Der Himmel aber fügte es, daß der Kunststeiger dennoch eine falsche Rechnung gemacht hatte. Sein eigener Sohn Veit war, unbemerkt von ihm, noch in der Grube zurückgeblieben. So wurde dieser nun derjenige, der zuletzt zum Ausfahren kam; – aber er hat das Tageslicht nicht mehr gesehen und keines Menschen Auge erblickte den Unglücklichen jemals wieder. Der Teufel lauerte seinem Opfer auf und stürzte es rücklings in die grausige Tiefe. Als der Kunststeiger seinen Feind, den Obersteiger Gebhardt, rüstig und ohne Fährlichkeit Sprosse um Sprosse hinter sich nachfahren sah, mochte er sich wohl wundern, daß der Satan sich nicht des letzteren bemächtigte. Mit Unwillen und Staunen bemerkte er, daß sein Widersacher unbeschädigt nach ihm die Schachtkaue betrat. Als er aber mit düster forschendem Blicke die Mannschaft überschaute, und unter ihr seinen Sohn Veit vermißte, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; der Teufel hatte ihn um das liebste, für welches sein verknöchertes Herz noch Gefühl gehegt, betrogen. Bewußtlos sank er zusammen.

Die Abwesenheit Veits war bald bemerkt worden; man wunderte sich über sein Außenbleiben. Da erhob sich der endlich zum Bewußtsein gekommene Kunststeiger mit irrem Blicke. Hastig schrie er: »Ich will sehen, wo mein Sohn geblieben ist!« Dann fuhr er zurück in die Grube. »Niemand folge mir, dem sein Leben lieb ist!« herrschte er den Knappen zu, die sich erbötig zeigten, den bekümmerten Vater zu begleiten.

Die Berghäuer gehorchten und lauschten nur hinab in die Tiefe.

Da erscholl es drunten wie von mächtigen Axthieben und man vernahm bald darauf ein entsetzliches Geprassel. Erschrocken flohen die Leute, denn sie befürchteten des Schachtes baldigen Einbruch und hatten sich nicht getäuscht. Der Kunststeiger zerhieb mit furchtbaren Axtschlägen die Kunstgestänge und zerstörte die Gerinne, in welchen das starke Aufschlagwasser zum Umtriebe des Kunstrades über den Schacht geleitet war, so daß die ganze Wassermasse sich in die Tiefbaue ergoß und bald die ganze Grube ersoff. In den wild hereinstürzenden Gewässern hat der Kunststeiger seinen Tod gefunden. Der Teufel verpaßte seine Zeit nicht: er hatte ihn drunten geholt.

Des Obersteigers Tochter Johanna verfiel infolge jenes trübseligen Ereignisses in ein hitziges Fieber, an welchem sie lange in Lebensgefahr darniederlag. Die Jugend half ihr die Krankheit überwinden, aber sie war und blieb für immer tiefsinnig. So trat sie in das in der Sächsstadt zu Freiberg gelegene Jungfrauenkloster zur heiligen Maria Magdalena ein. Erst später verließ sie es wieder, als dasselbe bei der Reformation gänzlich aufgelöst wurde, und kehrte in die Welt zurück. Die Grube Turmhof kam nach jenem unglücklichen Ereignisse zum Erliegen, denn wo der Teufel gehaust hat, kann kein Segen aufkommen.

253. Der versteinerte Kammerwagen.

(Fr. Bernau: Comotovia 1877, S. 80.)

In einem friedlichen Thale bei Neudeck lebte ein Bauersmann still und zufrieden mit seiner Familie; nur seine älteste Tochter, bereits zur blühenden Jungfrau herangewachsen, machte ihm manche Sorge. Sie unterhielt nämlich ein Liebesverhältnis mit einem armen Burschen aus der Umgebung des Dorfes, der als Bergknappe im Schoße der Erde sein Brot verdiente. Schon lange wurde von den Liebenden eine Verbindung angestrebt, allein der Vater versagte die Einwilligung, so sehr auch das Mädchen darum bat. Da beschloß der Knappe, sich noch auf einige Jahre in eine andere Gegend zu wenden, dort fleißig zu arbeiten und nach seiner Rückkehr wieder um die Hand der Geliebten anzuhalten. Diese gelobte ihm beim Abschiede ewige Treue, und dadurch getröstet zog er von dannen.

