Ein steifer Südwestwind wollte uns an jenen Hafen nicht sogleich herankommen lassen, sondern trieb uns zwei oder drei Meilen weiter an die Küsten der Insel Usedom und in die Gegend, wo einst die alte wendische Handelsstadt Wineta im Meere versunken sein soll. Natürlich drehte sich in solcher Nähe das Gespräch zwischen meinem Freunde und mir um diesen Gegenstand. »Man muß,« sagte jener, »bei der Schiffahrt sich um so vieles und so genau bekümmern, und dieser merkwürdige Fleck ist uns überdem so nahe gelegen, daß es doch fürwahr eine Schande wäre, wenn wir darüber nicht mit Was und Wie und Wo sollten richtige Auskunft geben können.«

»Das könnte ich wohl,« war meine Antwort, »aber doch nur auf Treu und Glauben des holländischen Schiffers, mit dem ich meine letzte Reise als Passagier von Amsterdam nach Swinemünde machte. Dieser erzählte mir, als wir diesen nämlichen Strich hier hielten, er sei vor vier Jahren bei jener versunkenen Stadt auf den Grund geraten und habe sein Schiff verloren. Um so sorgfältiger habe er sich mit den Merkzeichen der Küste bekannt gemacht, um sich künftig vor Schaden zu hüten.« »Seht dort,« sprach er, »ist ein schwarzer Berg im Westen, und weiter ostwärts liegt ein anderer Berg von gleicher Farbe. Zwischen beiden entdeckt Ihr einen weißen Sandhügel, und gerade vor diesem, eine halbe Meile vom Lande, ist das verwünschte Steinriff, das mich bald zum armen Manne gemacht hätte.« – »Irre ich aber nicht, so stehen uns seine angegebenen Merkzeichen dort gerade im Gesicht, und es möchte wohlgetan sein, ein wenig aufzupassen.«

Kaum war mir das Wort über die Lippen, so stieß unser Schiff plötzlich und so hart auf den Grund, daß uns die Füße unterm Leibe entglitten und wir auf das Verdeck hinstürzten. Indem wir uns schnell besannen und um uns schauten, überzeugten wir uns, daß wir auf der nämlichen Stelle festsaßen, die den Gegenstand unseres Gespräches gegeben hatte. Denn etwa zwanzig Klafter nördlich vom Schiffe entdeckten wir eine ebene Platte, die fast mit dem Wasserspiegel gleichstand, und deren Dasein uns nur darum entgangen war, weil der Wind gerade vom Lande kam und also schlichtes Wasser machte, daß keine Brandung auf der Untiefe entstehen konnte.

Was war indes zu tun? Der Schiffer ließ flugs das Boot aussetzen, um einen Anker auszubringen und daran das Schiff von der Bank wieder abzuwinden. Ich selbst stieg hinein, um dies ins Werk zu setzen, und fuhr südlich von der Untiefe, die wir im Norden liegen sahen, abwärts. In einer Entfernung von etwa achtzig Klaftern ließ ich den Anker fallen, erstaunte aber nicht wenig, als er noch überm Wasser stehen blieb, indem die See hier an dieser Stelle nicht über vier bis sechs Fuß Tiefe hatte. Der Anker mußte wieder emporgebracht und nach dem Schiffe gezogen werden.

Jetzt begann ich (was freilich früher hätte geschehen sollen) rings umher zu sondieren, um ein Fahrwasser von hinreichender Tiefe zu finden. Es gab aber überall nichts als Klippen und Steine, dicht unter dem Wasser; nur hinter uns war es offen, und ich sah, wir würden uns des nämlichen Weges zurückarbeiten müssen, den wir gekommen waren. Demnach ward der Anker gerade nach hinten ausgebracht und die Schiffswinde in Bewegung gesetzt, allein das Fahrzeug wollte weder wanken noch weichen. Da wir nun mit Sandballast fuhren, so ward dessen eine ziemliche Menge über Bord geschafft, um das Schiff zu erleichtern, welches noch immerfort auf den Grund stieß, jedoch ohne Schaden zu nehmen.

