VII.
Wundersagen.
Durch Wunder geschieht Übernatürliches, d. h. alles das, was sich über die Naturgesetze erhebt. Wunder können daher nur Götter oder dämonische Wesen verrichten; wo sie von Menschen verrichtet werden, da wohnt in letzteren allemal etwas Dämonisches.
Wenn uns die Sagen von Wunderblumen erzählen, durch welche sich Berge mit darin verborgenen Schätzen öffnen, so leben wir auf dem Gebiete des Übernatürlichen, zugleich aber offenbart sich uns darin eine tiefe Symbolik. Die ersten gelben, blauen, weißen oder roten Frühlingsblumen sind die Abbilder des Blitzes, durch welchen Donar im Frühlinge die Berge des Himmels, d. h. die Wolken erschließt, so daß darauf die golden glänzende und Segen spendende Sonne sichtbar wird. Unter gewaltigem Krachen öffnet sich der Berg, unter Donner die Wolke, und Donar ist es selbst, welcher sie mit seinem Blitze öffnet, er ist der Hirte, von dessen Hand die Blume abgepflückt ward, die dann den Zugang zu den Schätzen im Innern des Berges erschloß. (Mannhardt, Die Götter der deutschen und nord. Völker, S. 204.) In allen hierher gehörigen Sagen ertönt die warnende Stimme: »Vergiß das Beste nicht!« und so ist dieser Zuruf nach Jac. Grimm (Deutsche Myth. S. 545) wohl die Blume selbst, unser »Vergißmeinnicht«, zu dessen Namen sich später erst die sentimentale Deutung bildete, oder der »Gamander« und das »Mausöhrchen«, welche beide ebenfalls vom Volke, das ihre Wunderkraft berücksichtigte, als »Vergißmeinnicht« bezeichnet wurden. Oder die Wunderblume ist die gelbe Schlüsselblume, das »Himmelschlüssel«, worauf eine Sage hinweist, welche Henne-Am-Rhyn (Deutsche Volkssage, S. 79) uns mitteilt. Darnach saß die Berg-Jungfrau am Steinböckli bei Unter-Erendingen im Aargau als Hüterin auf einem Häuflein gepflückter Schlüsselblümchen in der Morgensonne, ein Schlüsselbund, das sich hier, wie in anderen Sagen, stets auf einen verborgenen Schatz bezieht, an der Seite. Ein aufgehobenes Schlüsselblümchen verwandelte sich darauf in der Hand eines Jünglings in ein hellglänzendes Goldstück. – Wenn oben auf die Symbolik des Blitzes als Wunderblume hingewiesen wurde, so ist hier die Schlüsselblume unverkennbar eine solche, da sie sich in den Händen des Jünglings in ein Goldstück verwandelt; nach einem deutschen Volksglauben schlägt der Donner Gold ins Haus, und in Tyrol sagt man von den nach einem Gewitter gefundenen Münzen, daß sie vom Himmel gefallen seien.