Anfangs schien der Schmerz des Mädchens über die Entfernung des Geliebten sehr groß; doch nach und nach mäßigte sich die Sehnsucht, und Zeit und Arbeit brachten es dahin, daß sie den Geliebten allmählich vergaß. Da gelang es denn einem andern Dorfburschen ohne Mühe, sich ihre Gegenliebe zu erwerben, und da er reich war, erhielt er auch die Einwilligung des Vaters. Es wurden Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen, und der Tag der Trauung war nicht mehr fern. Da kehrte plötzlich der Bergknappe zurück. Er hatte sich in der Fremde manches erspart und hoffte nun, bald im Besitze des geliebten Mädchens zu sein. Abends, als es schon im Thale zu dämmern begann, ging er an das Haus seiner Geliebten und hoffte sie zu sehen; er sah sie auch – aber in den Armen eines andern. Wie ein Blitzstrahl durchfuhr es seine Glieder, er wollte vorwärts, doch sein Fuß war wie angewurzelt; einen Fluch zwischen den Zähnen murmelnd, stürzte er hinweg. Von diesem Tage an war er fahrlässiger in seinen Arbeiten und siechte vor Gram immer mehr dahin. Oft sah man ihn spät abends seine Hütte verlassen und einem Platze zuwandern, welchen selten ein Mensch betrat, da, wie es hieß, die bösen Geister dort ihr Wesen trieben. Hier schloß er nun ein Bündnis mit dem Bösen, um die treulose Geliebte und ihren Bräutigam zu verderben. Acht Tage vor der Hochzeit begab er sich in die Wohnung der Braut. Obschon von seiner Ankunft unterrichtet, erschrak sie doch sehr über sein verstörtes Aussehen; er dagegen gab sich den Anschein, als wüßte er nichts von ihrer Treulosigkeit. Vor Schreck war sie keines Wortes mächtig; da er hieraus nur zu deutlich ersah, daß sie wirklich treulos an ihm gehandelt, kündigte er ihr mit kurzen Worten seine Rache an; er werde mit Hülfe des Teufels alles das, was sie vom Hause aus mit bekäme, verderben, weil es ihr Reichtum war, der ihren Vater von der Einwilligung zur Verbindung mit einem armen Burschen abgehalten hatte. Und auch sie selbst werde den Folgen seiner Rache erliegen zur Strafe für ihre Treulosigkeit. Und so geschah es. Die Hochzeit wurde gehalten und das Ehepaar begab sich in die neue Heimat; der hochbepackte Kammerwagen folgte. Eben passierten sie eine Höhe, von welcher sie die Hütte des Bergknappen erblicken konnten. Da erbebte von einem dumpfen Donner der Boden, der Kammerwagen ward umgestürzt, die Betten und alle sonstigen Geräte lagen am Boden und wurden in demselben Momente zu Stein. Die vor den Wagen gespannten Tiere wurden scheu und stürzten wie wütend den Berg hinab, den Kammerwagen gänzlich zertrümmernd. Die Braut aber warf der Schreck aufs Krankenlager, und dies, sowie die Reue über die begangene Treulosigkeit, brachten ihr einen schnellen Tod. Dieses war nach der Sage die Rache des Bergknappen; er selbst war nach diesem Vorfalle aus der Gegend verschwunden und nie hat man ihn wieder gesehen. Aufgehäufte Steinmassen bezeichnen noch heute die Stelle seiner Rache.

254. Wie der Teufel Schellerhau verlor.