Einlaufen hinten die Fenster und Porten in Stücke geschlagen hatte, und daß drinnen alles voll Wasser stand. Er hatte nun zum Schaden auch noch den Spott, indem wir ihn redlich auslachten. Ich erinnerte mich dabei, daß ich mit diesem nämlichen Schiffe und in einem ähnlichen Sturmwetter hier in den Hafen gesegelt, aber die Besonnenheit gehabt, die Hinterporten zuvor fallen zu lassen.
Bei der fortgesetzten Neckerei hub endlich unser Wirt im halben Unwillen an: »Basta, ihr Herren! Ihr sollt am längsten gespottet haben. – Heda, Junge! Den Koch herbei! – Koch, auf dem Platze ans Land gefahren, und holt mir den Tischler, soundso genannt. Er soll sich mit Handwerkszeug versehen, um hier die Einschiebrahmen loszumachen, damit sie zum Glaser in die Kur gebracht werden können.« – Während nun sein Wille ausgerichtet wurde, der Tischler aber, ohne daß wir uns weiter daran kehrten, seine Arbeit begann, saßen wir daneben bei einem Glase Wein, wobei wir vergnügt und wohlgemut alte und neue Geschichten nach Seemannsweise auf die Bahn brachten.