Wie das Eisenkraut (Verbena) als »Wunschkraut«, wenn man dasselbe beim Aufgehen des Hundssterns sammelte, ehe es von Sonne oder Mond beschienen war, und ebenso die »Wünschelsamen«, d. h. die Sporen des Farnkrauts, alle Wünsche erfüllten (Reling und Bohnhorst, Unsere Pflanzen, S. 62 und 112), so galt auch die Wünschelrute unbeschadet ihrer Beziehung zu Donar als wunderkräftiger Stab, der dem Menschen von Odhin, als dem Herrn des Wunsches und Wisser der Orte, wo Gold und Silber in der Erde liegen, verliehen ward. Nach Jakob Grimm drückt der Wunsch den Inbegriff von Glück und Heil aus. Die Wünschelrute heißt darum in David Kellners 1702 zu Nordhausen geschriebenen »Schola metallurgica« oder »wohleingerichteten Bergmanns-Schule« auch Glücksrute, und hinzugefügt wird dabei, daß man sie noch »Wicker« oder »Wahrsager« nenne, »sintemal das alte deutsche Wort wicken so viel ist, als vorher- oder wahrsagen.« Die Wünschelrute ist der Kompaß, welcher in der Mitternachtsstunde des ersten Maitages den Ort anzeigt, wo die Wunderblume blüht (Mannhardt a. a. O. S. 206); sie führt nach den ältesten Überlieferungen zu verborgenen Schätzen, ja noch mehr als dies: sie stärkte und vergrößerte fort und fort deren Gehalt und verlieh dem Besitzer übermenschliche Kräfte, und darum sagt auch die Edda von dem Nibelungenhorte, »dem Schatze, der nichts anderes als nur Gestein und Gold enthielt,«
»Es lag der Wunsch darunter: von Gold ein Rütelein;
Wer dessen Kraft erforschte, der möchte Meister sein
Wohl auf der ganzen Erde und über jeden Mann.«
Hier wird die Wünschelrute golden genannt, und obschon man in der Blütezeit ihres Gebrauchs vereinzelt auch aus Messingdraht gemachte Ruten, ja selbst Lichtscheren, wie uns sagenhafte Überlieferungen melden, mit gutem Erfolge anwandte, so war es doch hauptsächlich der Haselstrauch und in einigen Fällen noch der Kreuzdorn, wenn der Zweig in einem Jahre gewachsen und kein Flecken altes Holz daran war, von welchem sie abgeschnitten wurde. Nach einer Kärntner Sage von der Erbauung des Schlosses Waisenburg wurde ein Mädchen in einem Traume belehrt, sie möge mit einem Wachholderzweige einen Schatz suchen; dort, wo sich das Zweiglein der Erde zuneige, solle sie nachgraben. (Österr. Touristenzeitung 1885, No. 10.) Der dem Donar geweihte Haselstrauch ist nach der Sage mit wunderbaren Kräften ausgestattet. Sein Zweig schützt gegen den Blitz, denn letzterer darf weder den Strauch, noch denjenigen treffen, welcher unter ihm Schutz sucht; ein Haselstab, mit einem Hollunderzweige übers Kreuz gebunden, schützt gegen das wütende Heer; Haselzweige in den Ställen bessern den Viehstand auf; drei derselben auf dem Boden einer Scheune sichern das Getreide gegen allen Schaden; Kühe, von den Hirten mit Haseln an die Lenden geschlagen, geben reichlich Milch; ein am Karfreitage vor Sonnenaufgang im Namen des dreieinigen Gottes stillschweigend mit drei Schnitten abgelöster Zweig überträgt die Schläge auf den Abwesenden, und so weiß das Volk noch manche Kräfte zu nennen, welche dem Strauche verliehen wurden. Im Schwarzwalde trugen einst die Hochzeitsleute eine Haselrute, und an einigen Orten Frankreichs umtanzt man noch jetzt die Johannisfeuer mit einem Haselzweige.
Für die Wünschelrute mußte vom Strauche eine jährige Zwiesel oder Gabel, welche so stand, daß Ost- und Westsonne durch dieselbe schien, im Mondschein geschnitten werden. Man wählte dazu am liebsten die Johannis-, aber auch Christ- und Karfreitagsnacht, oder die der heiligen drei Könige, nachdem man die Rute bei Neumond gesucht hatte. Sie durfte weder mit Hülfe eines Messers oder anderen metallenen Werkzeugs, sondern mußte mit einem scharfen Feuerstein rasch vom Stamme gelöst werden, damit der Strauch nicht Zeit habe, die geheimnisvolle Kraft aus dem Zweige herauszuziehen. Dabei kehrte man sein Angesicht nach Morgen, neigte sich dreimal vor der Rute und sprach: »Gott segne dich, du edles Reis! Mit Gott dem Vater such' ich dich, mit Gott dem Sohne find' ich dich, mit Gott des heiligen Geistes Macht und Kraft breche ich dich. Ich beschwöre dich Rute und