Endlich mußte ich mich doch von diesem wackeren Manne trennen, der noch einen bedeutenden Einfluß auf meine Lebenslage gewinnen sollte. Er gab mir ein besonderes Belobungsschreiben an meinen Kapitän mit, worin der Wunsch ausgedrückt war, daß dieser falls neue Kommunikationen mit dem Haupt-Fort und der Regierung notwendig würden, keinem anderen als mir den Auftrag dazu geben möchte. Ich hatte indes den nötigen Ballast eingenommen und machte mich auf den Rückweg nach Westen, um mein Schiff wieder aufzusuchen. Die Reise war ohne besonderen Zufall, doch kann ich nicht umhin, hierbei eines seltsamen Fundes zu erwähnen.

Wir befanden uns etwa vier Meilen vom Lande, und das Meer bot ringsumher eine glatte Fläche dar, in welcher sich die Sonne spiegelte. Zugleich sahen wir, in weiter Ferne seewärts, von Zeit zu Zeit etwas aus dem Wasser glänzend auftauchen, was mir anfangs etwa ein toter Fisch deuchte, dessen silberweißen Bauch die Sonne beschiene. Endlich ließ ich, von Neugier getrieben, darauf zurudern, und da fand sich's denn, daß eine viereckige Bouteille aus einem Flaschenfutter, den Hals nach oben gekehrt und mit einem Korkstöpsel versehen, im Meere schwamm. Ringsum hatte sich ein runder Haufen Seegras angesetzt. Ich ergriff die Flasche, mich weit über Bord lehnend, an der Mündung, war aber nicht imstande, sie von dem Kräutergeflechte zu trennen, es bedurfte erst meines Messers, womit ich alle diese fremdartigen Anhängsel kappte und solchergestalt mich meiner Beute bemächtigte.

Bei genauerer Besichtigung fand sich nun, daß diese Flasche etwa zu einem Drittel (und daher ihre aufrechte Stellung) mit in Branntwein eingemachten, aber freilich schon verdorbenen Kirschen angefüllt und vermutlich auch, als unbrauchbar, über Bord geworfen war. Allein was sie eigentlich in meinen Augen merkwürdig machte, war die Entdeckung, daß sich außen umher überall Schulpen und andere Muscheln fest angesetzt hatten, die hinwiederum den Seegewächsen zu einem Befestigungspunkte gedient, um Wurzeln darin zu schlagen und allmählich zu einem dichten Klumpen von ansehnlichem Umfange heranzuwachsen. Wie lange mußte indes dieses Glas nicht bereits in den Wogen umhergetrieben sein, bevor die Natur nach und nach all diese Erscheinungen an demselben hervorbringen konnte! Es hätte verdient, mit all diesen Anhängseln von Muscheln und Tang in einem Naturalien-Kabinette aufbewahrt zu werden.

Meinen Kapitän mit dem Schiffe fand ich noch bei Kap Mesurado, nachdem ich länger als vier Wochen abwesend gewesen. Bevor ich jedoch zu einer neuen Handelsfahrt abgehen konnte, ward es für nötig befunden, neue Vorräte von Wasser einzunehmen und dieses Geschäft mir zur Ausführung übertragen. Bei dem gegenseitigen Mißtrauen aber, welches zwischen den europäischen Schiffern und den Eingeborenen herrscht und tief in der Natur des hier betriebenen Handels liegt, ist ein solcher Auftrag mit Beschwerde und Gefahr verknüpft und erfordert genaueste Vorsicht, um nicht von den treulosen Afrikanern überwältigt, ausgeplündert und ermordet zu werden.

Das Wasser muß jedesmal von ihnen am Lande erhandelt werden. Man versieht sich hierzu an Bord mit allerlei kleinem Kram an Spiegeln, Korallen, Messern, Fischangeln, Nähnadeln, Zwirn und erwartet dicht am Seestrande, wohlbewaffnet das zufällige Zusammentreffen mit den Eingeborenen, um mit ihnen den Preis für jedes Faß Wasser, welches man eben holt oder auch künftig zu holen gedenkt, zu verabreden. Das hierzu bestimmte Boot bleibt jedesmal bis hundertzwanzig Klafter weit vom Lande vor Anker liegen. Die ledigen Wassertonnen werden über Bord geworfen und die Neger stürzen sich in die Brandung, um sie schwimmend ans Land zu bringen und nach ihren Brunnen und Wasserstellen hinaufzurollen. Sind sie hier angefüllt und verstopft, so werden sie wieder an den Strand zurückgewälzt, von zwei schwimmenden Negern in die Mitte genommen und an das Boot gebracht, wo ihnen dann die dafür bedungenen Waren ausgeliefert werden.

