Zur Zeit, als M. Johannes Mathesius, Luthers Schüler und Tischgenosse, in Joachimsthal als Pfarrherr wirkte, bewohnten »das vor alters benannte rote Haus im untern Viertel des Türkners« mehrere Protestanten und ein Mädchen, welches der römisch-katholischen Kirche treu geblieben war. Von den vielen Heiligenbildern, mit denen es das Kämmerlein geschmückt hatte, erfreute sich besonders eine alte, verbräunte Muttergottesstatue einer hohen Verehrung seitens des Mädchens. Ungestört kniete dieses oft stundenlang vor derselben und flehte mit gefalteten Händen zur Jungfrau Maria, der gnadenreichen Himmelskönigin. Allein bald erfuhren die Hausgenossen von der stillen Andacht, welcher sich das Mädchen hingab, und zwei Brüder, eifrige Protestanten, faßten den Entschluß, diesen religiösen Übungen für immer ein Ende zu machen. Der eine der Brüder bemächtigte sich eines Tages der Statue und wollte sie mit dem Angesichte gegen die Mauer annageln, wovon das Zeichen noch heute an dem Hinterhaupte des Bildes zu sehen sein soll, fiel aber zur Strafe für seine Frevelthat von der Leiter und starb. Der andere warf hierauf das Marienbildnis in den Winkel eines im Hause befindlichen Hühnerkämmerleins, wo es, durch Schmutz entstellt, viele Jahre versteckt blieb, bis mit der Vertreibung der Protestanten der Katholicismus in Joachimsthal wieder feste Wurzeln faßte.

Damals geschah es, daß David Weidner aus Plan sich daselbst niederließ und mehrere, von den Protestanten verlassene Bürgerhäuser, darunter auch das rote Haus, kaufte. Zu seiner Überraschung fand er in letzterem die Muttergottesstatue in dem Hühnerkämmerlein; er ließ sie als guter Katholik absäubern und hielt sie lebenslang in Ehren. Weidner starb um das Jahr 1676 als Stadtrichter und vererbte das Bildnis seiner Tochter Anna Lucia, verehelichten Mader, die dasselbe als Heiligtum aufbewahrte und andächtig in ihrem Wohnzimmer verehrte. Als darauf in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts die Joachimsthaler Gemeinde an dem denkwürdigen Orte, wo des Einsiedlers Niavis kleine Kapelle gestanden, die bei Einführung des Luthertums in hiesiger Gegend zerstört wurde, eine Kirche erbaute, ließ Anna Lucia Mader daselbst ihre Muttergottesstatue zur allgemeinen Verehrung aufstellen. Nach diesem Marienbilde erhielt die Kirche, da die Gegend schon von uraltersher Sorg hieß, den Namen »Maria-Sorg«, der in der Folge auch auf das Dorf überging.

Noch immer ladet die Kirche zu Maria-Sorg zum Beten ein, dagegen fiel das alte rote Haus dem verhängnisvollen Brande vom 31. März 1873 zum Opfer.

442. Das Marienbild bei Klösterle.

(Glückauf, 3. Jahrg., Nr. 4, S. 33.)

Bei Klösterle steht an der Schlackenwerther Straße ein Marienbild in einer hohlen Linde. Das stand erst auf der andern Seite, auch in einem Baume. Da schlug das Wetter ein. Der Baum flog in tausend Granatstücke und das Bild schwebte unversehrt, so daß ihm kein Unthätchen geschehen, über die Straße zu der andern Linde, und dort hat man es denn auch aufgestellt.

Die Linde, der Nationalbaum der Deutschen, galt unsern Vorfahren als heilig; sie war besonders der Göttin Frigg geweiht, an deren Stelle später Maria getreten ist, die nun zur Beschützerin der Linden wurde. Auch das Bild der heiligen Maria von Rosenthal wurde in einer Linde gefunden. (Haupt, Sagenbuch II, Nr. 287.) Als ein aus Holz geschnitztes Marienbild von den Rastenburgern von seinem Platze, einer Linde, welche immer grün blieb, geholt und nach der Kirche getragen wurde, stand es doch am andern Morgen wieder in der Linde, weshalb man unter derselben eine Kapelle baute. So entstand der Wallfahrtsort »Heiligenlinde«. (Reling und Bohnhorst, unsere Pflanzen, S. 17.)

443. Das Marienbild in Mariaschein.

(Th. Schäfer, Führer durch Nordböhmen, 3. Aufl., S. 65.)

Von Teplitz 1½ Stunde entfernt und in der Nähe des Bergstädtchens Graupen liegt das Jesuitenkloster Mariaschein. Die große Kirche desselben ist rings von prächtigen Linden umgeben, sowie von Säulenhallen, in denen Beichtstühle aufgestellt sind; Freskobilder stellen die wunderbaren Wirkungen des Gnadenbildes dar. Dieses selbst, ein Marienbild, »die schmerzhafte Mutter Gottes«, wird in der Mitte des Hochaltars unter Glas in goldener Hülle aufbewahrt; es ist aus Thon, etwa 12 cm hoch, und soll zur Zeit der Hussitenkriege nach der Zerstörung des Nonnenklosters zu Schwatz von einer Nonne in einer Linde an der Stelle der jetzigen Kirche versteckt worden sein, wo es seine Kraft durch die wunderbare Errettung eines Mädchens von einer Schlange bewies. Als die Bürger des Städtchens Graupen dasselbe in feierlichem Zuge in ihre Kirche gebracht hatten, kehrte es auf wunderbare Weise in die Linde zurück. Deshalb baute man an dieser Stelle zuerst eine Kapelle, dann die Kirche. Bei Wallfahrten wird das Bild gezeigt und von den Gläubigen geküßt.