Als ich jedoch mich der Brücke nochmals näherte und den Platz wohlbedächtig mit meinen Blicken musterte, während bereits die Laufbretter hier und da die Flammen durchzüngeln ließen, nahm ich, fünfzehn oder zwanzig Schritte von mir entfernt, etwas wahr, das sich brennend auf dem Boden bewegte und anfangs von mir für ein glimmendes Bett gehalten wurde, das der Sturmwind vor sich herwälzte. Als ich aber die Brücke bestiegen hatte und es in der Nähe untersuchte, fand ich, daß es eine alte Frau war, die, wie ich späterhin erfuhr, an einer Seite des Leibes völlig vom Schlage gerührt worden. Ich hob sie auf, um sie nach meinem Fahrzeuge zu tragen: allein der Qualm und Gestank der schwelenden Kleider stieg mir so unerträglich zu Kopf und Brust, daß ich von meinem Vornehmen abstehen mußte. Doch ergriff ich die Unglückliche an Hand und Fuß, zerrte sie so – wenngleich ein wenig unsanft – nach dem Boote und brachte sie hinüber, wo sie mir von den vielen umstehenden Menschen abgenommen wurde.

Gleich darauf stieß ich wieder ab, um womöglich irgendeinem Bedrängten in dieser Not retten zu helfen, und kam an das Löbenichtsche Schlachthaus, das gleichfalls in hellem Feuer stand und wo noch, wie ich durch die niedergebrannten Planken wahrnehmen konnte, eine Menge ausgeschlachteten Viehes umherhing. »Mein Gott!« dachte ich – »wie vielen hundert Menschen könnte das noch zur Erquickung dienen, denen das Unglück heute nichts als das liebe Leben gelassen hat!« Ein großer fetter Ochse, der der Treppe nach dem Wasser am nächsten hing, fiel mir besonders in die Augen. Ich schnitt ihn ab, wälzte ihn hinunter und schleppte ihn hinter meinem Fahrzeuge her ans jenseitige Ufer, wo ihn mir ein Reiter abnahm und vollends aufs Trockene brachte. Wo er weiter geblieben und wem er zugute gekommen ist, weiß ich nicht.

Indem ich mich nun aufs neue nach der Löbenichtschen Seite hinübermachte, stieß ich dort auf eine korpulente Frau, die ihre Hände nach mir aufhob und rief: »O Schifferchen, erbarme Er sich, helf' Er! rett' Er! – Das ist mein Haus, was mit den andern im Brande steht, und mein Mann ist ausgereist auf den Viehhandel. Alle meine Leute haben mich verlassen, und was Er hier um mich liegen sieht, hab' ich mit meinen eigenen Händen aus dem Feuer gerissen.« – Dabei wies sie auf einen Berg von Betten, Kleidungsstücken und dergleichen.

Ich ließ mich nicht zweimal bitten; wir warfen beide Hals über Kopf von den Sachen bunt durcheinander in das Boot, soviel es nur fassen konnte, und nun schlug ich ihr vor, diese Ladung ans jenseitige Ufer hinüberzuschaffen, dann aber wiederzukommen und sie selbst mit dem Rest in Sicherheit zu bringen. Das war aber keine gute Disposition, wie ich sogleich inne ward, als ich die Holzwiese erreichte; denn hier gab es zwar hundert geschäftige Hände, die mir die geretteten Sachen abnahmen, als ich mich aber danach umsah, ob sie auch in gute Verwahrung kämen, lief der eine hierhin, der andere dorthin; dieser zog mit einem Bette ab, jener mit einem Laken oder einem Armvoll Kleider, und als ich das letzte Stück aus den Händen gab, hatte sich bereits die ganze Ladung verkrümelt.

»Frauchen!« sagte ich bei meiner Wiederkehr – »das sieht betrübt mit Ihrem Eigentum aus! – Ich fürchte, Sie kriegt in Ihrem Leben keine Faser wieder davon zu sehen. Soundso ist mir's damit gegangen.« – Die Unglückliche weinte und seufzte. Indes schleppten wir noch einen schweren Kleiderkasten an und ins Boot und was sie noch von Gerätschaften geborgen hatte. Sie selbst trug ich, trotz ihrer Wohlbeleibtheit, indem ich bis an den halben Leib durchs Wasser watete, gut oder übel ebenfalls hinein und fuhr ab. Unterwegs gewann sie wieder etwas Mut und Redseligkeit. Sie nannte mir ihres Mannes Namen (den ich aber wieder vergessen habe) und daß er ein Branntweinbrenner gewesen, samt ihren andern häuslichen Umständen. Die ganze Brandgeschichte, vom ersten Feuerlärm an, und ihren Schreck, und was sie und ihre Nachbarn gedacht und gesagt und vermutet – das alles bekam ich anzuhören und wahrscheinlich noch sehr vieles mehr, wenn wir nicht schon früher bei der Holzwiese angelangt gewesen wären.