Sommerlatte bei der Kraft des Allerhöchsten, daß du mir wollest zeigen, was ich dir gebiete, und solches so gewiß und wahr, so rein und klar wie Maria, die Mutter Gottes, eine reine Jungfrau war, da sie unsern Herrn Jesum gebar, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« (Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen, S. 712.) Beim Gebrauche faßte man die Rute an den beiden Zwieselenden, so daß sich der Stiel, in welchem sie zusammenliefen, aufwärts kehrte. Kam man damit über die in der Erde liegenden Erzgänge, so beugte sie sich gewaltig nieder, während sie dann, wenn man dem Gange nicht folgte, sondern ihn überschritt, gerade über sich unbeweglich stand. Etliche Rutenschläger »gingen mit ihr stillschweigend über das Gebirge, etliche aber fragten dieselbe entweder laut oder nur in Gedanken auf allerhand Manier und faßten auch ein gewiß Metall, dergleichen sie gern erkundigen wollten, daneben in der Hand.« »Es ist aber«, wie die oben genannte Schola metallurgica (S. 196) schreibt, »diese Wirkung der Rute ein Wunder der Natur und verborgenen Sache, deren Ursache man nicht wohl erkundigen kann, ebenfalls wie der Magnet das Eisen, der Agtstein, so er erhitzet, das Stroh oder Sprey, der Serpentin oder Schlangenstein, wo er im Felde lieget, die Schlangen an sich ziehet, und dergleichen natürliche Wunder viele mehr.«
Nach Jacob Grimm unterschied man von der Wünschelrute mehrere Arten: als Feuerrute, Brandrute, Springrute, Schlagrute und Beberute, und man glaubte mit ihr nicht nur verborgene Schätze und Erzadern, sowie taube Gänge, »alte Gebäude und Gezimmer in der Erde«, sondern auch Salz- und Kohlenlager und Wasserquellen, ja Mörder und Diebe zu entdecken.« (Grimm, Deutsche Myth. S. 546.) Der Verfasser der Schola metallurgica fügt außerdem (S. 490) hinzu, daß man von ihr fast alles erkundigen wolle, was in der Welt geschähe, ob nämlich diese oder jene Person zu Hause sei, oder ob man eine belagerte Festung erobern werde und dergleichen mehr; doch kann er nicht umhin, dabei hinzuzusetzen, daß ihm dieses sehr verdächtig vorkomme. Nach einer Überlieferung aus Johanngeorgenstadt schlägt die Rute auch auf verborgene Rainsteine und durch sie werden Diebe entdeckt und gestohlene Sachen wieder gefunden.
In das Bereich der Wundersagen gehören auch die Überlieferungen von den Venedigern oder Wahlen, jenen rätselhaften Fremden, welche außer dem Fichtelgebirge, Thüringerwalde, dem Vogtlande und andern mitteldeutschen Gebirgen auch das Erzgebirge nach Gold durchsuchten und von dem Volke mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wurden. Sie kannten das Innere der Berge, wuschen die Goldkörner aus dem Sande der Flüsse und waren mancher Zauberkünste kundig. Vielleicht sind manche der von ihnen meldenden Sagen auf die Schätze hütenden Berggeister zurückzuführen, umsomehr, da in den Volkssagen der Oberpfalz die Venetianer häufig Größe und Aussehen der Bergmännchen besitzen. In der Bavaria (III. S. 269) deutet E. Fentsch die Wahlen als Wenden und verweist dabei auf eine Ansicht von Baumers, nach welcher die Vallen des Plinius ein slavischer Volksstamm waren, welcher beim Vordringen aus dem Osten Europas bis in die Fichtelgebirgsgegend gelangte und dort seine alte Kunst, nach Gold und andern Metallen zu graben, ausübte. (Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 104.) Wir können dann noch weiter gehen und auch die Venediger des Erzgebirges auf zerstreute Sorben zurückzuführen, welche, als einem unterdrückten Volksstamme angehörig, in der Überlieferung nach und nach zu zwerghaften Wesen zusammenschrumpften. Meldet uns doch auch eine alte Nachricht, »daß schon dreihundert Jahre vor Aufkunft des Goslarischen Bergbaues unter Otto I. die böhmischen Wenden unser Obergebirge (Erzgebirge) jenseits, unsere Wenden aber diesseits (d. h. auf jetzt sächs. Seite) angebaut, daselbst Eisenstein gegraben, Eisenhämmer und Schmelzhütten angelegt und von Pirna bis an Hof im Vogtland alle Wälder, Berge und Hügel durchschürft hätten.« (Schurig, Beiträge zur Geschichte des Bergbaues im s. Vogtland, S. 2.)