Nächst der Unbequemlichkeit einer einzigen täglichen Mahlzeit bei einem (Gott weiß es) gesegneten Appetite, war's meine größte Qual, daß ich von den andern Schulbuben über mein Abenteuer noch ausgelacht ward. Niemand hatte Mitleid mit meinem Unstern; ausgenommen ein einziges gutherziges Mädchen, die älteste Tochter des Kaufmanns, Herrn Seeland. Wenn ich mich recht entsinne, nannte man sie Dörtchen. Dörtchen also steckte mir den letzten Abend, mit Tränen in den Augen, ihre Semmel zu; konnte es aber nicht so heimlich abtun, daß es nicht von den anderen wäre gesehen und verraten worden. Die Semmel ward mir vom Lehrer wieder abgenommen und konfisziert. Ich weinte; sie weinte; Herr Schütz selbst konnte sich dessen nicht erwehren. Ich bekam meine Semmel zurück: aber bloß – wie er hinzusetzte – um das gute Kind zu beruhigen. – Ich habe nachher, im Jahre 1782 (also nach Verlauf von vierunddreißig Jahren!) die Freude gehabt, dieses nämliche Dörtchen Seeland in Memel wieder anzutreffen. Ihre Eltern waren in ihrem Wohlstande zurückgekommen, den sie damals durch eine Auswanderung nach Rußland zu verbessern hofften. Ich hatte jene Semmel noch nicht vergessen; und es hat mir wohlgetan, sie einigermaßen vergelten zu können.
Endlich, da ich etwa elf Jahre alt sein mochte, sollte es, zu meiner unsäglichen Freude, Ernst mit meiner künftigen Bestimmung werden. Meines Vaters Bruder nahm mich auf sein Schiff, die Susanna, als Kajüten-Wächter, und so ging meine erste Ausflucht nach Amsterdam. Hier sah ich nun eine Menge großer Schiffe auf dem Y vor Anker liegen, die nach Ost- und West-Indien gehen sollten. Täglich ward auf ihnen mit Trommeln, Pauken und Trompeten musiziert, oder mit Kanonen geschossen. Das machte mir allmählich das Herz groß! Ich dachte: Wer doch auch auf so einem Schiffe fahren könnte! – und das ging mir nur um so viel mehr im Kopfe herum, als es damals unter all unsern Schiffsleuten, wie ich oft gehört hatte, für einen Glaubensartikel galt: daß, wer nicht von Holland aus auf dergleichen Schiffen gefahren wäre, auch für keinen rechtschaffenen Seemann gelten könnte. Gerade das aber machte ja mein ganzes Sinnen und Denken aus! – Wirklich findet man bei keiner Nation eine größere Ordnung auf den Schiffen als bei den Holländern.
Wovon mir das Herz voll war, ging mir auch alle Augenblicke der Mund über. Ich gestand meinem Oheim, wie gern ich am Bord eines solchen ansehnlichen Ostindien-Fahrers sein und die Reise mitmachen möchte. Er gab mir immer die einzige Antwort, die darauf paßte: Daß ich nicht klug im Kopf sein müßte. Endlich aber ward dieser Hang in mir zu mächtig, als daß ich ihm länger widerstehen konnte. In einer Nacht, zwei Tage vor unserer Abreise, schlüpfte ich heimlich in unsere angehängte Jolle – ganz wie ich ging und stand und ohne das geringste von meinen Kleidungsstücken mit mir zu nehmen. Man sollte nämlich nicht glauben, daß ich desertiert, sondern daß ich ertrunken sei, und wollte so verhindern, daß mir nicht weiter auf den anderen Schiffen nachgespürt würde. Unter diesen aber hatte ich mir eins aufs Korn gefaßt, von welchem mir bekannt geworden war, daß es am anderen nächsten Morgen nach Ostindien unter Segel gehen sollte. Das letztere zwar war richtig, aber über seine Bestimmung befand ich mich im Irrtum, denn es war zum Sklavenhandel an der Küste von Guinea bestimmt.
Still und vorsichtig kam ich mit meiner Jolle an der Seite dieses Schiffes an, ohne von irgend jemand bemerkt zu werden. Ebenso ungesehen stieg ich an Bord, indem ich mein kleines Fahrzeug mit dem Fuße zurückstieß und es treibend seinem Schicksale überließ. Bald aber sammelte sich das ganze Schiffsvolk (es waren deren vierundachtzig Köpfe, wie ich nachmals erfuhr) verwundert um mich her. Jeder wollte wissen, woher ich käme? wer ich wäre? was ich wollte? Statt aller Antwort – und was hätte ich auch sagen können? – fing ich an, erbärmlich zu weinen.
