Allmählich hatte sich die als verdächtig ausgemerzte Ware in der Kriegsbarke zu einem ansehnlichen Haufen angesammelt. Diese machte sich demnach von meinem Borde los, entfernte sich einige hundert Klafter abwärts und begann nun, den konfiszierten Käse ins Wasser zu werfen. Überall trieben die Stücke umher, aber ebenso bald auch machten alle Schaluppen und Fahrzeuge in der Nähe Jagd auf eine so willkommene Beute. Die Soldaten in der Barke suchten zwar diese Kapereien zu verhindern, schrieen, schimpften, und machten sogar Miene, Feuer zu geben; doch demungeachtet ward ein großer Teil von diesem Pestkäse glücklich wieder aufgefischt und hoffentlich auch ohne weiteren Nachteil für Leben und Gesundheit verzehrt.

Aber auch mein Weizen machte den Polizei-Offizianten Besorgnis. Denn ihrer sieben fanden sich ein, um seine Beschaffenheit zu untersuchen. Unglücklicherweise fanden sich nun einige zwanzig Weizensäcke, die zu äußerst an den Seiten gelegen hatten und von dem feuchten Dunst im Raume auswendig beschimmelt waren. Sofort war auch ihnen das Todesurteil gesprochen. Sie wurden aufgeschnitten und der Inhalt kurzweg über Bord geschüttet. Ich bewies durch den Augenschein, daß der Weizen in diesen Säcken nicht den mindesten Schaden gelitten, ich klopfte ihnen sogar auf ihre Schubsäcke, die sie mit diesem nämlichen, für verpestet ausgeschrienen Korne dick auszustopfen nicht verabsäumt hatten. Sie schüttelten bloß die Köpfe und entgegneten, die eingesackten Pröbchen seien nur zum Futter für ihre Hühner bestimmt, die sich ja als ein unvernünftiges Vieh den Tod nicht daran fressen würden.

Überhaupt sollte mein diesmaliger Aufenthalt in Lissabon nicht so geeignet als jener frühere sein, mir eine vorteilhafte Meinung von den Portugiesen beizubringen. Als ich eines Tages mit meinem Sohne, der mich auf dieser Fahrt begleitete, durch eine abgelegene Gasse ging, erblickten wir unter einem Bogengewölbe ein Muttergottesbild, vor welchem mehrere Lichter brannten. Vor dergleichen pflegt kein guter Katholik vorüberzugehen, ohne seine Kniee zu beugen und seinen Rosenkranz abzubeten. Zu beidem spürten wir keine Lust in uns. Ich blickte daher sorgsam vor und hinter mich, und da ich nirgends eine menschliche Seele gewahrte, rief ich meinem kleinen Begleiter zu, tapfer mit mir fortzuschreiten, bevor uns jemand hier erblickte und uns vielleicht ein böses Spiel bereitete.

Doch in dem nämlichen Augenblicke führte unser Unstern einen liederlichen Gassenbuben herbei, der unsern Mangel an Andacht wahrgenommen haben mochte, und sofort mit Hallo und Geschrei hinter uns drein lief, Steine aus dem Pflaster aufriß und uns mit Würfen verfolgte. Gleich in der nächsten Minute hatte sich ein ganzer Menschenschwarm gesammelt, der auf uns einstürmte, uns mit Unflat bewarf und aus vollem Halse den Ausruf »Ketzer! Ketzer!« hinter uns her ertönen ließ. Glücklicherweise konnten wir um eine Straßenecke und dann wieder um eine Ecke einbiegen, wodurch wir dem rasenden Pöbel aus dem Gesichte kamen. Zu noch besserer Sicherheit traten wir in einen, uns eben aufstoßenden Gewürzladen, wo ich eine Kleinigkeit kaufte und den aufgeregten Sturm vollends vorüberziehen ließ.