Hier ward das unordentliche Getümmel der räuberischen Dienstfertigkeit um die arme Frau fast noch ärger als bei meiner ersten Landung. Endlich drängte man mich ganz von ihr ab, und ich sah sie nur noch aus der Ferne auf ihrem Kasten sitzen, um wenigstens diesen zu behaupten. Wieviel ihr von dem übrigen geblieben oder wiedergebracht worden, weiß Gott; denn meine Augen haben sie nachher in dem weitläufigen Orte niemals wiedergesehen.

Für diesmal wollte ich nun sehen, was in einer andern Gegend, auf der Sackheimerschen Seite, passierte. Nicht lange, so traf ich abermals mit einer alten Frau zusammen, die am Wasser stand und mir entgegenschrie: »Ach Herzens-Schifferchen, goldenes! Hierher, zu mir hin! Ich will Ihm auch gerne einen Sechser geben.« – Ich mußte lachen, so wenig mir's bei der allgemeinen grausamen Not auch lächerlich ums Herz war. – »Nun, und wo soll ich hier denn angreifen?« – »Ach du mein Gottchen! Diesen Kasten hier, wenn Er mir den doch nach der Holzwiese schaffen wollte. Mein ganzes armes Hab und Gut steckt zusammen drinnen! Ich bin eine geschlagene Frau, wenn ich den missen soll!«

Nun freilich, da mußte schon Hand zum Herzen getan werden! Sie übergab mir eine lange schmale Kiste, die mir nun zwar bei dem flüchtigen Blicke, den ich mir darauf zu werfen abmüßigte, keine sonderlichen Schätze zu bergen schien, aber doch, unter gemeinschaftlicher Daranstreckung unserer Kräfte, glücklich ins Boot geschoben und, weil sie darin der Länge nach keinen Platz fand, mit Mühe querüber ins Gleichgewicht gerückt wurde, wiewohl das Fahrzeug, da sie hochstand, heftig damit schwankte. Auch ging es mit der Fahrt noch immer gut genug, bis wir auf Stromesmitte auch in den Bereich des Sturmwindes gerieten, welcher uns dergestalt packte, daß sich das Boot ganz auf die Seite legte und Wasser schöpfte. Was ich immer tun mochte, dem Übel abzuhelfen, blieb vergeblich, und unsre Gefahr zu sinken ward mit jedem Augenblicke dringender. »Aber, liebe Frau, was hat Sie denn in dem unbeholfenen verwetterten Kasten?« fragte ich endlich mit einiger Ungeduld. – »Ach, mein Ein und Alles! Meine Hühner und Enten, womit ich handle und die mir Eier legen.« – »Ei, so hole denn der Henker lieber den ganzen Kram!« schrie ich giftig, – »als daß wir hier unsere Haut darum zu Markte tragen!« – und damit schob ich den Kasten fein säuberlich über Bord und ließ ihn treiben, wohin er wollte. Nun aber erhob sich über mich ein Sturmwetter von ganz anderer Art, und ich kriegte Ehrentitel zu hören, wie ich sie mir nimmer vermutete. Aber wie sollte ich es anders machen? Das Boot stand am Umkippen und war schon hoch voll Wasser gelaufen.

Wir waren darüber beinahe bis an den Sackheimschen Baum getrieben. Ich machte mich also eilig von meiner lästigen Begleiterin los, stieg ans Land, befestigte das Fahrzeug und half anderweitig bei dem Feuer bergen und retten, wo und wie ich immer vermochte. Darüber blieb ich nun von meiner eigenen Schwelle entfernt vom Sonntag abends, da das Feuer anging, bis Dienstag nachmittags, wo endlich seine zerstörende Wut sich legte. Während dieser entsetzlichen Frist kam ich verschiedentlich mit Bekannten aus unserem Stadtende, am Lizent und der Gegend umher, zusammen. Da ward denn immer die erste angelegentliche Frage, wie es in der Nachbarschaft stehe, freudig beantwortet: »Gottlob! Wir haben bis jetzt keine Not vom Feuer, wohl aber vom Sturm hohes Wasser in Straßen und Häusern, daß man überall darin mit Kähnen umherfahren kann.« –

Ein ähnlicher Orkan stieg einige Zeit nach jenem unvergeßlichen Unglück so gewaltig auf, daß alle Schiffe, mit denen der Pregel, vom Grünen Baume an, bedeckt war, sich teils einzeln von ihren Befestigungen am Bollwerk losrissen, teils untereinander abdrängten, und selbst die mitten im Strome geworfenen Anker dagegen nicht aushielten. Die Verwirrung und das Gedränge ward mit jedem Augenblicke größer. Endlich packte sich alles an der Grünen Brücke in eine dichte wüste Masse zusammen; die Masten stürzten über Bord und die Bugspriete knickten wie Rohrstengel. Der Schaden war unermeßlich, und als man endlich wieder zur Besinnung kam, hatte man sich billig zu verwundern, daß nicht alles und jedes zugrunde gegangen.