Unmittelbar darauf kam ich unter die Flotte und ließ den Anker fallen. Eine andere Schaluppe kam zu mir herangerudert; der darauf befindliche Offizier war ein vernünftiger Mann, seine Fragen hatten Hand und Fuß und ebenso waren auch meine Antworten ausreichend und bescheiden.
Am anderen Morgen ging ich, da mir der Wind noch immer entgegenstand, mit der Flut abermals unter Segel, um noch weiter in den Texel hineinzulavieren. Mein Lotse wollte, daß wir unsere Flagge wieder aufhissen sollten; ich jedoch war anderer Meinung. Hatten wir doch den ganzen gestrigen Tag zwischen der holländischen Flotte umhergekreuzt und geankert und unsere Flagge wehen lassen, so daß ihnen unmöglich unbekannt sein konnte, wes Geistes Kinder wir wären. Eigentlich aber wollte ich meine Flagge schonen, die bei dem Wenden hin und wieder arg zerpeitscht wurde.
Wir waren darüber noch im Ratschlagen begriffen, als ein blinder Schuß nach meiner Seite her abgefeuert wurde – die gewöhnliche Mahnung, Wimpel und Flagge zu zeigen. Da ich nun sah, daß es so gemeint sei, befahl ich stracks, ihnen den Willen zu tun; allein wie sehr meine Leute sich auch damit hasteten, erfolgte doch zu gleicher Zeit ein zweiter scharfer Schuß, dessen Kugel dicht vor mir ins Wasser aufschlug. Dann aber fand sich auch, ehe ich mich dessen versah, eine Schaluppe ein, deren Offizier mir einen Dukaten für den ersten und zwei für den andern Kugelschuß abforderte und hinzusetzte, daß dies auf Befehl des Admirals Kinsberger geschehe.
Ich gestehe, daß meine Antwort etwas unmanierlich lautete, denn ich ließ ihm sagen, er möchte sein Pulver und Blei auf seine Feinde und nicht auf eine respektable neutrale Flagge, die sich ihm genugsam kundgegeben, verschießen. Ich betrachtete seine Schüsse als einen meinem Souverän erwiesenen Affront, über welchen ich gehörigen Ortes Beschwerde zu führen wissen würde. Da ich jetzt nach Holland hinein- und nicht hinausginge, so würde er mich wie ich ihn in Amsterdam zu finden wissen, ohne daß ich um Rede und Antwort verlegen wäre. Hier aber gedächte ich auch nicht einen Stüber zu bezahlen.
Der Leutnant, der meinen entschlossenen Sinn sah, verlangte, daß ich ihm diese Antwort schriftlich geben sollte. Ich ging mit ihm in die Kajüte und tat ihm seinen Willen, fügte aber zugleich auch den Gruß hinzu, den mir der Kapitän des englischen Kreuzers an den Admiral aufgetragen hatte. Während des Schreibens musterte jener einen Berg Zitronen, die in einem Winkel der Kajüte lagen, mit lüsternen Augen. Ich bat ihn, sich davon auszuwählen, so viel er irgend zu lassen wüßte – eine Höflichkeit, die er mit Dank annahm und benutzte, und wonach wir beiderseits freundlich voneinander schieden. Aber auch späterhin ist von diesem Handel auf keine Weise wieder etwas zur Sprache gekommen.
Ich selbst vergaß diesen Vorgang alsbald über der Not, die ich hatte bei dem noch immer konträren Ostwinde, in dem engen Fahrwasser mit Lavieren in kurzen Schlägen und unter Beihilfe der jedesmaligen Flut langsam genug fortzurücken, hinwiederum aber mit jeder Ebbe die Anker fallen zu lassen. Hierbei fror es zu gleicher Zeit so heftig und es kam mir so viel Treibeis auf den Hals, daß ich mich oftmals vor zwei oder auch wohl drei Anker legen mußte, um dem Andrang gehörig zu widerstehen. So währte es drei Tage hintereinander, ohne daß es sich zum Besseren anließ; und ich mochte mich allein damit trösten, daß es vor und hinter mir noch eine Menge von Schiffen gab, die ebenso angestrengt und vergeblich trachteten, trotz dem Eise noch Amsterdam zu erreichen. Selbst aber als diese nach und nach die näheren Nothäfen Medemblyck, Enkhuizen und Staveren zu gewinnen suchten, beharrte ich bei meinem Vornehmen und hoffte, daß endlich doch Wind und Wetter sich zu meinem Vorteil ändern würden.
Als ich mich nun solchergestalt, von allen anderen verlassen, abmühte, dem Schicksale mein Reiseziel gleichsam abzutrotzen, traten mein Schiffsvolk und der eingenommene Lotse zu mir, um mir vorzustellen, wie die Gefahr des Eises wegen sich stündlich mehre und wie ratsam es sein werde, nach dem Beispiel unserer bisherigen Gefährten, in einen anderen nahen Hafen einzulaufen. »Jungens,« entgegnete ich ihnen, »wo denkt ihr hin? Haben wir nicht ein starkes, dichtes Schiff? Sind unsere Anker und Taue nicht haltbar? Fehlt es uns an Essen und Trinken? Und wenn die in den anderen Schiffen furchtsame Memmen sind, die gleich beim ersten Frostschauer zu Loche kriechen, wollen wir uns ihnen darin gleichstellen? Ich meine, wir sehen es noch eine Weile mit an, und wenn es dann immer noch keinen besseren Anschein gewinnt, so bleibt ja Zeit genug, uns nach einem Nothafen umzusehen.« – Diese Vorstellungen wirkten, und sie versprachen, auch ferner ihr Bestes zu tun.
Des nämlichen Nachmittags kam mir ein kleines Fischerfahrzeug von Enkhuizen zur Seite. Drinnen saß ein alter Mann nebst seinem Jungen und rief mir zu: »Wie steht's, Kapitän, wollt Ihr auch Hilfe haben?« – Ich gab wenig auf sein Erbieten, denn seine Flunder-Schuite sah mir nicht danach aus, als ob sie mir sonderliches Heil bringen könnte oder das Eis über Seite schieben würde, wovon die Zuydersee vor uns vollstand. »Fahrt mit Gott!« rief ich ihm zu. »Mit Euerer Hilfe wird mir wenig gedient sein!«
Doch zu gleicher Zeit zog mich der Lotse beiseite und gab mir zu bedenken, daß es gleichwohl nicht übel getan sein würde, für den Fall, daß wir uns dennoch zu irgendeinem Nothafen bequemen müßten, einen Mann an Bord zu haben, der dieser Gewässer unbezweifelt noch besser als er selbst kundig wäre, und an welchem er dann eine um so gewissere Unterstützung finden würde. – »Immerhin!« versetzte ich, »wenn wir von dem alten Manne, der mir gar nicht danach aussieht, nur reellen Beistand zu erwarten haben.« – Dieser, der schon von uns abgestoßen hatte, ward also zurückgerufen, kam an Bord und wurde befragt, ob ihm die nächstgelegene nordholländische Küste hinreichend bekannt sei, um uns im Notfall als Lotse zu dienen?