Während jener Anstrengungen stieg ich abermals ins Boot, um den ganzen Umfang dieser Bank noch weiter zu sondieren. Zuerst begab ich mich nach der Stelle, die am höchsten und mit dem Wasser gleich lag, bestieg sie und fand, indem ich mit den Füßen tiefer scharrte, daß der Grund aus grobem Sande bestand, der mit einzelnen Brocken von Dachziegeln untermischt war. Meines Vermutens mochte hier wohl früher ein Schiff, mit solcherlei Ziegeln geladen, gestrandet sein und diese zu seiner Erleichterung über Bord geworfen haben.

Beim weiteren Umherfahren fand sich's, daß diese Bank durchgehend aus großen Steinblöcken bestand, die mit vier bis fünf Fuß Wasser überflossen waren. Dazwischen gab es eine Tiefe von sechs bis sieben Fuß, und da das Wasser ziemlich klar war, ließ sich die Lage der Steine sehr wohl unterscheiden, aber durchaus keine absichtliche Anordnung und Regelmäßigkeit darin entdecken. Diese ganze Steinplatte mag vielleicht sechshundert Klafter in der Länge und Breite haben. Zugleich aber fallen ihre Ränder so steil ab, daß, während jene Blöcke nur auf die bemerkte geringe Tiefe unter Wasser stehen, unmittelbar daneben der Seegrund sich auf fünfzehn und mehr Fuß vertiefte.

Es währte fast sechs Stunden, bevor es uns gelang, wieder flott zu werden. Während dieser Zeit trieb der starke Wind ein Boot vom Lande herbei, worin sich zwei Bauernknechte, aber ohne Ruder, befanden. Statt solcher waren sie mit ein paar Stangen versehen, womit sie ihr Fahrzeug, sogut es angehen wollte, zu steuern versuchten, um bei uns an Bord zu gelangen. In der Tat stießen sie auch so unvorsichtig und heftig gegen unser Schiff an, daß wir fürchteten, ihr Fahrzeug würde davon in Stücke gehen.

Erst als wir sie an Bord hatten, wurden wir gewahr, daß sie sich im besten Sonntagsstaat befanden und mit einem gewaltigen Blumenstrauße vor der Brust im Knopfloche prangten. Auf unser neugieriges Woher? und Wohin? nannten sie uns ihr nicht weit entlegenes Dorf und berichteten, sie seien soeben auf dem Wege über Feld nach der Kirche begriffen gewesen, als sie unser Schiff auf dem Grunde sitzend erblickt hätten, und da sich zufällig in ihrer Nähe ein leeres Boot am Strande vorgefunden, so wären sie in Gottes Namen hineingestiegen, um zu sehen, ob sie uns damit einige Hilfe leisten könnten. Da es jedoch in dem Fahrzeuge an Rudern gefehlt, mit denen sie ohnehin nicht umzugehen wüßten, so hätten sie gemeint, sich mit den vorrätigen Stangen wohl notdürftig fortzuhelfen.

War das echt pommerisch brav und gutherzig gemeint, so muß man doch gestehen, daß es auch herzlich dumm beraten und ausgeführt war. Denn hatten sie nicht das Glück, vom Winde gerade gegen unser Schiff getrieben zu werden, so kamen sie immer weiter landabwärts, waren ohne Barmherzigkeit verloren, und kein Mensch hätte auch nur einmal gewußt, wo sie hingestoben wären. Sie sahen endlich selbst ein, daß sie einen einfältigen Streich unternommen, und da wir inzwischen auch vom Grunde glücklich wieder abgekommen waren, so banden wir ihr Boot an unserm Schiffe fest und nahmen sie mit uns nach Swinemünde, wo es ihnen denn überlassen bleiben mochte, wie sie wieder ihren Heimweg finden wollten.