Als ich in solcher Expedition zum erstenmal das Ufer betrat, standen bereits zwölf oder vierzehn Schwarze unseres Empfangs gewärtig, und während ich mit etwa zehn meiner Begleiter vollends ins Trockene watete, kam uns auch ihr Anführer entgegen, bot mir die Hand, schnitt eine Menge wunderlicher Kapriolen und gab sich mir endlich mit den Worten »Amo King Sorgo« (ich bin der König George) zu erkennen. Daß er aber auch für irgend etwas Besonderes angesehen sein wollte, gab schon sein ganzer Aufzug zu erkennen. Er war nämlich mit einer alten, zerrissenen, linnenen Pumphose und einer weißen Kattunweste ohne Ärmel bekleidet, sein noch größerer Schmuck aber bestand in einer roten und weißen Schminke, womit er sich Gesicht und Hände scheußlich bemalt hatte. Mit diesem Narren nun und seinen Untertanen wurden wir des Preises für das Wasserfüllen einig und hielten uns auch des nächsten Tages wacker zu unserer Arbeit.

Bei dieser Gelegenheit nahm ich am Strande eine Menge von Feldsteinen wahr, deren wir als Ballast für Boot und Schaluppe vielfach benötigt waren. Ich schloß demnach mit den Negern einen neuen Handel über eine Bootsladung solcher Steine ab, worin zugleich die Größe derselben dahin bestimmt wurde, daß ein Mensch sie allenfalls tragen und damit hantieren könnte. Sie suchten ihrerseits sich den Transport zu erleichtern, indem sie ein Kanot dicht auf den Strand zogen und es füllten, soviel es bequem tragen konnte. Dann traten je vier von ihnen an jede Seite des Fahrzeuges, warteten eine niedrigere Welle ab und schoben es dann schnell in die See, während einer behende hineinhüpfte, um es vollends an unser Boot zu geleiten und in dasselbe auszuladen.

Da geschah es, daß einmal eine Woge, stürmischer als die übrigen, über das Kanot herstürzte und es augenblicklich versenkte. Sofort sprangen die am Ufer zurückgebliebenen hinzu, schwammen nach der Stelle, wo sich der Unfall ereignet hatte, bläuten den ungeschickten Fährmann zu unserer großen Belustigung wacker durch, aber erregten auch ebensosehr unser Erstaunen, als sie hierauf, einer nach dem andern, in eine Tiefe von wenigstens zwölf bis vierzehn Fuß untertauchten und, nach kurzem Verzuge, jeder mit einem Steine von beinahe Zentnersschwere, auf der Schulter, wieder emporkamen. Noch mehr! Mit dieser nämlichen Last schwammen sie, wenngleich mit sichtbarer Anstrengung und blasendem Atem, noch vierzig bis fünfzig Klafter weiter an unser Boot, um ihren Fund an uns abzuliefern.

Noch oft bin ich Zeuge von der ungeheueren Körperkraft der Neger, sowie von ihrer ausgezeichneten Behendigkeit und Ausdauer im Schwimmen gewesen. Wenn sie mit ihren Kanots dicht an der einen Seite des Schiffes lagen und jemand sich einen Spaß mit ihnen machen wollte, so durfte er ihnen nur eine tönerne Tabakspfeife zeigen und sie über den entgegengesetzten Bord ins Meer werfen. Alsogleich auch stürzte sich dann eine Anzahl aus dem Kanot nach in die Flut, tauchte unter dem Schiffe weg in den Grund, und sicherlich kam irgendeiner mit der unbeschädigten Pfeife in der Hand wieder zum Vorschein, wenngleich das Meer auf einer solchen Stelle eine Tiefe von fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Klaftern hatte.