364. Die Grundsteinlegung der St. Wolfgangskirche in Schneeberg.
(Mündlich.)
Es wird erzählt, daß man anfangs beabsichtigt habe, die St. Wolfgangskirche in Schneeberg auf dem Platze zu erbauen, wo gegenwärtig die Bürgerschule steht. Als man aber daselbst den Grundstein legte, verschwand derselbe zweimal nach einander. Da erschien einem Bergmanne im Traum ein Grubenmännchen, welches ihm die Stelle zeigte, auf welcher die neue Kirche erbaut werden sollte. Als man daselbst den Grundstein legte, blieb er liegen. Darauf führte das Männchen den Bergmann in die Tiefe und zeigte ihm unter dem Platze die reichen Silbererze.
365. Der goldne Hirsch auf dem Kuhberge.
(Mitgeteilt vom Lehrer Ludwig in Stützengrün.)
Man erzählt sich, daß auf dem Kuhberge bei Stützengrün, links von dem Fahrwege, welcher von genanntem Orte auf den Berg führt, in einer mit Heidekraut überwachsenen grubenartigen Vertiefung ein goldener Hirsch vergraben liege. Wenn der Hirsch aufgefunden wird, was bestimmt geschehen soll, wird der Kuhberg zur Stadt werden. Einen Brunnen auf dem Kuhberge heißt man Goldbrunnen.
Nach altüberlieferten Vorstellungen, welche besonders in deutschen Volksmärchen einen Nachklang haben (als z. B. das Marienkind ein wenig an den Glanz der Dreieinigkeit rührte, wurde ihm der Finger golden), war nicht nur der Götterhimmel golden, sondern auch der Leib der Götter selbst und ihrer Lieblingstiere von einem Geblüt durchronnen, welche reines Gold ist. Golden ist der Hirsch, weil er der Leben nährenden Sonne angehört. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 4–7.)
366. Die Eselswiese bei Zwickau.
(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts bei Gräße a. a. O. No. 610; z. T. mündlich.)
Südlich von Zwickau liegt eine Wiese, die man Eselswiese nennt. Diese Wiese soll einst von einem Zauberer bezaubert worden sein, der auf ihr einen gefährlichen Fall gethan, so daß, obschon schönes Gras und Klee darauf wuchs, sie doch von ihrem Besitzer durchaus nicht benutzt werden konnte, weil die Milch des Viehes, das von demselben fraß, so blau wie Indigo ward. Nun hatte aber nicht weit von der Wiese ein armer Holzmacher seine ärmliche Hütte gebaut; derselbe wurde, da er drei Esel besaß, der Eselsgürge genannt, und er war allgemein wegen seiner Gutherzigkeit beliebt und gern gesehen. Der zog sich das Gras dieser Wiese zu Nutze und seine Esel wurden dick und fett davon.