Der Kapitän war diese Nacht nicht an Bord. Man brachte mich also zu den Steuerleuten, welche das Verhör ins Kreuz und in die Quere mit mir erneuerten. Auch hier hatte ich nichts als Tränen und Schluchzen. »Aha, Bursche!« legte sich endlich einer aufs Raten – »ich merke schon! du bist von einem Schiffe weggelaufen und denkst, daß wir dich mitnehmen sollen?« – Das war ganz meine Herzensmeinung. Ich stammelte also ein Ja darauf hervor, konnte mich aber diesmal nicht entschließen, noch weiter herauszubeichten. Inzwischen hatte man einiges Mitleid mit mir, gab mir ein Glas Wein samt einem Butterbrot und Käse, und wies mir eine Schlafstelle an, mit dem Bedeuten, daß morgen früh der Kapitän an Bord kommen werde, der mich vielleicht wohl mitnehmen möchte. – Da lag ich nun die ganze Nacht schlaflos und überdachte, was ich sagen und verschweigen wollte.
Am andern Morgen mit Tagesanbruch fand sich der Lotse ein; der Anker ward aufgewunden und man machte sich segelfertig; wobei ich treuherzig und nach Kräften mit Hand anlegte. Unter diesen Beschäftigungen kam endlich auch der Kapitän heran. Ich ward ihm vorgestellt, und auch seine erste und natürlichste Frage war: Was ich auf seinem Schiffe wollte? – Ich fühlte mich nun schon ein wenig gefaßter und gab ihm über mein Wie und Woher so ziemlich ehrlichen Bescheid; nur setzte ich hinzu (und diese Lüge hat mir nachmals oft bitter leid getan, denn mein Oheim war gegen mich die Milde selbst, als ob ich sein eigen Kind wäre), dieser habe mich auf der Reise oftmals unschuldig geschlagen, wie das denn auch noch gestern geschehen sei. Ich könne dies nicht länger ertragen, und so sei ich heimlich weggegangen und bäte flehentlich, der Kapitän möchte mich annehmen. Ich wollte gerne gut tun.
Nun ich einmal so weit gegangen war, durfte ich auch die richtige Antwort auf die weitere Frage nach meines Oheims Namen und Schiff nicht schuldig bleiben. »Gut!« sagte der Kapitän – »ich werde mit dem Manne darüber sprechen.« – Das klang nun gar nicht auf mein Ohr! Ich hub von neuem an zu weinen, schrie, ich würde über Bord springen und mich ersäufen, und trieb es so arg und kläglich (mir war aber auch gar nicht wohl ums Herz!), daß nach und nach das Mitleid bei meinem Richter zu überwiegen schien. Er ging mit seinen Steuerleuten in die Kajüte, um die Sache ernstlicher zu überlegen; ich aber lag indes, von Furcht und Hoffnung hin und her geworfen, wie auf der Folter, denn die Schande, vielleicht zu meinem Oheim zurückgebracht zu werden, schien mir unerträglich.
Endlich rief man mich in die Kajüte. »Ich habe mir's überlegt,« hub hier der Kapitän an, »und du magst bleiben. Du sollst Steuermanns-Junge sein und monatlich sechs Gulden Gage haben, auch will ich für deine Kleidungsstücke sorgen. Doch höre, sobald wir mit dem Schiffe in den Texel kommen, schreibst du selbst an deines Vaters Bruder und erklärst ihm den ganzen Zusammenhang. Den Brief will ich selbst lesen und auch für seine sichere Bestellung sorgen.« – Man denke, wie freudig ich einschlug und was für ein Stein mir vom Herzen fiel!
Jetzt gingen wir auch unter Segel. Allein ich will es auch nur gestehen, daß, sowie ich meines Oheims Schiff so aus der Ferne darauf ansah, mir's innerlich leid tat, es bis zu diesem törichten Schritte getrieben zu haben. Trotz diesem Herzweh erwog ich, daß er nicht mehr zurückgetan werden konnte, wofern ich nicht vor Beschämung vergehen sollte. Ich machte mich also stark; und als wir im Texel ankamen, schrieb ich meinen Abschiedsbrief, den der Kapitän las und billigte, und mein Steuermann an die Post-Suite besorgen sollte.