Alles dies vermehrte meinen Wunsch, diesen Hafen je eher je lieber wieder zu verlassen. Auch fand ich binnen kurzem eine anderweitige Ladung, aus Zucker, Kaffee, Wein bestehend, die nach Hamburg bestimmt war und mit deren Einnehmung ich mich sofort aufs fleißigste beschäftigte. Hier aber traf mich alsbald ein Verdruß anderer Art, der mich um all meine gute Laune zu bringen drohte. Es gab nämlich eine Menge von dänischen, schwedischen und holländischen Schiffen auf dem Platze, welche mich um diese vorteilhafte Fracht beneideten und sie womöglich gerne rückgängig gemacht hätten. Da sie nun allesamt mit den Barbaresken in Frieden lebten, ich aber als Preuße keine Türkenpässe aufzuweisen hatte, so sprengten sie an der Börse die lügenhafte Zeitung aus, daß zwei Algierer vor der Mündung des Tajo kreuzten und auf gute Beute lauerten.

In der Tat erreichten sie insofern ihren Zweck, daß meinen Auftraggebern unheimlich bei der Sache wurde, da sie bei mir auf keine freie Flagge zu rechnen hatten, und einer von ihnen, der mir bereits zwei Kisten mit spanischen Talern, als Frachtgut, in meine Kajüte gegeben hatte, ließ sie zurückfordern, und zog es vor, sich mit mir auf Erlegung der halben bedungenen Fracht zu einigen. Dagegen wußte ich die übrige, schon eingenommene Ladung standhaft zu behaupten, stach mit Ausgang des Juli in See, ohne einen Korsaren zu erblicken, und erreichte, sonder alles weitere Abenteuer, die Elbe glücklich und wohlbehalten.

Indes schien es mir gleichwohl vom Schicksal bestimmt, daß ich immer aufs neue mit Lissabon zu schaffen haben sollte; denn gleich meine nächste Fahrt, mit allerlei Stückgütern von Hamburg, war wieder auf diesen Platz gerichtet. Ich ging dahin im September ab, konnte aber erst Mitte November im Tajo Anker werfen. Desto hurtiger ging es aber mit meiner nächsten wiederum nach Hamburg bestimmten Rückreise, wo ich bereits nach Verlauf von vier Wochen anlangte, aber nun auch, des inzwischen eingetretenen starken Frostes wegen, mich entschließen mußte, zu überwintern.

Im nächsten Frühling 1782 neigte sich der amerikanische Krieg immer mehr zum Ende. – Ein Ereignis, welches sofort auch einen sehr bemerkbaren ungünstigen Einfluß auf den bisher so lebhaft betriebenen Handel der Neutralen äußerte, und wovon ich selbst unmittelbar die Folgen spürte, indem ich beinahe den ganzen Sommer auf der Elbe liegen blieb, ohne irgendeine mir konvenable Fracht zu finden. Diesen mir aufgedrungenen Müßiggang benutzte ich dazu, meine Papiere in Ordnung zu bringen und mich mit meinem Patron, Herrn Groß in Stettin, über sämtliche Reisen, die ich bisher für ihn getan hatte, zu berechnen. Sobald dies Stück Arbeit fertig war, schickte ich es, mit sämtlichen Belegen über Einnahme und Ausgabe, an ihn ein, und machte ihm bemerklich, wie ich mit seinem Schiffe, nach Abzug aller Ausrüstungs- und Unterhaltungskosten, aller Volkslöhnungen, angeschafften und verbrauchten Provisionen, Assekuranz-Prämien und außerordentlichen Kosten reine fünfunddreißigtausend Taler für ihn verdient habe. Was jedoch den letzteren Artikel der »extraordinären Ausgaben« betreffe, so beruhigte ich mich mit seiner eigenen langen Erfahrung im Schiffswesen, daß er den Unterschied der Zeiten nicht übersehen werde.

Diesen Rechnungen schloß ich zugleich eine Übersicht meiner eigenen Forderungen an ihn bei, die sich auf tausendsiebenhundertundeinundsiebzig Taler und einige Groschen beliefen, mit der Bitte, mir darüber einen Revers zukommen zu lassen, den ich, um Lebens und Sterbens willen, bei Johann Daniel Klefecker in Hamburg niederzulegen gedächte. Meine Papiere aber wünschte ich, nachdem sie von ihm durchgesehen und gutgeheißen worden, von seiner Güte zurückzuempfangen.